Bildende Kunst/ Fotografie

40 Paar Schuhe - Was zwei Hamburger Kunststudenten aus China mitbrachten

Jiefangxie © Tim Wolfer 2007
Jiefangxie © Tim Wolfer 2007
Chinesische Kunst studieren, dabei China hautnah erleben und sich gleichzeitig für die eigenen Werke inspirieren lassen - welcher deutsche Kunststudent träumt nicht davon. Diese Gelegenheit bot sich der ehemaligen Studentin der Hochschule für Bildende Künste (HFBK) in Hamburg Simone Kühn (33) und dem Architekturstudenten Till Wolfer (26) im Jahr 2007, als sie sich für den Künstleraustausch mit der „China Academy of Art" in Hangzhou qualifizierten.

Bildergalerie T. Wolfer
Das Stipendium beinhaltete unter anderem einen viermonatigen Aufenthalt an der Kunsthochschule, wobei beide Künstler es jedoch vorzogen, auf eigene Faust Land und Leute zu entdecken. Heimgekehrt sind sie mit vielen neuen Eindrücken, reichlich Foto- und Videomaterial und 40 Paar abgetragenen Schuhen. Die sollen Teil eines Kunstprojektes von Till Wolfer werden. Zurück in Deutschland verarbeitete er seine Erkenntnisse bereits in einer Vortragsreihe.

Simone Kühn stellte ihre Foto- und Videoarbeiten vom 7. bis zum 15. Februar 2008 in der Ausstellung Offenes Ende in der Galerie der HFBK aus. 

Li Yaming (LYM) sprach in Hamburg für das Deutsch-Chinesische Kulturnetz mit den beiden Künstlern.

LYM: Sie haben beide bereits vor dem Künstleraustausch China besucht, wie waren Ihre ersten Eindrücke?

Wolfer: Jedes Chinabild, das ich vorher hatte, hat sich in absolute Fragmente zerlegt. Ich bin mit der transsibirischen Eisenbahn durch Russland über die Mongolei nach Peking gekommen. Es war ein sehr starker Kontrast, speziell zur Wüste Gobi. Als ich ankam, war alles größer, neuer, unromantischer, als ich es vorher in meinem Kopf hatte. Diese Diskrepanzen soll auch unsere Gruppenausstellung repräsentieren.

Simone Kühn, Foto Li Yaming
Simone Kühn
Kühn: Mein erster Berührungspunkt mit China fand 2002 statt, als ich eine Shanghaierin in Süddeutschland kennen gelernt habe. Sie hat mich nach Shanghai eingeladen. 2005 fasste ich den Mut und bin zum Arbeiten hingegangen. Gelandet bin ich in Pudong, wo meine Freundin in einer ganz sterilen Neubauwohnung gewohnt hat. Es wurde 24 Stunden lang gehämmert und gebohrt, ich war hoch nervös. Mir sind viele reiche Leute und viele Arme aufgefallen, alles war extrem sauber.

LYM: Wie haben Sie im Rahmen des Künstleraustauschs das Land näher kennengelernt?

Wolfer: Bevor ich angefangen habe in Hangzhou zu studieren, habe ich vier Wochen in einem Dorf auf dem Land gelebt. Ich war der erste Ausländer, der dorthin gereist ist. Das hat mir einen sehr interessanten Einblick in das Leben auf dem Land gegeben, von wo viele Bauern stammen, die in die Städte abwandern, um dort zu arbeiten. Mit diesem Thema beschäftige ich mich sehr viel in meinen Arbeiten.

Kühn: Ich bin aus Hangzhou ausgerissen und habe meine Kontakte nach Shanghai vertieft. Ich habe neue Freundschaften mit Chinesen geknüpft, bin gereist und habe meine Sachen in den Bereichen Fotografie und Video verfolgt. Ich durfte auch den Kontakt zu einer Chinesin genießen, die kein Wort Englisch sprach und, deren Mutter Teepflückerin und deren Vater Arbeiter in einem Steinbruch ist.

LYM: Nach Ihrer Einschätzung: Welchen Stellenwert genießt die Kunst zur Zeit in China?

Wolfer: Einerseits ist es für viele eine Befreiung, speziell in der Musikszene. Auf der anderen Seite habe ich in einem Künstlerdorf nahe Peking gesehen, wie es dort auf eine Art „Kunstproduktion" hinausläuft, da sich chinesische Kunst zur Zeit gut auf dem Kunstmarkt verkaufen lässt. Diese Erscheinung ist jedoch nicht nur chinaspezifisch.

LYM: Wie haben Sie die chinesischen Kunststudenten in Hangzhou erlebt?

Wolfer: Künstler genießen im eigenen Rahmen große Freiheiten, sobald man aber an die Öffentlichkeit tritt, muss man damit rechnen, dass man auf Restriktionen stößt. Ein Beispiel: Es fand ein Mal eine Performance auf der Touristenstraße in Hangzhou statt. Es wurde ein Pferd aufgebaut und einer der Kunststudenten stellte sich darauf und meinte: „Ich stehe über dem Gesetz". Da kam sofort die Polizei und hat ihn festgenommen.
Till Wolfer, Foto: Li Yaming
Till Wolfer
Chinesische Studenten müssen generell vor dem Studium einen dreiwöchigen Militärdienst absolvieren, wodurch das restriktive System vom ersten Semester an jedem verdeutlicht wird. Viele haben sich damit abgefunden und einige meinen, dass die jetzige Generation sowieso sehr unpolitisch sei. Es gibt einige, die oppositionell eingestellt sind, aber nur unterschwellig. 


LYM: In Ihrer Ausstellung haben Sie die Eindrücke über China verarbeitet. Beschreiben Sie doch eins ihrer Ausstellungsstücke.

Wolfer: Als ich auf dem Land gewohnt habe, hatte ich Nachbarn, die Wanderarbeiter waren und nur zwei Wochen im Jahr zu Hause sind. Diese 160 Millionen Menschen, die vom Land in die Städte kommen, bauen die neuen Monumente, die jeder in Deutschland eigentlich nur im Fernsehen sieht. Als Projekt habe ich Wanderarbeiterschuhe gesammelt, also ihre alten gegen ein neues Paar getauscht, das ich mitgebracht hatte. Ich habe ihre Namen aufgeschrieben, Porträtfotos angefertigt und notiert, wo sie überall schon in China waren. Ich wollte den Weg, den diese Leute aus wirtschaftlichen Zwängen gehen, aufzeigen.

Kühn: Ich habe mich für eine Videoinstallation so positioniert, dass ich versuche, den richtigen Abstand zu der Geschichte, zu dem Land, zu mir zu finden. Dabei sieht man von einem alten traditionellen, chinesischen Fenster in einem Innenraum nach außen, mit Blick auf einen Hof, mit Bäumen und alter Tempelarchitektur. In der Ferne kann man auch neue Architektur und Leute sehen, die vorbeigehen. Die Installation bewegt sich zwischen Dokumentation und Arrangement.

Das Interview führte Ya Ming Li am 24. Januar 2008 in Hamburg.
Interview und Text: Li Yaming, Hamburg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Februar 2008
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