Geschichte ist das Irreparable – Chinesische Gegenwartskunst im Berliner Haus der Kulturen


Ausschnitt der Installation "Waste Not", Foto: Andreas Schmid
Im Haus der Kulturen der Welt in Berlin gehört der Blick auf die Gegenwartskunst in China seit 1993 zu einer immer wiederkehrenden Aufgabe. Für die Ausstellung Re-Imagining Asia haben der scheidende Leiter des Bereiches B Bildende Kunst, Shaheen Merali, und sein Partner Wu Hong, der zum dritten Mal für das Haus der Kulturen der Welt kuratiert, explizit ganz Asien ins Visier genommen. Damit folgen sie dem ZKM in Karlsruhe, das 2007 eine große Ausstellung zum selben Thema mit dem Titel Thermocline veranstaltete.
So interessant und auch verständlich solche Ansinnen global- und kulturpolitisch sind, so eine Überforderung sind sie selbst für den engagiertesten Besucher. Wie soll dieser all die Kontexte, Umfelder und Hintergründe zu den Kunstwerken so verschiedener Kulturen parat haben? Und wie die Hybris des Untertitels A Thousand Years of Separation aufnehmen? Der Riesenkontinent Asien ist unmöglich in einem Rundumschlag zu fassen. Der Besucher kann nur versuchen, einzelne Kunstwerke mit größtmöglichster Aufnahmebereitschaft auf sich wirken lassen. Dies ermöglicht die Ausstellung Re-Imagining Asia, die mit 25 gut positionierten Werken im Vergleich zur überbordenden Thermocline übersichtlich zu nennen ist. Vier der ausgestellten Künstler stammen aus der Volksrepublik China.

Ausschnitt der Installation "Waste Not", Foto: Andreas Schmid
Waste Not – Höhepunkt aus der Volksrepublik China
Die erste künstlerische Arbeit im Foyer ist eine imposante Rauminstallation: Waste Not (Wu jin qi yong) des chinesischen Künstlers Song Dong (宋冬) und seiner Mutter Zhao Xiangyuan (赵湘源). Erst vom zweiten Stock aus kann man das ganze Ausmaß dieser raumgreifenden Arbeit erfassen. Um das hölzerne Gerüst eines traditionellen Wohnhauses Pekingscher Prägung herum fluten, nach Themen geordnet und sorgfältig arrangiert, Massen chinesischer Alltagsgegenstände und Objekte das Foyer: Kleider aller Art, Koffer, Taschen, Schuhe, Flaschen, Töpfe aus allen Materialien und für jede Verwendung, Zahnpastatuben, Medikamente, Fernsehgeräte, Metall- und Holzgeräte, Stühle, Holzkisten, Verpackungsmaterialien, Magazine und Holzstützen, Überreste abgerissener und verlassener Häuser und vieles mehr. Man könnte diese mehrere Hausstände umfassende Sammlung von Alltagskultur der Volksrepublik China als einen großen melancholisch-poetischen Abgesang auf alle Dinge bezeichnen, die durch die zunehmende Beschleunigung der Entwicklungen in eine immer schneller sich entfernende Vergangenheit befördert werden.
Trauerarbeit als Familienprojekt
Alle Gegenstände hat die Mutter des Künstlers Song Dong, Zhao Xiangyuan, in über 50 Jahren angesammelt und mit Helfern in intensiver mehrwöchiger Arbeit neu geordnet. Zu fast allen Dingen weiß die Mutter die dazugehörige Geschichte. Dass die Elterngeneration aus Sparsamkeitsgründen und der leidvollen Erfahrung von Krieg und Mangel viel aufbewahrt hat, um für Zeiten der Not gerüstet zu sein, ist verständlich. Auch wir kennen diese Vorratshaltung aus unserer eigenen Geschichte kurz nach dem Kriege.

Song Dong und seine Mutter Zhao Xiangyuan, Foto: Andreas Schmid
Dazu Song Dong: „Der geschlossene klassische Wohnhof (Siheyuan), in dem mehrere Familien wohnten, eignete sich sehr gut zum Sammeln, da es Abstellräume gab. In unserem 'Kiez' gab es damals eine regelrechte Kramladenkultur. Nach Aufgabe der öffentlichen Tunnelsysteme, die in der Kulturrevolution zum Schutz gegen Aggressoren von Außen angelegt worden waren, nutzten einige Bewohner Beijings diese ebenfalls, zum Horten von Dingen. Die sich ständig beschleunigenden Veränderungen verschärften aber auch den Generationenkonflikt: Die Tugend des Aufbewahrens wurde zur unerträglichen Belastung. Der Graben war manchmal so tief, dass Kommunikation unmöglich wurde. Die Alten verloren mit dem Umzug aus ihren Wohnungen das soziale Netz eines Kiezes; in Hochhäusern mit 50-100 Familien ging jede Bindung für sie verloren. Nach dem Tode meines Vaters im August 2002 begann meine Mutter, die bisherige Ordnung der Wohnung durch die unkoordinierte Verteilung gesammelter Dinge aufzulösen, wie um einen leer gewordenen Raum zu füllen. Oft mit Dingen, die ich weggeworfen hätte. Damit wollte sie den Tod ihres Mannes kompensieren."
Song Dong gelang es, die Verzweiflung und die Übersprungshandlungen der Mutter in eine künstlerische Arbeit zu transformieren und sie zur aktiven Mitarbeit zu bewegen. Damit war ein Ansatzpunkt geschaffen, den Verlust durch aktive Trauerarbeit zu bewältigen und gleichzeitig den Sohn in seiner künstlerischen Laufbahn zu fördern. 2005 erfolgte die erste Präsentation des Projekts in der Tokyo-Galerie im Pekinger Dashanzi Art District, ein Jahr später die erste Auslandspräsentation in Korea. Die Ausstellung in Berlin ist die erste Reise nach Europa und die größte Präsentation bislang. Verkaufen möchte die Mutter das Kunstwerk allerdings nicht.
Waste Not löst beim Betrachter eine Vielzahl von Erinnerungen und Gefühlen aus. Die Ästhetik ist faszinierend, so viel Unterschiedliches scheint auf: Manches zeigt die Liebe des jahrelangen Gebrauchs und hat Charisma, manches wirkt alt und schäbig, manches stellt uns vor Rätsel und lässt uns kreativ raten. Insgesamt zwingt diese Installation uns zur Reflexion über unsere eigene Wegwerfgesellschaft. Zugleich weist sie auf dieselbe im jetzigen China hin und lenkt den Blick auf die ungeheueren Entwicklungen, die sich in Peking in nur wenigen Jahrzehnten vollzogen haben. Song Dong, Jahrgang 1966, liebt seine Heimatstadt und wohnt nach vielen Umzügen mit seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Yin Xiuzhen, auch heute noch in einem kleinen traditionellen Hofhaus, welches unter Denkmalschutz steht. Diese letzte Arbeit Song Dongs reiht sich gut in seine bisherigen Werke ein, die alle um drei große Themenkomplexe kreisen: Künstlerische Ästhetik und Philosophie, Gesellschaft und Familie. Immer spielen Zeitstrukturen und die Transzendenz von Entstehen und Vergehen eine wesentliche Rolle.
Artig versus spannend

Zhang Dali:
Second History China History
Photography Archive, 2005 - 2007,
Foto: Andreas Schmid
Second History China History
Photography Archive, 2005 - 2007,
Foto: Andreas Schmid
Äußerst spannend dagegen ist die große Arbeit Shen Shaomins, Project No.1, 2006/07: Es ist ein großes, zweiteiliges Holzmodell eines Eingangstores der Verbotenen Stadt mit herausgearbeiteten imaginierten Einsprengseln von in mehreren Stockwerken verteilten Geheimräumen, in denen u.a. Werkstätten und Unterschlupf für die Sicherheitskräfte und Soldaten Platz finden. Das Modell wurde von vier alten Handwerkern in zweijähriger Arbeit hergestellt. Diese überzeugende Skulptur hat in ihrer Mischung aus ästhetischem Reiz und politischer Bedrohung eine erstaunliche Aktualität.
Im Vergleich zu anderen Arbeiten der Ausstellung bleibt das Großfoto des vierten chinesischen Künstlers, Miao Xiaochun, Orbit, 2005 in seiner allgemeinen Aussage eher beliebig.
Unklar bleibt bei Re-Imagining Asia, warum deutsche Künstler in die Auswahl hereingenommen wurden. Vielleicht sollten diese Namen Besucher aus dem westlichen Kunstkontext anlocken, die mit den asiatischen Namen wenig anfangen können.
Das parallel laufende Angebot in anderen Sparten wie z.B. in Tanz, Musik, Literatur und Film sowie die Diskussionsforen stellt, wie der Kurator Wu Hong in seiner Einführung treffend bemerkte, das eigentliche Plus des Hauses der Kulturen in Berlin dar. Es kann dadurch eine ungeheuere Erweiterung von Wahrnehmungsmöglichkeiten zum Thema Asien anbieten, die zumindest in Europa konkurrenzlos ist. Das macht bei allen Einschränkungen das Haus so wertvoll. Und uns Betrachter stellt es immer wieder vor die schöne Qual der Wahl.
Text: Andreas Schmid
Freischaffender Künstler in Berlin und Experte für moderne chinesische Kunst
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
April 2008

















