Bildende Kunst/ Fotografie

Gen Osten in die Spinnerei (Teil II)

Spinnerei © Yi Wen
Eingang © Yi Wen
Eingang, Foto und Copyright: Yi Wen
Ich folge Bertram Schultze durch das Labyrinth der Fabrik bis wir vor einer kleinen Tür zum Stehen kommen. Es gibt weder eine Klingel, noch ein Namensschild, ich finde nicht den kleinsten Hinweis darauf, wer hinter diesem Eingang wohnt. Nachdem ich bereits erfahren habe, wie streng die "offenen Geheimnissen" der Spinnerei gehütet werden, erhalte ich nun eine weitere Lektion in Sachen "Inkognito". Die Künstler der Spinnerei verzichten auf große Aushängeschilder und verstecken ihre Ateliers stattdessen hinter unscheinbaren Eisentüren.

Der "Junge von nebenan"


Die Tür öffnet sich vorsichtig und es kommt das jungenhaftes Gesicht Johannes Tiepelmanns zum Vorschein. Für Herrn Schultze das Signal, sich höflich zurückzuziehen, um mich mit einem der jüngsten Jünger der Neuen Leipziger Schule alleine zu lassen.

Das über 100 Quadratmeter große Atelier schickt mein Auge auf Entdeckungsreise: Es ist angefüllt mit Skizzen, Rahmen, Leinwänden, Farben, Zeitungen und Zeitschriften. Ein buntes Bild von Vollendetem und Unvollendetem, Geöffnetem und Ungeöffnetem, Geordnetem und Ungeordnetem.

Johannes Tiepelmann © Yi Wen
Johannes Tiepelmann, Foto und Copyright:  Yi Wen
Doch erst als der Künstler mich auf die für mich vorgesehene Ecke eines braunen Sofas dirigiert hat, fällt mir auf, dass dieser Eindruck der Fülle von den Farben der Atelierwände herrührt. Die Farben, die Johannes aufgetragen hat, leuchten grellbunt: dunkelrot, smaragdgrün, hellgelb, leuchtend orange und himmelblau. Vor dieser Farbenpracht wirkt der junge Maler in seiner dunkelgrauen Jacke und den Jeans etwas blass. Der gut eins achtzig große, attraktive junge Mann lächelt verlegen und kratzt sich unsicher am Hinterkopf. Seine Augen - der Blick eines Jungen, der unvorsichtigerweise die Fensterscheibe des Nachbarn kaputt gemacht hat - wandern ein paar Mal von meinem Gesicht über die Wände, den Boden, die Bilderrahmen und die Decke. Er kramt eine Zigarette aus der Hosentasche, zündet sie an und setzt sich behutsam vor eine Staffelei. Johannes Tiepelmann wirkt schüchtern, als ob er nicht oft interviewt und überhaupt nicht viel mit fremden Menschen zusammenkommen würde. Doch dann scheint ihm bewusst zu werden, dass schließlich er der Gastgeber ist: "Fragen sie nur...schauen sie sich ruhig um...", fordert er mich auf, ohne dass seine klaren, großen Augen mich direkt ansehen.

Wir fangen an, über sein Atelier zu sprechen. Als Johannes 2001 in die Spinnerei einzog, galt er als Neuling. Doch wenn man seine Wurzeln und Anfänge betrachtet, so kann man sagen, dass er in den Leipziger Künstlerkreisen groß geworden ist. Sein Vater hatte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert, und es heißt, er habe noch ein Semester vor Neo Rauch sein Studium aufgenommen. Johannes schloss sich zunächst Thomas Rug in Halle an, dann in Leipzig Arno Rink und Neo Rauch. Es ist seinem Vater zu verdanken, dass seine Wanderschaft bald ein Ende fand. Er lernte einige der Pioniere kennen, die Anfang der 90er Jahre in die Spinnerei eingezogen waren. Der Austausch mit ihnen war für ihn sehr hilfreich und brachte ihn weiter.

Werk von Johannes © Yi Wen
Werk von Johannes, Foto: Yi Wen
Die Wiedergeburt der Leipziger Schule


Ungeachtet seiner gerade einmal 28 Jahre bezeichnete die Wochenzeitung Die Zeit Johannes Tiepelmann in einem Artikel über die Neue Leipziger Schule einmal als deren "neue Elite". In seiner Jugend in der ehemaligen DDR war Johannes Leichtathlet gewesen und in einer speziellen Trainingsgruppe einem harten Drill ausgesetzt. Zur Malerei kam er erst später. Sein Vater hielt ihn für talentiert, er selbst hatte auch Spaß daran, und so nahm alles seinen Lauf. Vielleicht lässt Johannes sich mit der so genannten Generation der "Nach-Achtziger" in China vergleichen: Aufgewachsen in einer Welt der Comics und unter dem Eindruck des digitalen Zeitalters. Der einzige Unterschied besteht darin, dass er nach der Wiedervereinigung den Bruch und die Wende der Gesellschaft erlebt hat. Er gehört einer neuen Generation an und er verwendet ihre künstlerische Sprache, subtil und ohne brachial zu werden.

Auf dem Umschlag der Leipziger Zeitschrift Kunststoff finde ich eines seiner Werke abgebildet und mache mich daran, es zu entschlüsseln. Auf dem Gemälde gibt es kaum gedämpfte Farben, keine Spur von dem grauen Ton, der in der Ölmalerei sonst so beliebt ist. Stattdessen springen den Betrachter satte Farben an: Rot, Orange, Grün, Blau, alle in einer kompromisslosen, lauten Helligkeit. Reales und Fiktives trennt sich auf den ersten Blick. Im Mittelpunkt des Bildes befindet sich eine in Zentralperspektive abgebildete Piste, die auf den Betrachter zuläuft; an ihrem Rand zieht sich eine Mauer entlang; an der Biegung der Mauer erscheint wie von Zauberhand eine transparente Luftblase, in der sich das blasse Gesicht eines Kindes abzeichnet, das dem Ersticken nahe ist; im Bildvordergrund das Brustbild eines jungen Menschen, das aussieht, als sei man mit der Linse einer Kamera so nahe herangefahren, bis die Figur des Menschen sich verzerrt, was die Dramatik des Bildes erhöht. Zellophanpapier bedeckt sein Gesicht, der Mund, nach Luft schnappend weit aufgerissen, deutet den nahen Kollaps an. Im Vergleich zum spannungsreichen Vordergrund scheinen die beiden Personen im mittleren Bildteil völlig unbeteiligt. Die Fabriken im Hintergrund mögen zwar durch ihre comichafte Darstellung weniger brutal wirken, dem Betrachter drängt sich aber trotzdem der Gedanke rücksichtsloser Industrialisierung auf.

Soll man in dem jungen Menschen im Vordergrund Johannes selbst erkennen, der vor noch kaum mehr als zehn Jahren in der Leichtathletik bedingungslos um Platzierungen kämpfte? Ist die Schwerelosigkeit des Vorder- und Hintergrundes eine adäquate Analogie zu der Befindlichkeit des Menschen in der Gegenwart? Doch was bedeutet das alles, was jenes Kind im Traum verstohlen erblickt? Es bleibt ein Geheimnis mit rätselhaften Szenen auf einer rätselhaften Bühne. Die Kunstkritiker entwickeln ihre eigenen Vorstellungen und vergleichen Johannes Tiepelmann mit Neo Rauch und Max Beckmann oder versuchen aus seinem Lebenslauf und der Sprache seiner Bilder so etwas wie "Konzepte", "Ideen" und "Positionen" herzuleiten.

Die Kunst im Selbstgespräch

"Warum dies malen und nicht jenes? Warum so malen und nicht anders? Es gibt kein ,warum', alles ergibt sich von selbst, nichts ist erzwungen. Ich suche keinen Rückhalt in Konzepten, Ideen und Positionen. Ich muss mich nicht mit moderner Sprache bewaffnen, um zu zeigen, wie tief ich bin. Ich bin ich, ich male, was ich empfinde, was mich antreibt", erklärt Johannes sein künstlerisches Selbstverständnis.

In den neunziger Jahren umgab die Staffeleimalerei weltweit ein Schwanengesang. Die Masse der Künstler wandte sich der Konzeptkunst, der Performance- und Multimediakunst zu oder bastelte an Installationen. In der ehemaligen DDR jedoch, diesem vergessenen Winkel der Kunstwelt, setzte man die Tradition der Malerei fort. Die Hochschule für Grafik und Buchkunst hat die Weitergabe dieser grundlegenden Technik nie vernachlässigt. Eine Gruppe eigensinniger Künstler fand hier zu ihrer eigenen künstlerischen Sprache und füllte Leinwände mit Gefühlen und Beziehungen zur realen Welt. Ungeachtet aller Markttrends etablierte sich die Neue Leipziger Schule als Label und wird auf den Kunstmärkten von New York, Amsterdam und Seoul zu sechsstelligen Dollarpreisen gehandelt. Ich glaube aber nicht, dass die reale Bedeutung und der künstlerische Reichtum, den die Künstler innerhalb dieses Relikts industrieller Revolution hervorgebracht haben, durch das halb akademische, halb spekulative Schlagwort einer Neuen Leipziger Schule erfasst werden kann. In einer Zeit, in der die Kunst vom Geld an der Nase herumgeführt wird, und Künstler sowie selbstverliebte Kunstkritiker sich an diesem Spiel munter beteiligen, habe ich in der Spinnerei in Ostdeutschland eine so vitale und klare Authentizität vorgefunden, wie ich sie nicht für möglich gehalten hätte.

Hans Aichinger © Yi Wen
Hans Aichinger, Foto: Yi Wen
Die ältere Generation: Hans Aichinger


Wir verlassen das überfüllte Atelier und Johannes führt mich zu einem Vertreter der älteren Generation der Spinnerei. Wieder geht es durch die verschlungenen Pfade dieses Labyrinths. In einem Korridor taucht auf eine Wand transplantiert jenes chinesische Schriftzeichen auf, welches wie kein anderes das gegenwärtige China repräsentiert: 拆 chai, „Abriss", im Zentrum eines Kreises. Keine Ahnung, welcher der Künstler hier schon mal in China war. Verbirgt sich dahinter Neugier oder Spielerei?

Vor mir steht nun Hans Aichinger, in einem Malkittel, dessen Muster die Farben mit der Zeit selbst geschaffen haben, ein absolutes Unikat. Durch sein immer noch volles Haar ist gerade der Herbstwind gefahren. Unter markanten Brauenknochen hervor trifft mich ein frostig durchdringender Blick. Aber das Lächeln mit dem er mich begrüßt, löst meine Spannung sofort.

Seine beiden Arbeitsräume sind sehr geräumig. Einer von ihnen ist mit Regalen, Farben und Bilderrahmen voll gestellt. Der andere ist abgedunkelt wie ein Kino. Das sei sein Kreativraum, meint Hans erklärend, er male nur bei Kunstlicht. Ich kann mir vorstellen, dass er das Gefühl mag, von der Außenwelt isoliert zu sein, um sich in seiner eigenen Welt freier entfalten zu können. Viele Künstler sind große Individualisten und werden daher gerne als Einzelgänger abgestempelt.

Nachdem ich den Grund meines Besuchs erklärt habe, stehen Johannes, Hans und ich ohne weitere förmliche Begrüßung in der Mitte des Ateliers und beginnen eine zwanglose Unterhaltung. Für die "revolutionäre" Zeit in der DDR interessiere ich mich besonders. Hans hatte zur selben Zeit wie Johannes' Vater an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert, denn wenn man in der DDR den Beruf des Künstlers einschlagen wollte, musste man dazu eine entsprechende Ausbildung vorweisen. Nach dem Examen galt er also als Künstler. Auf meine Frage, ob er durch das Auf und Ab des politischen Klimas beeinflusst worden sei, meint er: "Wer Kunst macht, kümmert sich doch nur um seinen eigenen Kram. Ich halte dieses Gerede darüber, wie irgendwelche DDR-Künstler auf diese oder jene Weise ihre Reflexionen über die Epoche und die Politik zum Ausdruck gebracht hätten, samt und sonders für dummes Geschwätz."
Hoppla! Das war deutlich! Damit konnte man mindestens der Hälfte aller Kunstkritiker, die sich über das Verhältnis von Kunst und Politik auslassen, das Maul stopfen. Hans Aichinger, ein Mann der Tacheles spricht und hundertprozentig für seine Kunst lebt!

Werk von Hans © Yi Wen
Werk von Hans,  Foto  und  Copyright:  Yi Wen
„Ich male was ich malen kann und was ich malen will"


Mitten an der Wand hängt Hans' neueste Schöpfung: Eine am Boden hockende Frau streckt die Hand nach einer Puppe aus, die auf einem vor ihr stehenden Tisch liegt. Vor einem grauschwarzen Hintergrund hebt sich ein Raum ohne Requisiten ab: Tisch, Zimmerecke, Puppe und Frau – eine Bühne wie in der Pekingoper, wo ein Stuhl einen Berg darstellt und das Schwingen der Peitsche schon ein Pferd assoziiert. Die Frau, die der Maler in diese Szene platziert hat, wirkt nicht im Geringsten verstört. Im Gegenteil vermittelt ihr Gesicht dem Betrachter einen Ausdruck von Selbsterkenntnis und Besinnung. Sie scheint zu wissen, wer sie ist und was sie tut. Es ist ein unerschütterliches Selbstbewusstsein, das diesen nüchternen Raum erfüllt. Nach der schöpferischen Intention gefragt, wehrt Hans nach einem Augenblick des Überlegens ab: "Es  gibt dazu nichts Besonderes zu sagen. Ich male, was ich malen kann und was ich malen will. Die Menschen auf meinen Bildern befinden sich alle in einem begrenzten Raum, das entspricht eben unserer Wirklichkeit, so wie ja auch ich in diesem Atelier lebe." - bei diesen Worten blickt er sich einmal im Raum um - "ob man es nun akzeptiert oder nicht, das Leben ist so. Jeder muss sich dieser Tatsache stellen, ihr mit Gelassenheit ins Auge sehen."

Als wir auf die Neue Leipziger Schule zu sprechen kommen, nimmt dieser Alteingesessene der Spinnerei kein Blatt vor den Mund: "Dummes Zeug! Ich würde auch ohne das ganze Gerede so malen wie ich male. So geht es uns allen. Wenn man ein Etikett draufpappt, klingt es eben offizieller. Am Ende ist das nicht mehr als ein Marketingprodukt, das plötzlich auftaucht und noch schneller wieder weg ist."

Johannes sieht immer wieder auf seine Armbanduhr und auch ich habe das Gefühl, dass es Zeit wird. Schließlich will ich die beiden Künstler nicht von ihrer Arbeit abhalten. Während ich mich verabschiede und auf den Heimweg mache, lassen mich die Eindrücke aus der Spinnerei nicht los: Hat die Neue Leipziger Schule überhaupt etwas mit der klassischen Leipziger Schule zu tun? Kann man sie innerhalb einer geschichtlichen Linie sehen oder ist die Bezeichnung nur eine historische Worthülse, die die Kunst für den Markt zurechtfrisiert? Offene Fragen, die ich in der Kürze des Besuchs nicht klären konnte, die ich aber gerne mit auf den Weg nehme.

Text: Yi Wen
Redakteurin, Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Übersetzung: Hans P. Hoffmann, Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
September 2007
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