Bildende Kunst/ Fotografie

Peking: Künstler auf der Wanderschaft (Teil I) - Die Künstlerkolonie am Yuanmingyuan

Gruppenfoto Yuanmingyuan © Hu Min
Gruppenfoto Yuanmingyuan © Hu Min
Gruppenfoto Yuanmingyuan, Foto: Hu Min, 1995


Die achtziger Jahre im Yuanmingyuan

Bei vielen Chinesen, die ihre Sturm- und Drangzeit bereits hinter sich gelassen haben, kommt beim Gedanken an die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts ein Gefühl von Nostalgie auf. Damals war gerade die Kulturrevolution zu Ende und man diskutierte über Verantwortlichkeiten oder die davon getragene Narben. Neben offenen Worten, gab es aber auch reichlich Tabus und Verdrängungen. Wer von der Kulturrevolution gebeutelt worden war, stand der Reform- und Öffnungspolitik skeptisch gegenüber, während sich für die von der Last der Geschichte unberührte junge Generation ein neuer Raum auftat, in dem sich alternative Lebensformen ausprobieren ließen.

Mitte der achtziger Jahre begannen sich einige junge Chinesen – die meisten von ihnen Künstler - in Fuyuanmen Xicun auf dem Gelände des Alten Sommerpalasts Yuanmingyuan oder in Guajiatun in der Nähe der Peking-Universität anzusiedeln. Fang Lijun, Li Xianting, Wang Jin und Tian Bin, der sich heute Shi Ruo nennt, mieteten sich ein. Ihr Ansinnen war zunächst einmal anspruchslos, sie suchten einfach in einer ansprechenden Gegend einen erschwinglichen Ort, an dem sie bleiben konnten.

Der Park des Alten Sommerpalasts Yuanmingyuan liegt am nordwestlichen Stadtrand Pekings. Der Ruinenpark selbst birgt in sich die Spuren jener chinesischen Vergangenheit, als das Land seinen Weg in die Moderne suchte. Wurde der Alte Sommerpalast doch im 18. Jahrhundert im Stil italienischer Baukunst errichtet und schließlich 1860 von englischen und französischen Truppen fast dem Erdboden gleich gemacht. Noch zur Zeit der achtziger Jahre gab es in seiner Umgebung weder den überlaufenen Hightech-Park Zhongguancun noch die täglich aufs Neue verstopfte vierte und fünfte Ringstraße. Stattdessen erstreckten sich hier die beschaulichen Campusgelände des Univiertels. Die nahe gelegene Peking-Universität und die Qinghua-Universität boten den Künstlern und kreativen Autodidakten, die es an diesen Ort verschlagen hatte, nicht nur eine Atmosphäre der Gelehrsamkeit, sondern auch Mensen, Badehäuser und Hörsäle.

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Die meisten von ihnen waren in den sechziger Jahren geboren, und sie kamen aus ganz China. Peking war in ihren Augen die „faszinierende Ferne", ein Eldorado der freien Kunst. Einige hatten zwar einen Abschluss von einer Kunstakademie, lehnten aber den staatlich zugeteilten Arbeitsplatz ab und zogen – offiziell als mangliu, „blindlings Herumziehende" bezeichnet – in den Yuanmingyuan. Da das Hukou-System, nach dem die Bürger Chinas ihren Wohnort nicht frei wählen konnten, damals noch streng gehandhabt wurde, besaß man ohne hukou kein offizielles Wohnrecht in Peking.

Leben am Rande der Gesellschaft

Diese Pioniere der „Hauptstadt-Migration" mussten also privat unterkommen oder unter der Hand ein Quartier anmieten und waren zu ständigen Umzügen genötigt. Sie saßen in irgendwelchen Rumpelkammern, lauschten Opernübertragungen oder den Rockklängen von Cui Jian. Im Winter heizten sie mit Kohlebriketts und unterzogen sich einer schnellen Katzenwäsche am Wasserhahn im Hof. Mit Freunden, die ebenfalls so herumhingen, improvisierten sie Theaterstücke, wobei ein einfaches Bettlaken, in das man ein Loch schnitt, als Kostüm herhalten konnte. Die meisten hatten weder Arbeit noch Einkommen. Aber damals teilte sich Peking noch nicht in Arm und Reich, niemand fragte nach der Herkunft und wirtschaftlich ging es allen gleich - das Geld reichte hinten und vorne nicht. Viele konnten die Miete nicht aufbringen und waren immer auf der Suche nach einer Mahlzeit. Die Kunst war für sie so essentiell wie Wasser oder Luft und man brachte sie absolut nicht mit Geld in Verbindung. Ihre Selbstzufriedenheit, aber auch ihre Verlorenheit in der Welt ließ sie näher zusammenrücken. Auch kannte die Kunst keine Klassen, Nichtsnutze ohne einen Yuan in der Tasche waren sie alle. Mit Leidenschaft lebten sie in den Tag hinein und klopften Sprüche. Finanziell abgebrannt, aber an Bier und billigem Tabak, Freundschaft und Kunst fehlte es nie. Oberflächlich gesehen hatte ihr Leben keine Wurzeln, aber tatsächlich war es über alle Zweifel erhaben und unerschrocken.

Die Wiege der chinesischen Avantgarde-Kunst

Es wird behauptet, dass die freie chinesische Kunstszene oder die professionelle chinesische Kunst ihre Geburtsstunde im Künstlerdorf Yuanmingyuan erlebt hat. Künstler wie Fang Lijun, Yue Minjun, Yang Shaobin, Wang Jin, Shi Ruo und Wang Qingsong haben dort zu ihrer künstlerischen Sprache gefunden. Die zentrale Figur in diesem Kreis war der Kunstkritiker Li Xianting, den sie ihren „geistigen Vater" nennen. Die künstlerischen Konzepte wie political pop, Kitschkunst, oder "Zynischer Realismus", die er in ihrer Kunst fand, bilden in gewisser Weise einen Abriss der zeitgenössischen chinesischen Kunst und dienten ihnen als theoretisches Leitprinzip und Stütze.

Mit der Zeit zog der Ort immer mehr Leute an. Viele kamen ohne eine künstlerische Ausbildung, erfuhren hier ihre erste Prägung und widmeten sich fortan der Kunst. Andere hatten mit der Kunst gar nichts am Hut. Sie trieben sich nur einfach so im Yuanmingyuan herum, führten ein Leben der Bohème und atmeten sorglos die Luft der Freiheit. In einer Gesellschaft, die das Individuum verleugnete, folgten diese Müßiggänger ihren eigenen Gesetzen in einer Existenz ohne materielle Sicherheit. In den Dokumentarfilmen Bumming in Beijing (1990) von Wu Wenguang und Die Künstler vom Yuanmingyuan (1995) von Hu Jie finden sich ihre Lebensumstände dokumentiert. In den östlich und westlich gelegenen Künstlerkolonien des Yuanmingyuan wurde das Leben selbst zur Kunst. Man könnte auch sagen, dass aus diesem konkreten Umfeld eine spezielle und unverfälschte Lebensweise resultierte. Vor der Kulisse ihrer Zeit erschienen sie dekadent und unkonventionell. Ihre Flucht aus der Banalität eines normalen Familien- und Arbeitslebens wurde zu einem Akt mit politischer Bedeutung, denn zu dieser Zeit widersprachen abstrakte Malerei, Performance Kunst und l`art pour l`art aufs Heftigste der herrschenden Ideologie.

Das ist lange her. Die meisten dieser Lebenskünstler haben in ein Leben, das traditionellen Vorstellungen entspricht, zurückgefunden. Einige haben sich einen Namen als Künstler gemacht, andere das Fach gewechselt. Aus ihnen sind Geschäftsleute geworden, sie arbeiten beim Film, haben China verlassen oder Ausländer geheiratet. Und es gibt auch welche, die in Pekings geschlossener Anstalt Anding gelandet sind... Eines lässt sich mit Gewissheit sagen: Nur wenige leben mit derselben Spontaneität wie damals.

Über die Fotografin
Hu Min, geboren 1964 in Jinan in der Provinz Shandong, kam 1993 nach Peking und ließ sich im Yuanmingyuan nieder. Hier begann sie ihre Laufbahn als Fotografin und dokumentierte zwischen 1993 und 1995 das Leben der Künstler. Hu Mins Werke wurden seitdem in vielen Publikationen und Ausstellungen in China und im Ausland gezeigt, zu ihren Einzelausstellungen zählen Childen in the Field, 2007 in der Colgate University, USA, Driftage File, 2006 im Today Art Museum in Peking und Childen im Shifang Art Center in Peking 2002.
Text: Wang Ge
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
März 2008
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