Bühne

Together/Zai yiqi - ein dokumentarischer Theaterabend von Cao Kefei

Cao Kefei: Together © Cao Kefei
Szene aus "Zai yiqi/Together"


In den zeitgenössischen Theaterformen hat sich in den letzten Jahren eine Fragestellung als besonders drängend herausgebildet: Wie kann die Verbindung zwischen Theater und Wirklichkeit neu gestaltet werden, wenn uns Letztere als fassbares Konstrukt immer mehr zu entgleiten droht? Als Reaktion auf diesen Zusammenhang ist die Entstehung zahlreicher unterschiedlicher Formate eines dokumentarischen Theaters zu verstehen, die längst auch einen Platz in den deutschen Staats- und Stadttheatern gefunden haben. Zu nennen wären unter vielen etwa die dokumentarischen Stücke von Kathrin Röggla (Wir schlafen nicht über den Alltag in der Unternehmensberatungsbranche oder Draußen tobt die Dunkelziffer über die Situation privater Verschuldung in Deutschland) oder das Expertentheater von Rimini-Protokoll, die anstelle von Schauspielern reale Personen, sogenannte „Experten des Alltags", seien es Fluglotsen, Übersetzer, Trauerredner, Fernfahrer, Wirtschaftsprofessoren oder andere, in den Rahmen einer Theaterbühne stellen.

Diashow


Die Frage nach der Wahrnehmung einer in rasantem Wandel begriffenen Realität hat sich offenbar auch der chinesischen Theatermacherin Cao Kefei gestellt. Sie hat mit Zai yiqi/Together einen dokumentarischen Abend erarbeitet, der biographische Erfahrungen von Frauen ins Zentrum rückt und sie an eine literarische Reflexion über das Prototypische weiblicher Biographien koppelt. Dabei geht es ihr vor allem um die Erforschung von „Gefühlslagen" vor dem Hintergrund konkreter gesellschaftlicher Erfahrung. Der chinesische, mit 'Together' nur unzureichend übersetzte Titel deutet in diesem Sinn auf zwei wesentliche Aspekte ihres Theaterprojektes: Es erzählt vom Leben in Beziehungen, insbesondere vom Verhältnis von Frauen zu Männern, vom „Zusammensein" mit Männern. Andererseits transportiert das chinesische „zai", zu deutsch: „sich befinden", auch eine bestimmte räumliche Konnotation, genauer übersetzt heißt es also so viel wie „sich hier oder dort befinden"; in diesem Fall in Peking. Alle Mitwirkenden stammen von dort und vermitteln somit ein Bild vom „Zusammensein" unter den Bedingungen einer im Umbruch befindlichen Megacity. Sie gewähren, wenn man so will, einen Blick in deren emotionale Gemengelage. Monatelang war Cao Kefei dafür mit der Kamera unterwegs. Sie hat mit vielen Frauen gesprochen, Zeit mit ihnen verbracht, nach ihren Lebensgeschichten gefragt und gut zugehört. Mit fünfen von ihnen und einer Schauspielerin hat sie sich schließlich für das Theaterprojekt Zai yiqi verabredet.

Was ist Liebe?

Der Abend beginnt mit einem Zustandsbild. Eine Frau allein. Es ist Nacht und die Gedanken geraten in Bewegung, sie erfassen die großen Lebensfragen nach Liebe und Freiheit, Sehnsucht und Trennung, nach der Kraft der Sprache und der Einsamkeit des Schweigens: Was ist Liebe? Was ist Familie? Ist sie nur eine vereinte Einsamkeit? Gibt Liebe uns Freiheit? Dafür hat der chinesische Dichter Duo Duo einen lyrischen Monolog für eine Frau geschrieben, die sich als moderne Wiedergängerin von Henrik Ibsens Nora zu erkennen gibt. Cao Kefei hat das mit großer Formstrenge choreographiert: Auf der Bühne stehen lediglich einige stilisierte Hochhausmodelle in der Größe von Sitzhockern. Die Frau hat in der Uraufführung am 5. Juni 2007 am Berliner Theater HAU (Hebbel am Ufer) im Rahmen des Festivals „Umweg über China" eine zweite Schauspielerin als Gegenüber, die die chinesischen Passagen auf deutsch spricht. So ist die Übersetzung gleichsam mit konzeptionellem Mehrwert in die Inszenierung mit eingebunden, eine kluge theatralisch gedachte Alternativlösung zu den üblichen zumeist unbefriedigenden Simultanübersetzungen von internationalen Theaterproduktionen. Beide Frauen bewegen sich wie auf unsichtbaren Bahnen durch den Raum, geleitet nur von gelegentlich entstehenden Lichtgassen oder von einer inneren Unruhe ohne äußeren Anlass. Die Fragen dieser abstrakt-lyrischen Meditation über Nora und ihre Wiedergängerinnen werden schließlich von fünf Frauen beantwortet, die wir in Großaufnahme auf einer die Bühne abschließenden raumfüllenden Videoleinwand sehen: Eine Universitätsdozentin, eine Webdesignerin, eine Putzfrau, eine pensionierte Sekretärin, eine Redaktionsassistentin, Pekingerinnen allesamt.

Ganz konkret und mit verblüffender Offenheit sprechen die Frauen nun über ihren Liebesbegriff, ihre Erwartungen an die Männer, an Sexualität und Familienleben. Ganz pragmatische Liebesvorstellungen stehen da neben romantischen Liebesidealen, konventionelle der Tradition verpflichtete Familienvorstellungen, die in erster Linie die Sicherung der Nachkommenschaft zum Ziel haben, werden ebenso formuliert wie ein allein auf befriedigenden Sex ausgerichtetes Liebesverständnis. Der abstrakte Text Duo Duos wird konterkariert von persönlichen Fragmenten biographischer Selbsterzählungen. Ein vielschichtiges Wahrnehmungsspiel mit den gängigen Vorstellungen von „Frau" und „China" wird in Gang gesetzt, die zugleich bestätigt und unterlaufen werden, nicht zuletzt weil die beteiligten Frauen jenseits aller Klischees ihre Lebensläufe mit ihren Persönlichkeiten beglaubigen.

"Wenn ich Nora wäre..."

Im letzten Teil des Abends treten die Frauen dann leibhaftig auf die Bühne, nehmen gemeinsam mit den Schauspielerinnen auf den Hochhäuserhockern Platz. Nach den Reflexionen über Ansprüche und Erfahrungen, formulieren sie nun ihre Erwartungen an die Liebe, simultan übersetzt von der Hochschuldozentin. In diesem Moment ist der Theaterabend ganz in der Gegenwart seiner Aufführung angelangt: Sieben Menschen sitzen auf der Bühne und erzählen von ihren persönlichen Zukunftserwartungen in Liebesdingen. Keine spielt eine Rolle jenseits der ihr eigenen Identität. Dabei bleibt der Theaterabend bis zuletzt formbewusst. Cao Kefei hat allen Mitwirkenden eine gemeinsame Erzählaufgabe gestellt: „Wenn ich Nora wäre...", so beginnt jede der Frauen ihre Rede. Indem sie auf diese Weise dem unmittelbarsten Moment des Abends einen imaginären Rahmen gibt, erreicht sie eine diskursive Einbindung des Privaten.

In der Zusammenschau entsteht ein denkbar disparates Panorama, das vom komplizierten Verhältnis von Eigensinn und Traditionsbewusstsein in den Lebensläufen erzählt. Zai yiqi/ Together ist ein Anfang. Das Projekt markiert den Auftakt einer auf mehrere Teile angelegten Theaterrecherche (die demnächst in Kooperation mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus fortgesetzt wird) über erschütterte Gefühlswelten im Horizont gesellschaftlicher Transformationen.

NavigationssymbolCao Kefei über die Entstehung von Zai yiqi/Together
Text: Christoph Lepschy
Dramaturg, Düsseldorfer Schauspielhaus
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
April 2008
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