Deutsche Berührungspunkte: Ein Anruf beim Berlinale-Gewinner Wang Quan'an

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| Tuyas Hochzeit: Hauptdarstellerin Yu Nan |
Ich war schon auf vielen Filmfesten, doch in Berlin habe ich mich am wohlsten gefühlt und das nicht nur, weil Berlin mir den goldenen Bären verliehen hat. Berlin habe ich als eine sehr offene Stadt empfunden. Ähnlich wie Peking ist Berlin in mancher Hinsicht sehr klar und eindeutig. Man weiß bei den Menschen, woran man ist. Der Umgang mit den Deutschen war sehr unkompliziert, man arbeitete eben zusammen oder war befreundet. Beim Filmemachen ist es meinen deutschen Kollegen immer gelungen, den Blick für das Ganze zu bewahren, trotzdem die einzelnen Details zu berücksichtigen und präzise zu arbeiten. Wahrscheinlich kommen sie dadurch zu so komplexen Gedankenwelten. Gleichzeitig gelingt es ihnen aber, die Details zu einer stimmigen Einheit zu komponieren. Auch der von mir geliebte deutsche Fußball lebt von diesem Geist. Die deutschen Sportler betonen das koordinierte Zusammenspiel, sehr präzise, voller Leidenschaft, aber dabei nicht zu emotional. Ein Kampf ohne Rücksicht auf Verluste bis zur letzten Sekunde des Spiels. Vielleicht konnten die Deutschen nur mit dieser Mentalität eine so vollendete Philosophie, Musik und Mechanik erschaffen.
Beim Einfluss deutscher Regisseure auf meine Arbeit muss ich länger ausholen. Schon als ich an der Hochschule studierte, haben mich die Filme Fassbinders gepackt. Seine Filme haben den Mut, sich den Problemen nackt und ganz unumwunden zu stellen. Schicht für Schicht legt er die Facetten des Menschseins frei, so dass den Zuschauern das Herz bis zum Hals schlägt und der Atem stockt.
Auf der Berlinale 2007 habe ich viele Regisseure getroffen, die ich sehr bewundere. Es war, als wären sie aus der Geschichte in meine Realität gesprungen. Nicht nur, dass sie sich mit mir unterhielten, sie diskutierten mit mir auch meinen eigenen Film – das war wie in einem Traum.
Yu Nan, die Hauptdarstellerin in „Tuyas Hochzeit", kam während der Berlinale beim Essen mit einem älteren deutschen Herrn ins Gespräch, der sich ihr als Regisseur vorstellte. Als Yu Nan den Namen eines Films, den er gedreht hatte, nicht verstand, deutete er mit den Händen eine Trommelbewegung an. Da wurde ihr klar, dass vor ihr der Regisseur der „Blechtrommel" saß und sie erzählte ihm euphorisch, wie sehr wir seinen Film lieben. Dieser Film bringt die Einzigartigkeit und Geisteshaltung Volker Schlöndorffs voll zum Ausdruck. In der „Blechtrommel" erreicht er mit surrealen Mitteln, dass die Realität noch realer erscheint.
2007 habe ich auf der Berlinale auch Wim Wenders getroffen, der durch seine große und stattliche Statur wie ein Grizzlybär wirkt. Seine Augen sind ganz klar, sie erinnern mich an die eines Kindes oder an den zärtlichen Blick einer Frau. Die Filme von Wim Wenders haben mich am meisten berührt. In seinen Filmen liegt etwas sehr Sanftes, das er auch als Mensch hat und die Kunst, wie ich sie verstehe, ist nichts anderes als dieses Mitgefühl und dieses sich anrühren lassen.
Über meinen Kameramann Lutz Reitemeier
Der Deutsche Lutz Reitemeier, Kameramann meines Films „Tuyas Hochzeit", ist ein echter Idealist. Mit dem Geld, das er in Europa in anderen Bereichen verdient, ermöglicht er es sich, an künstlerischen Projekten mitzuwirken, und beispielsweise in China einen Film mit nur wenig Budget zu drehen.
In China tut man gelegentliche Kratzer auf dem Filmmaterial gerne als normale Unregelmäßigkeiten ab, ohne der Sache weiter nachzugehen. Lutz jedoch gibt sich mit solchen Materialmängeln nicht zufrieden. Er setzt sich mit dem Filmhersteller und dem Labor in Verbindung oder überprüft die Kamera bis er den Fehler gefunden hat. Einmal klopfte er um zwei Uhr morgens an mein Fenster und meinte aufgeregt: „Wang, ich hab's, der Fehler liegt beim Labor!" Gerade weil er sich so mit der Sache identifizierte, wirkte er, als es auf das Ende des Projekts zuging, etwas gedrückt. „Wenn wir mit dem Film fertig sind, kehrt ihr alle zu euren Familien zurück“, meinte er damals zu mir, „aber was mache ich dann?"
Eigentlich ist Lutz ein sehr umgänglicher Mensch. Doch dann kann er auch wieder sehr aufbrausend und unbeherrscht sein. Doch gerade seine Impulsivität rührte mich an. Mir gefallen Menschen mit Schwächen, weil sie emotional reagieren und sich selber nicht verstecken.
Film und Erfolg
In dem Moment als ich den Goldenen Bären erhielt, empfand ich eine Erregung, die über reinen Stolz hinausging. Es war, als würde in meinem Inneren etwas erstrahlen, etwa wie ein erwartungsvoller Blick auf die Zukunft. Als ob sich ein neuer Weg vor mir geöffnet hätte. Doch obwohl mein Film ausgezeichnet wurde, hat er in China nicht viel eingespielt. Die Faktoren, die darüber entscheiden, ob ein Film gut läuft oder nicht, sind sehr vielschichtig. Da wirken mehrere Kräfte zusammen. Trotzdem denke ich, dass innerhalb dieser Komplexität auch eine sehr einfache Wahrheit liegt: Ein Film braucht Raum und er muss vermarktet werden. Ich als Regisseur kann den Film nur drehen und ich werde weiter Filme machen, solange es geht. Es reicht mir, in meinem Leben fünf oder sechs herausragende Filme zu machen. Wenn die Zeit dafür reif ist, wird auch das Umfeld stimmen.
Wir leben in einer Zeit, in der dem Film viele Ehren zuteil werden. Dass ich drehen kann, was ich will, betrachte ich schon als ein großes Glück. Das Umfeld für die Arbeit als Regisseur ist heute sehr gut, wir können uns von unendlich vielen wirklich hervorragenden Filmen inspirieren lassen, die unter viel schwierigeren Bedingungen zustande gekommen sind. Auf Probleme zu stoßen ist allerdings der Normalzustand in der Kunst. Die Motivation einen Film zu drehen, entsteht aus einer gewissen Ratlosigkeit, so ist das auch bei mir. Als „Tuyas Hochzeit" fertig geschnitten war, hatte sich diese Ratlosigkeit jedoch immer noch nicht ganz gegeben. Wenn ich sagen sollte, was ich aus dem Film gelernt habe, dann ist es die Liebe. Die tiefe Liebe, die Tuya für ihren Mann empfindet, kann sie nicht in Worte fassen, sie kann die Kraft dieser Liebe nur durch ihre Beharrlichkeit vermitteln.
Wenn man beim Drehen eines Films nicht mehr weiter kommt, muss das nicht unbedingt an einem sehr tiefgründigen Problem liegen, sondern eher an den Grenzen des gesunden Menschenverstands. Jemand fragte einmal den japanischen Regisseur Akira Kurosawa, wann denn ein Film gelungen sei. „Wenn er unterhaltsam und leicht verständlich ist", war seine Antwort. Das ist eine Definition, die erst einem reifen Filmemacher einfallen kann. Einem Menschen, der nicht mehr Angst hat, er könne nicht intelligent genug sein, sondern der befürchtet, in vielen Bereichen zu intelligent zu sein, sich jedoch bei den ganz einfachen Fragen des Lebens zu verwirren. Ich ermahne mich oft selber, mich voll auf den Film zu konzentrieren. Geschichte entsteht nicht indem man einen Bauklotz auf den anderen setzt und dann den Turm zum Einstürzen bringt. Sie benötigt einen längeren Prozess der Verdichtung. Die meisten Filmemacher werden sagen, dass sie den Film lieben. Aber wenn wir diese Aussage hinterfragen, müssen wir uns eingestehen, dass noch andere Untertöne mitschwingen. Bleibt man wirklich ganz beim Film, wird alles klar und man weiß genau, warum man was tut.
Text: Dr. Wang Ge, auf Grundlage eines Interviews im Mai 2007
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Übersetzung: Julia Buddeberg
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