Der 798 Art District im Film


Wang Shugangs Installation "Sweeping"
Beijing 798 – so heißt der Dokumentarfilm des deutschen Regisseurs Mathias Frick, der am 21.4.2008 um 22.30 Uhr beim Achtung Berlin Festival Premiere haben wird. Es ist ein Film über die aktuelle chinesische Kunstszene rund um den in einer ehemaligen Fabrik angesiedelten Kunstbezirk 798, die neue Touristenattraktion der chinesischen Hauptstadt.
60 Stunden drehte Mathias Frick im Sommer und Herbst 2007, das Ergebnis ist ein abendfüllender Dokumentarfilm. Der Regisseur führt uns mit der Kamera durch die verschlungenen Wege des 798-Fabrikgeländes, während verschiedene Kenner und Akteure der Szene ihre Versionen der Entwicklung der chinesischen Gegenwartskunst, dem Weg vom Untergrund in die großen Auktionshäuser der Welt, erzählen: der Sammler Uli Sigg, die Galeristen Urs Meile und Alexander Ochs mit seiner Geschäftspartnerin Tian Yuan, die Kritiker Karen Smith und Ulrike Münter, die Kuratoren des 798 DIAF Festivals Huang Rui und Berenice Angremy, und natürlich die Künstler selbst: Yang Shaobin und Wang Shugang, Fang Lijun, Xie Nanxing und Ai Weiwei...
Immer wieder bringt uns die Kamera aber auch in den Alltag der Stadt zurück, von Pekings Hochhausschluchten und Baustellen zu den Freizeitsängern in den Park, zeigt die komplexe Realität von Mercedes neben Lastendreirad. Das Besondere am Phänomen 798 hat die britische Kunstexpertin Karen Smith auf den Punkt gebracht: „798 war das (erste) Verbindungsstück zwischen der Kunstszene und der Gesellschaft." Das Interview mit Mathias Frick führte Maja Linnemann bereits im September 2007 in Peking.
ML: Mathias, Du hast Architektur in Berlin und Filmregie in Bristol studiert. Woher kommt Dein Interesse an China?
MF: 1988 hat ein guter Freund von mir sich entschieden, Chinesisch zu studieren. Das war für uns alle vollkommen abwegig und fremd. 1995 konnte ich ihn endlich für 2 Monate in China besuchen und war total fasziniert. Danach dauerte es allerdings wieder 10 Jahre, bis ich ein zweites Mal kommen konnte. Nachdem ich aus London nach Berlin zurückgekehrt war, bekam ich 2005 das Angebot, an der TU Berlin bei der Organisation einer Konferenz zu nachhaltiger Stadtentwicklung in Peking mitzuarbeiten. Die Konferenz, die Ende 2006 stattfand, brachte mich dann seit 2005 mehrmals wieder nach China.
Durch die Besuche wuchs in mir die Idee, einen Film zu China zu machen, aber es fehlte mir der Fokus. Zuerst dachte ich natürlich an Architektur, aber daraus wurde nichts. Ich hatte von der 798 Fabrik gehört, die ja auch für ihren Bauhaus-Stil bekannt ist, und fuhr an einem freien Nachmittag hin. Ich war so fasziniert, dass ich gleich eine Digitalkamera kaufte und am nächsten Tag 400 Bilder machte – viele davon verwackelt, weil ich so aufgeregt war. In Deutschland hat mich moderne Kunst zwar auch interessiert, aber hier sah ich Dinge, die mich sogleich anzogen und begeisterten. Damit wurde schnell klar, dass dies mein Thema werden würde.
ML: Was bedeutet denn der ‚798 Art District' für Dich?
MF: 798 ist für mich ein Mikrokosmos, in dem ich in komprimierter Form viel wieder gefunden habe, was ich in China gesehen habe. Kunst beschäftigt sich mit der Verbildlichung gesellschaftlicher Umstände, kommentiert diese. Der Auslöser, der mich dazu gebracht hat, die Geschichte von 798 zu erzählen, war dass nur 5 Minuten nachdem ich das Gelände betreten hatte, meine eigene Welt der Stereotypen, die man im Westen über China indoktriniert bekommt, in sich zusammenbrach. Ich habe dort nach nur wenigen Schritten Dinge gesehen, die ich in China nicht für möglich gehalten hätte. Ich fand mich in einer Ausstellung des Performance Künstlers Hei Yue wieder, der sehr provokative Fotos zeigte. Mein erster Gedanke bei der Betrachtung der Bilder war, geht dieser Künstler dafür nicht ins Gefängnis? Oder geht der Galerist dafür ins Gefängnis, dass er solche Bilder ausstellt? Als ich dann darüber nachdachte, ob ich ins Gefängnis müsse, weil ich diese Bilder in China betrachte, wusste ich, dass in 798 Dinge passieren, die die westliche Welt erfahren sollte.
ML: Was interessiert Dich besonders an der chinesischen Kunstszene?
MF: Ich zitiere da die beiden wichtigsten Kunstvermittler und Galeristen im deutschsprachigen Raum. Urs Meile in Luzern und Alexander Ochs in Berlin, die sich beide seit den 90er Jahren mit Kunst aus China befassen, sagen unisono, dass es die Energie und die Leidenschaft der Künstler ist, die einen nicht mehr loslässt. Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen. Außerdem kann sich so mancher Künstler im Westen ein Stückchen abschneiden von der handwerklichen Qualität, die die Kunst aus China präsentiert. Nachdem ich 798 am eigenen Leib erfahren hatte, habe ich 2006 die Mahjong-Ausstellung in Hamburg gesehen, wo ich sechs Stunden verbrachte! So lange halte ich es sonst nie in Museen oder Ausstellungen aus! Als ich von Hamburg nach Berlin zurück fuhr, plante ich meinen Dokumentarfilm.
ML: Erzähl doch mal über den Entstehungsprozess des Films. Du hast ja gesagt ‚Vor einem Jahr wusste ich noch gar nicht, wer Fang Lijun ist.'
MF: genau diesen Prozess der Annäherung soll man im Film sehen: Als Tourist kommt man zuerst nach 798, es gibt eine Infrastruktur, Buchläden, ich fing bei der Ochs-Galerie an, die ja was mit Berlin zu tun hat und deren chinesische Managerin in Berlin gelebt hat und deutsch spricht. Dann entdeckt man Namen von Künstlern, ich las in der Galerie Fang Lijun und Yang Shaobin, die hatte ich auch gleich wieder vergessen, aber man muss ja auch gar nicht China sein, um mit chinesischer Kunst in Kontakt zu kommen.
Ich wollte eigentlich viel früher nach China fahren, verschob den Termin aber immer mehr nach hinten, weil alle bekannten Künstler nach Europa kamen. Die Tate in Liverpool, die Art in Basel, die documenta. Ich musste also nur von Berlin nach Kassel fahren, um Ai Weiwei und Xie Nanxing zu sehen. Yang Shaobin habe ich das erste Mal in Liverpool getroffen. Der guckte mich erstaunt an, als ich ihn mitten in Liverpool am Tag der Eröffnung ansprach. Ich spreche kein Wort Chinesisch, Yang Shaobin spricht kein Wort einer Fremdsprache, aber ich wollte etwas zu ihm sagen, das einzige Verbindungsglied zwischen uns war, dass ich sagte „A – lek – san – der Ochs", sein Galerist also, und er antwortete „Alexander".
Manches waren natürlich auch Zufälle, wie die Eröffnung der "Three Shadows Gallery" in Peking. Die Besitzer sind ein Paar, beide Fotografen, Rong Rong und Inri, beide sehr bekannt. Was ich sehr schön finde in China, ist, im Gegensatz zu Europa, dass diese Leute viel zugänglicher sind, als ich dachte und auch sehr spontan. Wenn ich Dienstagabend anrufe und sage, ich möchte Euch gerne interviewen, fliege aber am Donnerstag, dann klappt das trotzdem noch. Das ist in Deutschland undenkbar, diese Dynamik ist toll.
ML: Du hast Dich entschlossen, den Film als unabhängiges Projekt zu realisieren. Wieso?
MF: Ich habe festgestellt, dass es Deutschland ein stereotypes Bild von China gibt. Und ich möchte gerne Bilder zeigen, die diese Stereotypen brechen. Ich war dann richtiggehend erschrocken, als ich mein Konzept Produktionsfirmen vorstellte, und merkte, dass die gar kein Interesse an diesem Blickwinkel haben. Sie wollten eher etwas in Richtung: „Wird die Fabrik auf Parteilinie gebracht?" Der Künstler immer als Flüchtling vor Zensur und Unterdrückung. In Wirklichkeit findet doch auch bei uns eine Selbstzensur statt. „Das machen wir nicht, das bekommen wir eh nicht verkauft."
ML: Für wen machst Du den Film?
MF: Mein Ziel ist es, andere Bilder aus China zu zeigen, als die üblichen, die man im deutschen Fernsehen so sieht. Nicht mehr den alten Mann im Mao-Anzug auf den Fahrrad, nicht nur die unkontrollierte Wirtschaftsmacht, oder die politischen Kontroversen mit dem Westen. China ist viel mehr als die Klischees, mit denen sich die Medienwelt hier zufrieden gibt. Da wächst etwas heran, was wir ernst nehmen sollten.
Vielen Dank für das Interview!
Text: Maja Linnemann,
Chefredakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
April 2008
Chefredakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
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