"Ost trifft West": Liu Yang – halb Pekingerin, halb Berlinerin

Viele von Liu Yangs früheren Arbeiten wurden mit Preisen ausgezeichnet und in Museen und Galerien auf der ganzen Welt ausgestellt. Aber erst die rot-blauen Piktogramme zu kulturellen Unterschieden zwischen Deutschen und Chinesen, die erstmals im Mai 2007 im Auswärtigen Amt in Berlin ausgestellt wurden, haben ihr zu einem herausragenden Durchbruch verholfen.
In ihrem Ost trifft West betitelten Werk, das auch als Buch erschienen ist, hat Liu Yang mit einfachen, aber aussagekräftigen Mitteln Unterschiede im Verhalten beider Kulturen gegenübergestellt, die sich ihr nach 13 Jahren in Peking und 13 Jahren in Berlin als besonders prägnant herauskristallisiert haben. Zum Beispiel: Wie gehen Chinesen und Deutsche mit Problemen um? Wie verhalten sie sich auf Reisen und bei Bauchschmerzen? Wie lebt der Rentner, welche Position hat das Kind in der Familie? Manche der Gegenüberstellungen erschließen sich dem Betrachter sofort, bei anderen tritt das "Aha"-Erlebnis erst nach einigen Sekunden des Verarbeitens ein. Dieser Prozess zeigt sich ganz deutlich auf den Gesichtern der Ausstellungsbesucher.Applaus von beiden Seiten
Die Kommentare zu Ost trifft West sind fast durchweg positiv. Sowohl Deutsche als auch Chinesen erkennen sich darin wieder. "Nur ein einziger Mensch hat mal zu mir gesagt, ich sei vielleicht zu sehr vom deutschen Standpunkt ausgegangen," sagt Liu Yang. Also muss an manchen Klischees, wie dem des "pünktlichen Deutschen" und des "immer lächelnden Asiaten" doch etwas dran sein.
Während Chinesen sich vor allem von den Beispielen aus dem Alltag wie "Sonntags auf der Straße" angesprochen fühlen, loben Deutsche häufig die Darstellung des Umgangs mit Problemen, der Position des Chefs und der Kontakte, oder vielmehr Kontaktnetzwerke im Falle der Chinesen. Diskutabel scheint die Frage des Egos… zumindest aus deutscher Wahrnehmung gibt es auch Chinesen mit ausgeprägtem Ego. Und warum sind nur die Deutschen so wetterabhängig? "Ich weiss auch nicht, jedenfalls habe ich das früher in China nicht erlebt. Wir haben uns immer gefreut, wenn es regnete, weil dann die Luft klarer wurde."
Nach dem Auswärtigen Amt in Berlin wurden die Piktogramme auch in Peking auf der Beijing International Bookfair Ende August 2007 im Rahmen des deutschen Gastlandauftritts gezeigt. Eine weitere Station war die Deutschlandpromenade im Oktober 2007 in Nanjing. Dass Teile des Werkes im Frühjahr im Internet gelandet sind und sich so in unglaublicher Geschwindigkeit verbreiten konnten, war nicht vorgesehen gewesen, hat aber letztendlich nur zu Liu Yangs Bekanntheit beigetragen. Geärgert hat Liu Yang daran vor allem, dass sich teilweise andere rühmten, die Serie "so ganz nebenbei" entworfen zu haben. "Schließlich habe ich drei Jahre daran gesessen," sagt Liu Yang.
Der kreative Kopf – außerhalb aller Klischees
Hinter der schlichten Erscheinung verbirgt sich eine äußerst unabhängige und zielstrebige Persönlichkeit. Mit 13 kam Liu Yang mit ihren Eltern aus Peking nach Deutschland. Wegen der nicht vorhandenen Deutschkenntnisse kam sie zunächst auf eine Hauptschule. Schon mit 14 fragte sie ihren Klassenlehrer, wie man in Deutschland studieren könne. Die Antwort war nicht ermutigend, trotzdem begann sie auf eigene Faust und ohne dass jemand davon wusste, eine Bewerbungsmappe für Kunsthochschulen zusammenzustellen. "Ich habe dafür praktisch kein Geld ausgegeben. Dass Papier habe ich von einer Druckerei bekommen, die Reste für mich gesammelt haben."
Mit 15 war das Einzelkind Liu Yang bereits von zu Hause ausgezogen. Dass ihre Eltern damit einverstanden waren, kratzt ebenfalls an der verbreiteten Vorstellung von der "typischen" beschützenden, chinesischen Familie. "Meine Eltern haben meine Selbstständigkeit sehr früh gefördert. Schon mit acht fuhr ich allein durch Peking", kommentiert Liu Yang. Das Geld für ihre Unabhängigkeit verdiente sie sich unter anderem, in dem sie Illustrationen für einen Künstler kolorierte. Mit 16 bestand sie die Prüfung für "Besondere künstlerische Begabung" an der Fachhochschule Bielefeld, sollte aber mit dem Studium warten bis sie 18 war. Das war ihr zu lang, und so nahm sie mit 17 Jahren ein Studium an der Hochschule der Künste in Berlin auf, an der es keine Altersbegrenzung gab. Nach Abschluss des Studiums arbeitete Liu Yang in Singapur, New York, London und Berlin, wo sie heute ihre eigene Firma hat. Neben der Arbeit als Designerin nimmt Liu Yang immer wieder Lehraufträge an, u.a. an der Central Academy of Arts in Beijing, in der Schweiz, Holland, Schottland und in der Türkei.
Lehren im kulturellen KontextAn jenem Sommerabend in Berlin sprechen wir auch über ihre Lehrerfahrungen in verschiedenen kulturellen Kontexten. Sie erzählt, wie sie mit 27 in ihr erstes Seminar an der Central Academy of Fine Arts in Beijing gegangen ist. Obwohl sie extra ein Kostüm angezogen und eine Brille aufgesetzt hatte, um älter zu wirken, dauerte es eine Weile, bis die Studenten überhaupt merkten, dass die Dozentin bereits da war; dann vergingen weitere Tage, bis sie völlig akzeptiert wurde. "In China muss der Dozent Abstand zu seinen Studenten halten, um seine Autorität zu wahren. In der Türkei ist es ähnlich." Sie nähme sich beim Lehren ihren Dozenten von der UDK Berlin zum Vorbild, der immer sehr gut vorbereitet und den Studenten gegenüber sehr fair gewesen sei. Und noch ein Unterschied zwischen chinesischen und westlichen Studenten, der Liu Yang immer wieder auffällt: "Die Chinesen haben hohe Ansprüche nach innen, also an sich selbst – die westlichen eher nach außen, an die Schule, an die Lehrer."
Liu Yang, die ihr Leben heute zwischen Berlin, Peking und New York aufteilt – "Das ist nicht einfach, weil die drei Städte so weit auseinander liegen" – ist derzeit mit einem neuen Projekt beschäftigt. "Es würde bedeuten, dass ich 2008 öfter in Peking bin – aber mehr kann ich leider noch nicht verraten", sagt sie mir auf der Buchmesse in Peking mit einem entschuldigenden Lächeln. Wir dürfen gespannt sein.
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
September 2007















