Film

Li Yang: "Deutschland ist für mich auch eine geistige Heimat."

Li Yang in Berlin © Li YangLi Yang © Li Yang

Li Yang ging 1987 zum Studium nach Deutschland, erst nach Berlin, dann nach München. 1992 wurde er an der Kunsthochschule für Medien in Köln zugelassen. Für seinen ersten Spielfilm, Blinder Schacht, erhielt er 2003 bei den Berliner Filmfestspielen einen Silbernen Bären. Sein neuster Film Blinder Berg wurde 2007 auf mehreren Filmfestivals, u.a. in Cannes, und auch in Kinos in China, gezeigt. Er wurde auf dem Internationalen Filmfestival Bratislava mit dem Grand Prix ausgezeichnet. Li Yang hat insgesamt 14 Jahre in Deutschland gelebt.

Berlin, München, Köln

1987 habe ich China verlassen, weil ich mit der chinesischen Universitätsausbildung nicht sehr zufrieden war. Erst musste ich drei Jahre auf die Genehmigung meines Arbeitgebers warten, um überhaupt an die Uni gehen zu können. In dieser Zeit habe ich an einer Abenduniversität studiert. Als ich endlich an die Uni durfte, hatte ich schon fast alle Scheine. So war das Studium auch nicht mehr interessant. Aber ich wollte einfach noch weiter lernen.

Warum ich Deutschland gewählt habe? Natürlich auch weil ich die deutschen Regisseure, wie Fassbinder und Wim Wenders mochte; der andere Grund war meine damalige Freundin, die in Deutschland studieren wollte. An der Uni in Berlin habe ich Vorlesungen und Seminare in verschiedenen Fächern besucht. Für Ausländer bot West-Berlin vor dem Mauerfall ein besonders gutes Umfeld, die Stimmung war links-liberal, auch der Druck, Geld zu verdienen war nicht sehr groß.

Nach dem Mauerfall wurde es mir in Berlin etwas zu gefährlich, deshalb bin ich 1990 nach München gewechselt. Zu viele Neonazis kamen aus dem Osten und machten Ausländern Ärger. Ich gehöre zu den Menschen, die den Mund aufmachen und nicht vor solchen Leuten kuschen, deshalb hatte ich Angst davor, dass die Situation in der Zukunft einmal eskalieren könnte.

In München habe ich zwei Jahre lang Theaterwissenschaft studiert, aber auch für das ZDF einen Dokumentarfilm über die Mosuo gedreht. Damit habe ich mich bei der Kunsthochschule für Medien in Köln beworben und wurde angenommen. Ich finde, es ist die beste Filmhochschule in Deutschland, denn sie ist ziemlich jung, die Lehrkräfte, die Methoden und Ideen, alles war sehr offen und modern. Für mein Diplom habe ich einen Film über das „Nanjing-Massaker" gemacht, der 1995 zum 50-jährigen Jubiläum des Ende des Zweiten Weltkriegs im deutschen Fernsehen gezeigt wurde. Viele deutsche Zuschauer waren sehr geschockt, weil sie vorher gar nichts darüber wussten.

Rückkehr nach China: Kulturschock

Nach dem Abschluss 1996 ging ich nach China zurück, um Arbeit zu suchen. Aber es hatte sich alles sehr verändert. Meine Beziehungen von früher nutzen mir nicht mehr viel. Außerdem fühlte ich mich auch ziemlich fremd, alles kam mir sehr laut und schmutzig vor, überall Baustellen. Plötzlich war auch das Geld sehr wichtig geworden, was man für Kleidung trug, ob man ein Auto fuhr. Als ich China verließ, war das noch nicht so. Und von Deutschland kannte ich das ebenfalls nicht, da achtete man wenig drauf, ob die Leute Designer-Kleidung tragen. Ich hatte einen richtigen Kulturschock!

Dann hörte ich davon, dass Leute in China auf eigene Faust Low-Budget-Filme drehen. Ich dachte mir, das kann ich doch auch: Ich gehe nach Deutschland zurück, arbeite ein paar Jahre, spare und komme dann zurück, um zu drehen, was ich will. Und genau das habe ich getan, drei Jahre lang habe ich in Deutschland alles Mögliche gemacht: Schauspieler, Reiseführer, Synchronisation. Ich habe mir drei Jahre gegeben, das habe ich schon richtig „deutsch" geplant. 1999 kam ich wieder nach China zurück und habe 2000 mit Huang Jianxin als zweiter Regisseur einen ganzen Film gedreht, von Anfang bis Ende. Das war sehr wichtig, denn nach der langen Abwesenheit musste ich erst einmal Erfahrungen sammeln, lernen, wie man in China Filme macht und die chinesische Kultur wieder neu kennen lernen.

Geschichten vom unteren Rand der Gesellschaft

Auf das Thema zu Blinder Schacht, in dem es um zwei Bergarbeiter geht, die tödliche Unfälle inszenieren, um die Versicherungsprämie zu kassieren, kam ich durch eine Zeitungsmeldung. Danach habe ich den Roman Shenmu von Liu Qingbang zu dem Vorfall gelesen und konnte die Geschichte lange nicht vergessen. Durch die Zeit in Deutschland habe ich einen neuen Blickwinkel auf die Welt entwickelt, ich würde den Einfluss nicht nur deutsch, sondern europäisch nennen. Während des Studiums in Deutschland haben wir gelernt, dass wir mit unserer Arbeit, unseren Werken unbedingt Kritik ausdrücken müssen, zum Beispiel Kritik an der Gesellschaft. Das ist die Aufgabe eines Intellektuellen. Das ist ein großer Unterschied zwischen der chinesischen und der westlichen Kultur. In China waren die Intellektuellen immer vom Staat abhängig, deshalb konnten sie diese Rolle nicht erfüllen.

Li Yang am Set © Li Yang
Li Yang am Set von Blinder Berg
Nach Blinder Schacht durfte ich drei Jahre lang nicht Regie führen. In der Zeit habe ich den Film Blinder Berg vorbereitet. Es geht um eine Uniabsolventin, die gegen ihren Willen als Ehefrau an einen Bauern verkauft wird, und alles daran setzt, aus dem Dorf zu fliehen. Der Film hat sowohl im Ausland als auch in China gute Kritiken bekommen. Außer der Hauptdarstellerin waren alle Personen in Blinder Berg Laien, das heißt Leute aus dem Dorf, in dem wir gedreht haben. Auch in diesem Dorf gib es gekaufte Frauen und verschwundene Mädchen. Die Leute finden das völlig normal. Das hat mit der Erziehung zu tun. Man lernt in China nicht, sich selbst auszudrücken, eine eigene Meinung zu haben.

Das war die erste Lektion, die ich in Deutschland lernen musste: mich auszudrücken. Während der Seminare an der Uni hieß es oft „Li Yang sagt nie etwas." Ich wusste einfach nicht, was von mir erwartet wurde. In China sagt immer der Lehrer, was richtig ist. In Deutschland hingegen sprach der Professor nur 20 Minuten, dann folgte eine Diskussion. Ich war sehr irritiert, denn ich dachte ‚die anderen sind doch auch nur Studenten, was kann ich von denen denn lernen?'. Ich habe deswegen sogar mit einem Professor gestritten, nach dem Motto: „Ich bin von soweit her gekommen, habe so viel Geld ausgegeben, um Ihre Seminare hören zu können und Sie sagen mir nicht, was richtig und was falsch ist!" Der Dozent lachte nur darüber, als käme ich aus einer anderen Welt.

Einen eigenen Weg gehen

Die Fähigkeit, zu denken und zu analysieren ist das Wichtigste. Viele haben gesagt, ich wolle mit Blinder Berg ein Gesellschaftsproblem kritisieren, aber in Wirklichkeit ist es ein Loblied auf eine Persönlichkeit, die unbedingt ein wertvolles Leben leben will – nicht nur essen, schlafen, Kinder kriegen...

In Deutschland habe ich den Unterschied zwischen Leben und Existieren gelernt, das ist immens wichtig. Deutschland, seine Erziehungstradition und sein Geist, haben einen sehr großen Einfluss auf mich gehabt. Deutschland ist meine zweite Heimat, auch eine geistige Heimat.
Text: Maja Linnemann,
auf Grundlage eines Interviews im Dezember 2007
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Januar 2008

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