Das blaue Sofa - Ein literarischer Dialog zwischen Jacob Hein und Feng Tang

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| Jakob Hein und Feng Tang auf der Buchmesse in Peking |
Peking und Berlin
Hein: Berlin ist schon groß, aber nicht zu vergleichen mit Peking. In Berlin ist es nicht so laut und chaotisch, man kann dort sehr bequem leben. Aber in Peking findet man kaum Ruhe und Entspannung.
Feng Tang: Peking hat sehr viele Facetten. Hier sind Altes und Hochmodernes, Stupides und Geistreiches, Hochliterarisches und Triviales an einem Ort versammelt. Dabei muss ich sagen, Peking gefällt mir in den letzten Jahren immer weniger. Obwohl äußerlich alles recht normal erscheint, hat man das Gefühl, dass sich die Stadt im Kriegszustand befindet.
Entwicklungsroman und ZeitgefühlHein: Mein erster Roman "Mein erstes T-Shirt" (2001) ist autobiographisch gefärbt. Wenn man auf diese Art schreibt, kann man sehr ehrlich Persönliches sowie innere Vorgänge zum Ausdruck bringen. Oft gelingt es einem, an den Kern der Dinge zu rühren. Aber auch das persönlichste Buch trägt die Gesellschaft und den Geist der Zeit in sich, es gibt kein unpolitisches Schreiben. Die Zeit wird sowohl von der Gesellschaft, also auch von dem Individuum her gefühlt, beide sind untrennbar miteinander verbunden.
Feng Tang: Meiner Meinung nach ist die Zeit das Einzige, was weder Anfang noch Ende hat. Meinem neuesten Roman liegt ein einfaches Konzept zugrunde. Ich schreibe über die Transformation Pekings zwischen 1985 und 2000, sie bildet das Hintergrundszenario. Es geht um die Zeit als ich die Mittelschule und die Universität besuchte, bis zum Abschluss meiner Promotion. Zeit und Ort können das Charakterstische einer Entwicklung zum Ausdruck bringen. Ich finde ein Schriftsteller sollte das schreiben, was er will und sich nicht verbiegen lassen. Er sollte sich nicht nach den Bedürfnissen der Zeit, des Volkes, der Kritiker oder des Marktes richten, all das hat mit ihm nichts zu tun. Er muss sich selbst treu bleiben.
Hein: Warum laufen im chinesischen Fernsehen so viele Historienfilme über Monarchen und Generäle?
Feng Tang: Das lässt sich ganz einfach erklären. Wenn die politischen Umstände keine Gedanken darüber zulassen, was gegenwärtig gut oder schlecht läuft, bleibt einem nur der Blick auf die Geschichte. In der Hoffnung, dass man auf indirekte Art etwas zum Ausdruck bringen kann. Aber in 80-90% der Fälle wird im Fernsehen die Geschichte tendenziös gedeutet. Die Interpretation der Geschichte orientiert sich an der offiziellen Meinung.
Chinesische Literatur in DeutschlandHein: Insgesamt ist das Interesse der Deutschen an der Literatur des fernen Ostens oft von Klischees bestimmt, beispielsweise vom Klischee des Geheimnisvollen und Erotischen. Auch die chinesische Literatur unterliegt diesen Lesererwartungen. Die japanische Literatur hat einen etwas besseren Stand, ihr ist es gelungen, aus dem Kontext asiatischer Literatur herauszutreten. Das Interesse Deutschlands an chinesischer Literatur nimmt natürlich immer mehr zu. Es ist typisch deutsch, ein Land oder eine Kultur über seine Literatur kennen zulernen. Das ist natürlich ein langsamer Prozess, aber er ist schon im Gang.
Dieser Dialog wurde u.a. von der Bertelsmann Direct Group und dem Buchinformationszentrum (BIZ) Peking gesponsert, die freundlicherweise die chinesischen Mitschriften der Gespräche zur Verfügung gestellt hat.
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Bertelsmann AG / Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
August 2007















