Architektur/ Stadtentwicklung

"Nähe macht blind. Durch die interkulturelle Erfahrung werden unsere Studenten bessere Architekten und Planer."

Shanghai Pudong Skyline Foto: ML

Dr. Dieter Hassenpflug ist Professor für Soziologie und Sozialgeschichte der Stadt am Fachbereich Architektur der Bauhaus-Universität Weimar. Durch seine Initiative existiert seit 2004 der Doppeldiplom-Studiengang "Integrated International Urban Studies" (IIUS) in Kooperation mit der Tongji-Universität Shanghai. Im Sommersemester 2007 hielt sich Prof. Hassenpflug zu einem Forschungssemester am Centre for Architecture and Urban Planning (CAUP) an der Tongji-Universität Shanghai auf.

ML: Herr Professor Dr. Hassenpflug, wie ist Ihre Verbindung zu China entstanden?

Im Jahr 2000 wurde ich von einem chinesischen Doktoranden von mir zu einer Vortragsreise durch China angeregt. So fuhr ich 2001, unterstützt von der DFG, nach China und besuchte die Qinghua Uni in Peking, Unis in Harbin, Qingdao und Shenzhen und zum Schluss das College of Architecture and Urban Planning an der Tongji Universität in Shanghai. Hier entdeckte ich einen starken Bezug zu Deutschland und wurde gefragt, ob man nicht gemeinsam ein Austauschprogramm entwickeln könne.

2002 habe ich daraufhin mit einer Delegation des CAUP, die am "Weltkongress für Architektur" in Berlin teilnahm, eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet und beim DAAD einen Antrag auf Förderung gestellt. So entstand der Studiengang "Integrated International Urban Studies".

Prof. Dr. Dieter Hassenpflug
Prof. Dr. Dieter Hassenpflug
ML: Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und dem CAUP?

Da gibt es zwei Seiten. Einerseits war das Interesse beim CAUP, so ein Projekt durchzuführen, sehr groß. Das lag auch mit daran, dass der Name "Bauhaus" für das CAUP von großer Bedeutung ist. Allerdings haben wir es mit völlig unterschiedlichen Systemen an unseren beiden Hochschulen zu tun, an deren Vereinheitlichung wir immer noch arbeiten. Das ist ein schwieriger Prozess. 

Am CAUP fehlt zum Beispiel eine Professur für Soziologie, die es bei uns ja gibt. Deshalb war ich schon vor drei Jahren mit einer Kurzzeitprofessur an der Tongji, um in der Richtung etwas mit aufzubauen und verbringe jetzt ein Forschungssemester in Shanghai, mit dem gleichen Ziel. Was aber auf jeden Fall funktioniert, ist der Austausch der Studierenden, die profitieren von Anfang an von der Kooperation.

ML: Wie sieht das Studium von "Integrated International Urban Studies" praktisch aus?

Die Studenten in Weimar und Shanghai gehen jeweils im dritten Semester an die Partneruni. Sie studieren also nicht zusammen. Im Moment gibt es Diskussionen, das Austauschprogramm auf ein Jahr zu erhöhen. Im chinesischen System wird es inzwischen zur Bedingung für die Anerkennung von Studienleistungen, dass Auslandsaufenthalte ein Jahr dauern. Für die akademische Integration an einer ausländischen Universität ist ein halbes Jahr ebenfalls zu kurz.

Das CAUP hat unser Curriculum des Studiengangs "Europäische Urbanistik" übernommen. Die Studierenden aus Deutschland werden am CAUP von hervorragenden, international ausgebildeten Fachleuten in englischer Sprache unterrichtet. Allerdings haben sie im letzten Jahr den Wunsch geäußert, nicht so exklusiv behandelt, sondern mit chinesischen Kommilitonen gemeinsam unterrichtet zu werden.

Das CAUP hat als führendes Planungsinstitut in China Kooperationen mit sehr vielen Universitäten im Ausland, es ist ein Magnet für internationale Koryphäen, die hier Vorträge halten. Dadurch lässt sich der Mangel an englischen Vorlesungen aus der Hochschule selber ausgleichen.

ML: Was für Unterschiede gibt es zwischen dem Architekturstudium in Deutschland und China?

Vorlesungen sind in China nicht so bedeutsam wie bei uns, Seminare gibt es praktisch gar nicht. Die Ausbildung ist sehr praxisorientiert, chinesische Studenten müssen sehr schnell in der Lage sein, Designs herzustellen, die außerhalb der Universität gebraucht werden. Alle Architektur- und Planerprofessoren haben neben der Lehrtätigkeit ihre eigenen Firmen. Sie holen sich die begabten Studenten in ihre Büros und verknüpfen Aufträge mit Masterarbeiten.

Die Marktausrichtung ist meiner Meinung nach etwas zu stark, die akademische Ausbildung könnte noch etwas mehr Gewicht bekommen, also mehr politische, kulturwissenschaftliche, theoretische Inhalte, um die Reflexionskompetenz zu stärken. Das deutsche und chinesische System könnten sich also ideal ergänzen, und genau das ist auch unser Ziel.

ML: Was für Unterschiede erleben Sie zwischen chinesischen und deutschen Studenten?

Ich habe inzwischen sehr viel Erfahrung mit chinesischen Studenten. Chinesische Studenten sind es generell weniger als deutsche gewohnt, selbstständig zu arbeiten, sie brauchen stärkere Anleitung. In meinem Seminar hier habe ich anfangs gefragt, wer etwas machen möchte, zum Beispiel einen Vortrag halten. Die ausländischen Studenten haben sich alle gemeldet, von den Chinesischen, die mehr als ein Drittel ausmachen, hat sich nur einer gemeldet, und der hat inzwischen wieder abgesagt.

Damit kommt man zu den kulturellen Unterschieden in der Ausbildung. Unsere Pädagogik läuft darauf hinaus, dass die Studenten selbstständig arbeiten, dass sie stark analysieren, methodisch vorgehen. In China ist das anders. Chinesische Architekturstudenten gehen sehr schnell an den Entwurf. Die Chinesen haben gleich Bilder im Kopf und können die sehr gut umsetzen. Auch den Umgang mit dem Computer, zum Beispiel ein Rendering (Anmerkung: 3-D-Modell) zu machen, beherrschen die alle viel besser. Unsere Studenten können das oft gar nicht und müssen zeichnen. Was die aber wiederum besser können, ist, den Kontext zu analysieren und zu beschreiben. Unsere Studierenden gehen langsam an den Entwurf, der kommt erst ganz am Ende.

In Deutschland habe ich auch Studenten der Tongji Uni in Praxisprojekten unterrichtet. Die haben Stadtentwicklungsprojekte gemacht und Entwurfsaufgaben bekommen. Dabei hat sich ein weiterer Unterschied gezeigt: die chinesischen Stundenten waren es weniger gewohnt in Gruppen zu arbeiten. Und noch etwas, das sich oft wiederholt: sie kommen zu mir in die Sprechstunde, ich schaue mir ihren Entwurf an, und kritisiere ein bisschen daran rum oder frage nach den Gründen, warum etwas wie gemacht wurde. Darauf können die meisten nicht antworten. Bei uns muss Architektur immer begründet werden, vor allem im Städtebau. Da geht es nicht um ein Bild, sondern um eine Begründung, warum nehme ich ein bestimmtes Material, warum setze ich etwas an eine bestimmte Stelle.

Dann gehen die chinesischen Studierenden aus der Sprechstunde und kommen drei Wochen später mit einem vollständig neuen Entwurf wieder, aber mit denselben Problemen. Sie haben mich missverstanden, ich habe den Entwurf ja nicht zurückgewiesen. Sie warten darauf, dass ich ihnen sage, was sie tun sollen. Da hat unsere Ausbildung doch Vorteile, in dem sie die Eigenständigkeit und Kooperationsfähigkeit fördert. In China werden vor allem die technischen Fähigkeiten entwickelt, wenn die Aufgabe klar definiert ist, leisten die chinesischen Studenten ganz erstaunliches.

ML: Wenn die chinesischen Planungsstudenten Teamarbeit weniger lernen – wie können hier dann all die Mega-Projekte hier in China verwirklicht werden?

Da müssen Sie sich nur mal die Realität der Stadtentwicklung in China ansehen. Da gibt es viele Probleme. Und die Probleme haben Ursachen, u.a. darin, wie hier Designbüros funktionieren; es gibt Qualitätsmängel, funktionale Mängel, Mängel des Zusammenspiels der Teilsysteme.

Nehmen Sie zum Beispiel Peking. Da gibt es ein großes Problem mit dem Autoverkehr und der Integration der unterschiedlichen Verkehrssysteme. Eine chinesische Studentin hat in ihrer Masterarbeit bei mir u.a. die Probleme bei Umsteige-Punkten untersucht, bei denen oft viel zu lange Wege beim Umsteigen von einem Verkehrsmittel zum anderen vorhanden sind. Es findet keine Integration statt. Verschiedene Planer entwickeln einzelne Komponenten und dann versucht man, die hinterher zusammen zu backen.

Peking: U-Bahn, Foto: ML
U-Bahn Peking: Lange Wege beim Umsteigen
Es gibt auch Beispiele von Fehlallokationen im größten Stil, wie z.B. im Wohnungsbau. Es wird gebaut, ohne entsprechende Marktanalysen zu machen. Ein Beispiel ist das Shanghaier Konzept "1 City, 9 Towns". Das europäische Konzept der Stadt lässt sich nicht auf China übertragen. Europa ist extrovertiert, weist Nachlässigkeit in Bezug auf Orientierung auf. In China dagegen ist die Orientierung nach Süden sehr wichtig.

ML: Wie sehen Sie die aktuelle Stadtentwicklung in China?

Ich arbeite ja im Moment an dem Projekt "Sustainable Model Mega City Shenyang", was vom BMBF gefördert wird. Da stellt sich zum Beispiel die Frage nach dem Umgang mit Kulturerbe. In Shenyang gibt es einen Kaiserpalast, aber es gab auch riesige alte Industrieanlagen, den Tiexi Distrikt, der ist schon komplett abgerissen, und durch neue Wohn- und Gewerbegebiete ersetzt. Es hat keine Evaluation der Bedeutung als Industriekulturerbe stattgefunden. China respektiert Tempel und Kaiserpaläste, also hochrangige öffentliche Gebäude als Kulturerbe, aber ansonsten sehe ich es so, dass China ein Bild von der eigenen Zukunft hat, in dem Altes nicht vorkommt. Seine Raumutopie ist strahlend der Zukunft zugewandt. Andererseits machen hochhinaus gebaute, vertikale Städte bei einem Volk von 1,3 Milliarden Menschen schon Sinn, es gibt keine andere Lösung.

Im Gegensatz zu Europa ist China introvertiert. Wenn Studenten die Aufgabe bekommen, einen Compound zu entwerfen, schauen sie automatisch nur nach innen. Städte sind ein Text, ein kultureller und sozialer Text, und die Studenten schreiben diesen Text als Chinesen fort. Der soziale Inhalt ist die Bedeutung der Familie in China, nicht das Individuum. Der Wert der Gemeinschaft ist unglaublich groß, ganz anders als in der hoch individualisierten europäischen Welt.

Wie sich das jetzt verändert, ist mein aktuelles Forschungsinteresse. Ich schreibe an einem Buch über "Urban Codes im gegenwärtigen China". Im Moment erlebe ich noch die Macht der Gemeinschaft, der Familie, der "Guanxi", und auf den Raum übertragen der Introversion. Das ist nach wie vor stark vorhanden. Daher gibt es in China auch Schwierigkeiten mit öffentlichem Raum, das ist ein Mangelthema. Ich sehe Menschen unter Brücken oder auf dem Parkplatz tanzen und Taiqi auf der Verkehrsinsel üben.

Allmählich entwickeln sich aber öffentliche Räume. Mit dem Wachstum der Mittelklasse verändern sich die Ansprüche an Raum, und die Städte müssen auf diese Ansprüche reagieren. Hier in Shanghai ist es immerhin schon so, dass die Stadt in den Mittelklasse Compounds, die vorwiegend in Pudong gebaut werden, zusätzliche Naherholungsgebiete als Nahtstellen zwischen den Compounds schafft, wenn diese auch bisher nur sehr klein sind.

China ist für mich ein Kontrastmittel ohne gleichen, um auch Europa besser zu verstehen. Nähe macht blind. Deshalb bin ich ein so großer Anhänger solcher Austauschprogramme. Durch die interkulturelle Erfahrung werden unsere Studenten bessere Architekten und Planer.

ML: Herr Prof. Hassenpflug, vielen Dank für das Gespräch!
Text: Maja Linnemann
Redakteurin, Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Mai 2007

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