Kulturschock in Wuppertal
Anreise
Am 9. September 2007 flog ich als Schülervertreter der Organisation AFS in China von Peking nach Frankfurt. Wir Austauschschüler hatten alle viel Gepäck, aber ich hatte am meisten – sieben Stück nahm ich mit ins Flugzeug, und zwei hatte ich eingecheckt, insgesamt waren es 90 Kilo. Ich hatte Glück, dass mich die zuständige "Tante" am Flughafen in Peking ohne Strafe durchließ. Hier möchte ich mich bei ihr im Namen von AFS bedanken! Den deutschen AFS-Freiwilligen, die uns abholten, blieb der Mund offen stehen, als sie mein Gepäck sahen. Das meiste waren Geschenke, wie das bei uns in China so üblich ist.
Am Sonntag sind in Deutschland alle Läden geschlossen. Es gibt nicht viele Menschen auf der Straße und auch wenig Verkehr. Wir blieben eine Nacht in Frankfurt, dann nahmen alle AFS-Schüler ICE-Züge in ihre verschiedenen Städte. Am Nachmittag kam ich in Wuppertal an. Hier wohne ich jetzt seit fünf Monaten.
Aller Anfang ist schwer...
Am Anfang hatte ich starkes Heimweh. Jetzt weiß ich, dass es allen jungen Leuten in der Fremde so ergeht. Egal, wie gut man betreut wird. Obwohl meine deutsche "Mama" sehr gut zu mir ist, konnte sie mein Heimweh nicht vertreiben. Als mich meine Gastfamilie abholte, wurde ich nicht geküsst oder umarmt, wie ich es mir vorgestellt hatte, sondern es gab nur ein einfaches Händeschütteln. Vielleicht wird jemand aus ihrer Familie so empfangen, wenn er aus der Ferne zurückkommt. Auf jeden Fall fühlte ich mich sehr kühl empfangen.
Bowens Gastmutter
Mein Zuhause
Wuppertal ist eine stille Kleinstadt. Meine Gasteltern sind beide Anwälte. Sie haben zwei Söhne im Alter von 18 und 15, ein dreistöckiges Haus und zwei Autos. Ein ganz gewöhnlicher Haushalt, aber es fühlt sich wie ein richtiges Zuhause an.
Die Atmosphäre in meiner deutschen Gastfamilie ist sehr entspannt. Dass ich mich trotzdem immer noch fremd fühle, liegt nur an mir selbst, nicht an irgendetwas, was meine Gastfamilie getan hätte. Der Druck kommt aus meinem Inneren, er entsteht durch die Unterschiede in der Kultur und die verschiedenen Gewohnheiten. Darauf sollte sich jeder Austauschschüler innerlich vorbereiten.
Wegen der mangelnden Sprachkenntnisse, kann ich oft nicht ausdrücken, was ich fühle. Und selbst wenn es gelingt, ist die Reaktion oft anders als erwartet. Also muss ich das meiste für mich behalten. Die Deutschen sind sehr direkt, das ist für mich auch manchmal völlig unfassbar oder sogar gefühllos. Gleich am ersten Tag wurde ich zum Kloputzen eingeteilt. Für ein Einzelkind aus Chinas ist es wirklich kaum zu verstehen, dass die Direktheit der Deutschen so weit geht. Ich habe mich damit getröstet, dass "das ganz normal ist, ich gehöre eben zur Familie". (Aber innerlich war ich doch gekränkt. Wenn ich jetzt daran denke, wie viel meine Gasteltern für mich getan haben, ist das bisschen Kloputzen allerdings nichts dagegen. Ich war auf so etwas eben innerlich nicht vorbereitet. Chinesische Einzelkinder sind zu stolz, sie sind sich für körperliche Tätigkeiten zu schade.)
Wenn ich später in China noch einmal die Gelegenheit haben werde, einen Austauschschüler zu empfangen, will ich unbedingt dafür sorgen, dass sie sich bei uns wie daheim fühlen! In Deutschland habe ich gelernt, was den "anderen verstehen" bedeutet.
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Kein Körnchen Staub
In Deutschland kann man sich überall hinsetzen, das hat mit dem ausgeprägten Umweltbewusstsein zu tun. Der Himmel ist fast jeden Tag bedeckt und es gibt überall Gras, daher gibt es wenig Staub. Das Wetter ist in Deutschland oft nicht sehr schön, aber wenn es dann einmal heiter ist, stellen viele Leute im Garten einen Tisch auf, essen Kuchen, sitzen unter dem Sonnenschirm und unterhalten sich. Nicht nur unter Kindern und Freunden, sondern auch zwischen den Generationen redet man einander in Deutschland direkt mit dem Namen an. Daran konnte ich mich am Anfang kaum gewöhnen, es schien mir ein sehr unhöfliches Verhalten, aber für sie (die Deutschen, Anm. des Übersetzers) ist das gar nicht so. Ich möchte aber doch alle so anreden, wie es in China Tradition ist – sie haben so viel für mich getan, wofür ich ihnen danken möchte, also verwende ich unsere "familiären Anreden".
Details aus dem Alltag
Meine deutsche "Mama" ist gleichzeitig berufstätig und Hausfrau. Mein "Papa" ist sehr humorvoll, ihn mag ich am liebsten. In Deutschland arbeiten viele Frauen nur halbtags. Vielleicht ist das von der Regierung so geregelt, damit sie mittags für die Kinder kochen können. Mein Gastvater kommt abends gegen fünf nach Hause. Sie haben zwei Söhne, mit mir sind es drei, da ist etwas los. Besonders beim Essen necken die Brüder oft ihren Vater, alle lachen immer, nur ich konnte am Anfang nicht mitlachen, weil ich nichts verstand. Aber jetzt ist es besser, ich verstehe fast alles.
Ich spiele oft mit meinem Gastvater Schach, das war mein Geschenk aus China für ihn. Manchmal machen wir auch zusammen Musik, ich spiele Flöte, der Vater Klavier und der jüngere Bruder Violine. Die Mutter lobt uns dann: „Sehr gut, ihr könnt euch ausruhen!" Aber wir haben viel Spaß und musizieren oft miteinander.
Bowens Gastvater
Vielfältige Freizeit
Außerhalb des Unterrichts bin ich immer sehr beschäftigt. Am Montag und am Donnerstag habe ich Deutschkurs, am Dienstag Saxophonkurs, den mir mein Gastvater organisiert hat. Dort habe ich viele Freunde gefunden, Erwachsene, Kinder, alte Menschen, und auch ein Mädchen, dessen Mutter die Leiterin von AFS in Wuppertal ist. Am Samstag muss ich Badminton spielen, sich fit zu halten ist sehr wichtig. Am Sonntag geht die ganze Familie in die Kirche, der Vater spielt auch beim Gottesdienst Klavier.
Essen in Deutschland
Das Essen ist in Deutschland sehr einfach, es gibt wenig warme Mahlzeiten, stattdessen viel Salat und kalte Kost. Zum Frühstück gibt es Brot mit Butter und Nutella, Wurst und Kaffee, alles sehr einfach, aber reichhaltig. Das Mittagessen habe ich am liebsten, weil es warm ist. Da gibt es Reis oder Nudeln, und selbst zubereitete Beilagen. Der Reis ist hier sehr körnig und schmeckt nicht sehr gut, deshalb esse ich am liebsten Nudeln. Aber das ist auch mühsam, denn die Nudeln muss man mit dem Löffel um die Gabel wickeln, das war ich anfangs nicht gewohnt. Aber jetzt geht es sehr gut. Einmal habe ich drei Teller Nudeln verdrückt. Ich fühle mich ständig sehr hungrig und muss jeden Tag an das gute Essen in China denken; da läuft mir immer das Wasser im Mund zusammen!
Schule in Deutschland
Schule ist täglich von 7.50 bis 13.05, das sind sechs Unterrichtsstunden. Dazwischen muss man immer alle Schulsachen zusammenpacken und das Klassenzimmer wechseln, das ist sehr mühsam. Aber niemand schläft hier im Unterricht, alle sind gewissenhaft und nehmen aktiv am Unterricht teil. Weil hier ein Punktesystem herrscht, und das Punktesammeln sehr wichtig ist, ist die Stimmung im Unterricht immer sehr lebhaft. Die Lehrer dürfen im Sitzen unterrichten, manchmal sitzen sie sogar auf dem Tisch.
Im ersten Monat verirrte ich mich oft auf der Suche nach meinem Klassenzimmer, es gibt sehr viele Treppen, ein echtes Labyrinth. Deutsch verstand ich kein einziges Wort, ich hatte große Angst vor der Schule. Eigentlich war ich in der 11. Klasse, aber jetzt sitze ich in der zehnten, bin also „zurückgestuft" oder „sitzengeblieben". Die Schule wurde für mich zu einem Ort, gegen den ich große Abneigung empfand, ich wollte überhaupt nicht mehr hingehen. Ich fing an, im Unterricht zu schlafen, aber meine „Mama" hat mich deshalb heftig ausgeschimpft. Jetzt höre ich gut zu und verstehe auch viel mehr als früher. Meine Fächer sind Mathematik, Englisch, Politik, Geschichte, Computer, Latein, Musik und Sport. Sport ist nur einmal pro Woche, immer zwei Stunden. Sport habe ich am liebsten, bei den Ballspielen sind die anderen Schüler ziemlich schlecht, ich bin einer der besten!
Verkehr in Deutschland
An den Verkehr hier konnte ich mich anfangs auch kaum nicht gewöhnen. Es gibt sehr viele Einbahnstraßen, Du siehst zwar schon dein Ziel vor dir, musst aber trotzdem noch einen großen Umweg machen. Niemand geht über eine rote Ampel. Auch wenn es keine Ampel gibt, hält ein Autofahrer, der einen Fußgänger sieht, schon in weiter Entfernung an und lässt ihn über die Straße gehen; manche warten sogar, bis du den gegenüberliegenden Gehsteig erreicht hast. Autos lassen einander die Vorfahrt, halten Abstand und fahren langsamer, wenn jemand die Spur wechselt oder auf die Seite fährt. Sie sind wirklich extrem höflich.
Die Busse sind in Deutschland sehr pünktlich, an der Station wird immer angezeigt, wann ein Bus kommt, deshalb warten auch nicht viele Leute: Du kannst dich darauf verlassen, dass der Bus pünktlich vor deiner Nase hält. Wer zusteigt, kauft hier fast immer gleich von selbst eine Fahrkarte. Wer keine Karte kauft, hat meist ein sogenanntes Schoko-Ticket. Jedenfalls muss man seine Karte immer dabeihaben, denn manchmal kommen Kontrolleure. Wenn du deine Karte vergessen hast, zählst du als Schwarzfahrer und musst 50 Euro Strafe zahlen!
Das berühmteste hier in Wuppertal ist die Schwebebahn, mit der alle Touristen fahren. Dann gibt es noch die gewöhnliche Eisenbahn, die kann man auch mit dem Schoko-Ticket benutzen, solange man im Bundesland bleibt. Flüge sind billiger als Zugfahrkarten, zum Beispiel von Deutschland nach London, Mailand, Rom usw., das kostet nur 60 Euro hin und zurück (man muss aber Glück haben, wir nehmen Air Berlin, da ist der Mindestpreis 29 Euro). Bei der Eisenbahn gibt es viele verschiedene Züge, ICEs sind am schnellsten und besten, sogar bequemer als im Flugzeug.
Zum Schluss ein Danke! AFS hat mich dem Deutsch-Chinesischen Kulturnetz empfohlen, damit ich im Internet von meinen Erfahrungen berichte. Ich möchte diese Gelegenheit verwenden, um unseren Betreuern von AFS in China und unseren Familien von unserem Lernen und Leben in Deutschland berichten. Ich will ihnen danken und ihnen sagen, dass wir an sie denken. Außerdem möchte ich mich auch im Namen aller AFS-Schüler ganz herzlich bei allen Betreuern von AFS in Deutschland und unseren Freunden in Deutschland, vor allem unseren Gastfamilien, bedanken.
Text: Wang Bowen
Übersetzung: Martin Winter
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Februar 2008
Übersetzung: Martin Winter
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Februar 2008



















