Der Oskar Schindler Chinas kommt ins Kino


In China wird er als „der gute Deutsche von Nanjing" verehrt, in seiner Heimat aber ist John Rabe nahezu unbekannt. Ein deutsch-chinesisches Filmteam will das nun ändern. Mit einem Millionenaufwand will die Crew dem ehemaligen Siemensmanager ein cineastisches Denkmal setzen.
„Raus, raus". Mit aufgerissenen Augen brüllt Hauptdarsteller Ulrich Tukur durch den Ballsaal. In der Rolle des John Rabe hat er gerade nach über drei Jahrzehnten seinen Abschied aus China verkündet, da stürzt der Kronleuchter herab. Der Lärm von Explosionen erfüllt den Raum. Das japanische Bombardement auf Nanjing hat begonnen. Als Tukur brüllt, stürzen die Statisten ins Freie, unter ihnen Dutzende deutscher Expats. Hochbezahlte Manager, Banker und Ingenieure haben sich extra frei genommen, um bei der bislang größten deutsch-chinesischen Kinoproduktion mitzuwirken. Selbst die Ehefrau und die Tochter des deutschen Generalkonsuls in Shanghai tragen Ballkleider im Stil der 30er Jahre. „Eine unglaublich schöne Erfahrung", schwärmt Gabriele von der Heyden. Dafür sitzt sie schon am frühen Morgen in der Maske. Zwei Stunden dauert die Verwandlung. ‚Zeit ist Geld', sonst Motto für viele in Shanghai arbeitende Ausländer, zählt diesmal nicht. Manchmal wartet die in ihrem eigentlichen Beruf oft hochbezahlte Statistenschar stundenlang, bis die Kulisse für die nächste Szene eingerichtet ist.
Historischer Hintergrund im Westen kaum bekannt
Die dramatischen Ereignisse des Winters 1937/38 sind für den oscarprämierten jungen deutschen Regisseur Florian Gallenberger Stoff für großes Kino. Auf ihrem Vormarsch hatten die Japaner in Nanjing, damals Chinas Hauptstadt, in einer Orgie der Gewalt nach offizieller chinesischer Geschichtsschreibung 300.000 Menschen oft bestialisch ermordet und unzählige Frauen und Kinder vergewaltigt. Der Beginn des Blutbades hat sich als Massaker von Nanjing tief in das Bewusstsein der Chinesen gegraben und belastet bis heute das Verhältnis zum einstigen Kriegsgegner Japan. Erzkonservative Historiker wie Shudo Higashinakano bestreiten unbeirrt das Ausmaß der Greuel. Nach dessen Buchvorlage hat der Regisseur Satoru Mizushima vor kurzem seine Fassung über Die Wahrheit von Nanjing abgedreht, eine nachträgliche Reinwaschung der Kriegsverbrechen. Die um Aufarbeitung bemühten Kräfte sind in Japan noch immer Außenseiter.

Ein zwiespältiger Held
Das weiß auch Ulrich Tukur. Mit kahl geschorenen Kopf und Nickelbrille sieht er dem wirklichen John Rabe zum Verwechseln ähnlich: äußerlich keine Heldengestalt. Dennoch stellten sich Rabe und seine Mitstreiter aus Europa und Amerika dem Grauen entgegen und errichteten eine Schutzzone. Das erinnert an den Mut von Oskar Schindler, der in Polen über 1.000 Juden vor dem Holocaust rettete. Tukur: „John Rabe war eher ein durchschnittlicher Mensch. Dem wird auf einmal von der Geschichte eine Rolle zugewiesen, und daran wächst er. Er war für hunderttausende Menschen eine überlebenswichtige Figur und als er (1938) zurück nach Deutschland geht, fällt er ins Nichts und stirbt in Berlin völlig unbekannt. Das ist die eigentliche Geschichte, das finde ich spannend."
Um die so authentisch wie möglich umzusetzen, hat sich Regisseur Gallenberger auch mit Erwin Wickert getroffen. Der ehemalige deutsche Botschafter in Peking hatte als junger Mann Rabe kennen gelernt und Jahrzehnte später dessen Tagebücher veröffentlicht. Sie waren die Vorlage für sein Drehbuch, sagt Gallenberger: „Für mich war das Reizvolle an der Geschichte, dass es ein historisches Ereignis des Ausmaßes des Nanjing Massakers gibt, das im Westen überhaupt nicht bekannt ist und das die Möglichkeit gibt, Geschichte über das persönliche Erleben von Figuren zu erzählen."
Dreharbeiten mit Hindernissen
Die sind hochkarätig besetzt. Neben Tukur, bekannt aus dem mit dem Oscar ausgezeichneten Drama Das Leben der Anderen, stehen unter anderem Gottfried John, Daniel Brühl, Steve Buscemi und Zhang Jingchu vor der Kamera, meist in Shanghai. Dabei wollte Gallenberger eigentlich viel mehr am Originalschauplatz drehen. Doch nach monatelangen Vorrecherchen verwarf er den Plan. „Die Stadt ist während des Massakers zum großen Teil zerstört worden, so dass es in Nanjing das China von 1937 nicht mehr gibt. Es war schon in Shanghai schwierig genug, Locations zu finden, die auf 1937 funktionieren." Selbst das Wohnhaus von John Rabe, heute ein Museum in Nanjing, eignete sich nicht als Drehort. Kurzerhand baute es die Crew auf Shanghais einstigem Flugplatz am Huangpu nach. Die früheren Hangars dienen im Film als Fabrikhallen von Siemens. Gedreht wird aber vor allem in Shanghais früherer französischer Konzession. Ein historisches Hotel wird zur deutschen Botschaft, die Aula einer ehemaligen Schule zum Ballsaal.

Um ihn zu realisieren, muss die deutsche Crew ungewohnte Schwierigkeiten überwinden. Kaum einer der chinesischen Komparsen und Helfer spricht englisch. Selbst jedes Ja oder Nein muss übersetzt werden. Auch um die Drehgenehmigung in China zu erhalten, mussten die Produzenten zäh verhandeln und mehrfach das Drehbuch ändern.
Das ursprüngliche anvisierte Datum für die Premiere zum 70. Jahrestag des Massakers war daher nicht zu halten. Geplanter Kinostart ist nun im Winter 2008/2009. Später soll John Rabe auch im ZDF ausgestrahlt werden.
China Korrespondent Shanghai
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Februar 2008














