Bildende Kunst/ Fotografie

Chinesische Künstler im Berlin der 1920er und 30er - Zwischen Tradition und Moderne

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Xu Beihong und Weggefährten, Copyright: Xu Beihong International Foundation
Xu Beihong und Weggefährten
In den letzten Jahren hat chinesische Gegenwartskunst den westlichen Kunstmarkt erobert. Die Ausstellungen "China!" in Bonn, "China-Avantgarde" in Berlin und "Mahjong" aus der Sammlung Sigg in Hamburg haben zur Verbreitung chinesischer Kunst beigetragen, die unter der Bezeichnung "zynischer Realismus" oder "Politpop" ein westliches Publikum fasziniert. Seit den neunziger Jahren präsentieren sich Künstler aus China mit Foto- und Videokunst sowie Installationen und Performances auf Festivals in aller Welt. Die Bilder eines Fang Lijun werden inzwischen auf dem Kunstmarkt mit sechsstelligen Summen gehandelt und von renommierten Museen aufgekauft. Seit der Öffnungspolitik und dem wirtschaftlichen Wandel stellt sich in China die Frage nach der Kommerzialisierung des Kunstbetriebes. Ob Literatur, Film oder Malerei – manche Künstler produzieren ihre Arbeiten nicht mehr für ein inländisches Publikum, sondern setzen auf den westlichen Markt, indem sie populäre Chinastereotype in ihre Werke aufnehmen und so die exotischen Erwartungen eines westlichen Publikums bedienen. Die Debatten über das Eigene und das Fremde, über chinesische Identität und einen eigenen Kunststil wurden bereits in den 30er Jahren geführt. Die Künstler dieser Epoche suchten westliche und östliche Kunstauffassungen miteinander zu verbinden, waren sich jedoch nicht über den Weg dazu einig.

Der Traditionalist: Xu Beihong

Xu Beihong: Galoppierendes Pferd, Copyright: Xu Beihong International Foundation
Xu Beihong: Racing Horse 1938
Ein Hauptvertreter war der Maler Xu Beihong (1895-1953), dessen Werk in China und Europa vor allem durch seine lebendigen Pferdedarstellungen bekannt ist. Seine Beziehung zur europäischen Malerei rückte 2006 in das öffentliche Bewusstsein, als sein Werk „Sklave und Löwe" auf einer Hongkonger Auktion den überraschenden Preis von 5,3 Millionen Euro erzielte. Das Gemälde stellt eine Szene zur Zeit des Römischen Reichs dar: ein Sklave, der in der Arena mit einem Löwen um sein Leben kämpfen muss. Doch der Löwe verschont den Sklaven, da er ihm vor einiger Zeit einen Dorn aus der Tatze entfernt hat. Das Bild begeistert Kunstkenner durch die einzigartige Verbindung chinesischer Pinselführung mit westlicher Formgebung.

Kaum jemand weiß, dass das Bild 1923 in Berlin entstanden ist. Wie kam es dazu? 1919 war Xu Beihong – nach einem Studienaufenthalt in Japan - im Rahmen des Werk-Studien-Programms nach Paris an die Ecole National des Beaux Arts gegangen, wo er die klassische europäische Malerei kennen lernte. Als eine Zeit lang sein Stipendium ausblieb, zog er nach Berlin, wo das Leben viel preiswerter war. Er schrieb sich an der Hochschule für Bildende Künste ein und studierte Malerei bei dem damaligen Rektor Arthur Kampf. Dessen Kunstauffassung hatte großen Einfluss auf Xus eigenen Malstil. Seit seiner Kindheit in traditioneller chinesischer Malerei ausgebildet, wandte sich Xu Beihong der Historienmalerei zu und lehnte die zeitgenössische westliche Moderne ab. Häufig besuchte er den Berliner Zoo, wo er Skizzen und Zeichnungen der Löwen anfertigte, die später Grundlage für seine realistischen Löwendarstellungen waren. Trotz seiner beschränkten finanziellen Mittel versuchte er, Werke zeitgenössischer Kunst aufzukaufen, um in China eine Sammlung europäischer Malerei zu begründen. Gleichzeitig setzte er sich für die Verbreitung chinesischer Kunst in Europa ein. 1933 organisierte er eine Wanderausstellung und war auch in der 1934 in Berlin gezeigten Ausstellung vertreten.

Der Reformator: Lin Fengmian

Lin Fengmian
Lin Fengmian
Als 1929 in China eine Ausstellung europäischer Gegenwartskunst gezeigt wurde, äußerte Xu Beihong seine Befriedigung, dass die französische Moderne nicht vertreten war. Seine Vorliebe galt dem klassischen Realismus eines Ingres, Delacroix oder Courbet. Entschieden wandte er sich gegen den "vulgären Manet", den "rüpelhaften Renoir" und den "geschwollenen Cezanne". Xus Streitschrift gegen die Kommerzialisierung der Kunst, gegen die "Schamlosigkeit" moderner Aktmalerei stand im Gegensatz zu den Vorstellungen eines Lin Fengmian (1900-1991), der ebenfalls in Paris an der Ecole Nationale des Beaux Arts studiert hatte und sich 1923 in Berlin aufhielt, wo ein Teil seiner großformatigen Ölbilder entstand. Lin wurde in seinen Werken von der europäischen Moderne, dem deutschen Expressionismus, dem französischen Fauvismus und Surrealismus inspiriert. Im Gegensatz zu Xu setzte er sich für stilistische Freiheit und die schöpferische Entfaltung des Künstlers ein. Westlicher Lebensstil und Offenheit für die europäische Avantgarde waren Grundlage seiner eigenen Kunstauffassung, mit der er Chinas Kunstszene zu reformieren suchte. Die politischen Entwicklungen der dreißiger Jahre in beiden Ländern sollten die Anfänge eines fruchtbaren Kulturaustauschs jedoch zunächst zunichte machen.
Text: Dagmar Yu-Dembski
Geschäftsführende Leiterin des Konfuzius Instituts an der Freien Universtät Berlin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
November 2007
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