Design und Mode

Schöner Warten - Designer aus Deutschland und China entwerfen Lösungen für Alltagsprobleme

Designvorschlag: Badeente aus Zierkürbis © Jana Elzenbeck
Haltestelle Dresden Foto: Bildpixel / PIXELIO
Warten an der Haltestelle; Dresden Foto: Bildpixel /http://www.pixelio.de


"The Joy of Waiting – kulturelle Differenzen des urbanen Wartens" hieß das Gemeinschaftsprojekt, das die International School of Design in Köln (KISD) 2004 mit der China Academy of Fine Art in Hangzhou ins Leben rief. "Ziel war es, aus der Beobachtung und Auswertung einer alltäglichen Situation - wie z.B. Warten auf den Bus - Ideen zu entwickeln, die zur Verbesserung des Lebensumfelds beitragen", sagt Professor Michael Erlhoff, Gründer der Kölner Designhochschule. "Und wer fremd im Land ist, schaut genauer hin."

 Professor Michael Erlhoff, Foto: Jana Elzenbeck
Prof. Michael Erlhoff
Foto: Jana Elzenbeck
Wer fremd ist, schaut genauer hin

Als Initiator der Zusammenarbeit hatte Erlhoff deshalb im Frühjahr 2004 erst mal 12 chinesische Studenten zum Workshop nach Köln eingeladen, im Jahr darauf gingen 10 deutsche Studenten in die 6,5 Millionen-Stadt Hangzhou. Eine neue Erfahrung für die Nachwuchsdesigner. "Den chinesischen Kollegen ist aufgefallen, dass wir Deutschen großen Wert auf Privatsphäre legen", sagt Designerin Katrin Walschek, die daran teilgenommen hat. "Deshalb haben wir vorgeschlagen, flexible Sitze anzufertigen, bei denen man den Abstand beliebig verringern oder vergrößern kann." Für China dagegen hatten die Studenten eine Sitzskulptur entwickelt, auf der viele Menschen nebeneinander Platz finden, und die Möglichkeiten zum Anlehnen in drei verschiedenen Größen bietet. Auch für die Dauer-Telefonierer an der Haltestelle präsentierten die findigen Formgeber eine Lösung: "In der Wartezeit könnte man Informationen über Busverspätungen per SMS verschicken. Oder Informationen über ein Konzert, wenn die Leute davor Schlange stehen," so Katrin Walschek. "Für die Kinder wären Hüpfspiele geeignet – zum Beispiel eine Lichtskulptur mit Glasplatten, die aufleuchten, wenn man drauf tritt." Die Designideen wurden Ende 2005 in einer Ausstellung in Hangzhou gezeigt.

Hongkong und Taiwan sind Vorreiter

"The Joy of Waiting" war das erste in einer Reihe von deutsch-chinesischen Kooperationsprojekten, die Erlhoff seitdem durchgeführt hat. Der Anstoß dazu war schon im Jahr 2000 von chinesischer Seite gekommen. Erlhoff war damals Chef eines Designergremiums, das im Auftrag der Bundesregierung die Ausstellung Designed in Germany organisierte. Chinesen aus Hongkong und Taiwan, die die Ausstellung gesehen hatten, luden ihn daraufhin als Mitglied der Jury zur Shanghaier Möbelmesse ein. Es folgten weitere Angebote als externer Gutachter bei der Shih Chien University in Taipei und der Polytechnic University in Hongkong. "In China habe ich gemerkt, dass Design ein wesentlicher Faktor der Wirtschaftsstruktur ist. Und Designer aus Hongkong und Taiwan sind die Vorreiter." Ein Zukunftsmarkt, denn Formgebung ‚Made in China' boomt. In den letzten 10 Jahren seien in der Volksrepublik mehr als 600 Designhochschulen gegründet worden, so der 63-Jährige. "Die Chinesen wollen das Image der Plagiate abstreifen und eigene Produkte entwickeln, die wettbewerbsfähig sind. Und dafür suchen sie Anregungen aus dem Ausland."

Designideen nicht nur für Reiche

Zumal Design sich nicht nur auf Ideen beschränkt, wie man gestressten Städtern die Wartezeit vertreibt. "Damit kann man auch Menschen in Armutsregionen neue Einkommensquellen erschließen." Um das zu demonstrieren, verlegte der Kölner Professor das nächste Projekt in Chinas Inlandsprovinz Yunnan. In Keyi, einem Dorf mit 300 Einwohnern südwestlich von Kunming trafen sich Erlhoff und seine Studenten mit angehenden Designern aus Hongkong und Kunming. Ihre Aufgabe: Den Bauern Ideen zur Entwicklung neuer Produkte an die Hand geben. "Das ist ein Dorf mit Lehmwegen, ohne Elektrizität und fließendes Wasser. Dort leben Minderheiten, die nur das Nötigste zum Leben haben", sagt die Kölner Graphik-Designerin Jana Elstenbeck, die dabei war. Die Studenten sahen sich ein paar Wochen den Alltag der Bauern und ihre Umgebung an. "Dabei merkten wir, dass viele Männer neben der Feldarbeit Holzschnitzereien anfertigen. Die Frauen machen Stickereien mit traditionellen Mustern ihrer Volksgruppe, einige sammeln Heilpflanzen." Auf den lokalen Märkten bringen ihnen die aber nur ein paar Cent ein – und die Konkurrenz ist groß, weil alle Dörfer dasselbe herstellen. Gleichzeitig fiel den Hochschülern ins Auge, dass Yunnan eine Touristenregion ist.

Interviews in Keyi, Foto: Jana Elzenbeck
Interviews in Keyi, Foto: Jana Elzenbeck


"Deshalb kamen wir auf die Idee, aus lokalen Materialien Produkte für Hotels herzustellen. Zum Beispiel Seifenhalter aus Bambus, Enten aus Kürbis mit eben diesen typischen Mustern als Andenken oder Seifen und Rubbelhandschuhe, in denen Heilkräuter enthalten sind." Ob die Bauern ihre Vorschläge umgesetzt haben, wissen die Studenten nicht. "Unsere Aufgabe ist es, Ideen zu entwickeln. Für die Umsetzung sind andere verantwortlich." Der sechswöchige Einsatz in dem Bergdorf hat sich für die 32-Jährige dennoch gelohnt: "Design als Hilfe zur Selbsthilfe war ein neuer Aspekt. Und die Eindrücke, die ich dort gewonnen habe, fließen in meine Arbeit ein."

Designvorschlag: Badeente aus Zierkürbis © Jana Elzenbeck
Designvorschlag: Badeente aus Zierkürbis © Jana Elzenbeck


Interkulturelle Kompetenz erhöht Jobchancen

Interkulturelle Kompetenz und Auslandserfahrung erwerben – das ist der Grund, warum für Initiator Erlhoff alle Seiten von der Zusammenarbeit profitieren. "Meine Studenten sind dadurch weltweit einsetzbar und können Produkte für Firmen in China konzipieren," betont Initiator Erlhoff. Allerdings profitierten die Chinesen bisher mehr davon. "Die fragen uns ständig an, wollen aber nichts bezahlen." Die KISD habe zum Beispiel damals den chinesischen Studenten den Aufenthalt in Köln gesponsert, die Teilnahme an dem Programm in Yunnan mussten die Kölner Designer jedoch selbst finanzieren. Und das, obwohl sich die Academy of Fine Art in Hangzhou gerade einen neuen Campus für 100 Millionen Dollar geleistet habe. "Die wissen, dass wir alle nach China wollen und nutzen die Konkurrenz aus."

Solche Anlaufschwierigkeiten hindern den umtriebigen Professor nicht daran, schon das nächste Projekt in China in Angriff zu nehmen: Eine nachhaltige Alternative zu Wegwerfprodukten zu entwickeln. "In Yiwu in der Provinz Zhejiang wird eine riesige Zahl von billigen Produkten aus Plastik hergestellt. Im Zentrum der Stadt steht ein fünfstöckiges Gebäude mit Ausstellungsräumen für Einzelhändler. Es gibt allein 400 Ausstellungsräume mit Weihnachtsschmuck und 300 Stände mit Schlüsselanhängern. Die Unternehmer werden damit stinkreich, schmeißen aber 90 Prozent weg." Durch die hohen Produktionsmengen und Abfälle entstehen große ökologische Schäden. Das hat auch der stellvertretende Bürgermeister der 700.000 Einwohner-Stadt in der Nähe von Hangzhou bemerkt und die Designer aus Deutschland jetzt ins Boot geholt. Noch sind alle Beteiligten in der Planungsphase, aber der Kölner Dekan ist sich sicher: "Wenn wir Designstudenten aus Deutschland und China zusammentrommeln, finden die bestimmt eine Lösung."
Text: Annette Kaiser
Journalistin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
April 2008

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