Gen Osten in die Spinnerei (Teil I)

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| Bahnhof Plagwitz, Foto und Copyright: Yi Wen |
Bertram Schultze, der "Großverweser"
Ich verlasse den Bahnhof und erreiche nach einem Fußmarsch von ein paar Minuten den Haupteingang der Spinnerei. Ein unauffälliges Tor, das ich glatt übersehen hätte, wenn nicht von drinnen ein paar Leute herausgekommen wären, die verdächtig nach Künstlern aussahen. Als ich das Fabrikgelände betrete, sehe ich schon den Mann, mit dem ich verabredet bin: Bertram Schulze, der Verwalter des Fabrikgeländes, ein sympathischer, freundlicher Mann von gut vierzig Jahren, steht in Anzug und Lederschuhen vor einem Plan der Spinnerei. Er führt mich sogleich in einem detaillierten Bericht in Historie und Gegenwart dieser großen Baumwollspinnerei ein.
Die Spinnerei wurde 1884 erbaut und hatte sich bis 1907 zur damals größten Fabrik ihrer Art in Europa entwickelt. Die insgesamt 24 Gebäude umfassten eine Gesamtfläche von über hunderttausend Quadratmetern. Unter dem Einfluss der Globalisierung verdüsterten sich die Aussichten für die deutsche Textilindustrie jedoch zunehmend und nach dem Zusammenbruch der DDR musste die Fabrik 1992 die Produktion schließlich einstellen. Danach zogen hier sukzessive Künstler ein und nutzten die brachliegenden Fabrikgebäude für ihre kreative Arbeit. Bisher haben sich hier über achtzig Künstler niedergelassen und ein knappes Dutzend Galerien aus Deutschland, New York und London tragen zu ihrem Ruhm bei. Und worauf es eigentlich ankommt: hier liegt die Heimat der Neuen Leipziger Schule.
Alte Fabrikgelände in Kunstquartiere umzuwandeln, hat sich innerhalb weniger Jahre in Deutschland sowie weltweit zu einem Trend ausgewachsen. Für Städte wie Leipzig, die mit überdurchschnittlich großen alten Fabrikkomplexen gesegnet sind, ist das, als hielte man Ausgabeaktien in den Händen. Auch Peking in Peking fand dieselbe Entwicklung statt und seither trumpft die Stadt mit dem Art District 798 auf, der innerhalb kurzer Zeit zu einer lärmigen Touristenattraktion geworden ist. Von dem Konflikt zwischen einigen ansässigen Künstlern und dem Management konnte man in allen Zeitungen lesen. Die Spinnerei allerdings, die sich nun vor meinen Augen erstreckt, bietet, trotz ihrer internationalen Berühmtheit, einen ruhigen und beschaulichen Anblick.
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| Gelände, Foto u.Copyright: Yi Wen |
"Wir wollen für die Künstlern ein ruhiges, kreatives Umfeld gewährleisten", antwortet Bertram Schultze, als ich ihn nach den Prinzipien seines Managements befrage. Seine nüchterne Analyse der Situation zeigt, dass er weiß, worauf es ankommt: "Die Betreiber des Geländes müssen an erster Stelle an das Wohlergehen der Bewohner denken und für eine gute Arbeitsatmosphäre sorgen. Je besser die Bedingungen sind, desto hochkarätiger sind auch die Künstler und Galerien, die sich hier ansiedeln. Und damit wiederum erhöht sich der Wert unserer Marke. So erzeugen wir eine Situation, von der alle Seiten profitieren." In der Tat hat sich die Leipziger Spinnerei durch die Höhenflüge der Neuen Leipziger Schule bereits seit drei Jahren einen Namen als berühmtes Künstlerquartier gemacht. Trotzdem hat das die Stadt nicht dazu veranlasst, die Mieten zu erhöhen. Nach einem Bericht der New York Times vom 9. April 2006 belief sich die Monatsmiete für eine Ausstellungsfläche von 3.800 englischen Quadratfuß (umgerechnet 1.158 m²) in der Spinnerei auf 1.470 Dollar, während man für die entsprechende Fläche im New Yorker Künstlerviertel Chelsea 23.750 Dollar, also das 18,8-fache, aufbringen musste.
Langfristige Verträge – ein Segen für alle
Betreibt man hier ein Marketing mittels Tiefpreispolitik? Oder, wie es in einem chinesischen Sprichwort heißt, beherbergt man kleine Kinder unter seinem Dach, um den Wolf zu fangen? Bertram Schultze zerstreut meine Bedenken mit einer weiteren klaren Analyse: "Wir setzen auf das Potential der Künstler. Deshalb haben wir nicht vor, die Preise anzuheben und damit begabte Künstler, die kein Geld haben, vor die Tür zu zwingen." Während er das sagt, fährt ein junger Mann mit dem Fahrrad vorbei. Schultze grüßt ihn und erklärt: "Wir schließen mit allen Künstlern Zehnjahresverträge ab; so sind beide Seiten beruhigt. Ich sehe, wie fleißig und gewissenhaft die Künstler arbeiten, und sie sehen, wie ich mich bemühe, das entsprechende Umfeld zu schaffen. Wir verstehen und vertrauen uns und kommen sehr gut miteinander aus. Mit der Zeit sind viele Maler zu meinen Freunden geworden. Die Zusammenarbeit mit den Galerien sieht ganz ähnlich aus. Auch hier haben wir Verträge über zehn Jahre. So können wir eine stabile Gesamtsituation garantieren. Natürlich treffen wir bei den Galerien eine strenge Auswahl. 2001 haben wir einen Teil der Ausstellungsfläche zu einem sehr günstigen Preis an die Galerie Eigen+Art - die führende Galerie der Neuen Leipziger Schule - vermietet, wozu auch ein zwölf Meter hoher Ausstellungsraum gehört. Mir kam es damals vor allem auf ihren Wert als Marke an. Als andere Galerien sahen, dass Gerd Lübke von Eigen+Art hierher kam, sind sie sofort gefolgt. Von so einer Zusammenarbeit profitieren alle. Derzeit drosseln wir bereits den Zuzug von Galerien aus der Region, in der Hoffnung auf mehr große einflussreiche Galerien und Künstler aus dem Ausland. Selbstverständlich würden wir es auch begrüßen, wenn chinesische Galerien und Künstler sich in der Spinnerei niederlassen würden." Herr Schultze kneift lächelnd die Augen zusammen als sähe er die Spinnerei in naher Zukunft zu einem großen, multikulturellen Kunststützpunkt aufsteigen.
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| Gelände, Copyright: Spinnerei |
Auf meine direkte Frage, ob die Mieteinnahmen die Kosten für Instandhaltung und Renovierung der alten Gebäude denn decken können, erhalte ich eine ehrliche Antwort: "Nein", meint Bertram Schultze und schließt gleich die Erklärung an: Dies sei ein langfristiges Programm. Da könne man nicht den unmittelbaren Gewinn vor Augen haben und rein auf hohe Mieteinnahmen spekulieren. Das Problem der Renovierungskosten könne man über viele Kanäle lösen. Es bestehe die Möglichkeit, die Regierung um finanzielle Unterstützung anzugehen, um noch brachliegende Fabrikgebäude nutzbar zu machen. Das sei nicht einfach, aber es sei immerhin eine Option. Außerdem werde ein Teil der Immobilien verkauft. Eine Londoner Galerie habe bereits ein frei stehendes Gebäude erworben, um den bei ihr unter Vertrag stehenden Malern Ateliers zur Verfügung zu stellen. Natürlich müsse man sich so eine Entscheidung ganz genau überlegen. Wenn man die "Spinnerei" als Marke bewahren wolle, müssten Wohnqualität und Atmosphäre innerhalb des Geländes einfach stimmen.
Als ich frage, ob es denn Überlegungen gäbe, beispielsweise internationale Sportartikelhersteller oder Autofirmen, um die Errichtung eines Museums zu bitten, also durch eine Art Sponsoring die finanziellen Probleme zu lösen, wehrt Herr Schultze entschieden ab: "Das ist vollkommen ausgeschlossen! Das entspricht nicht den Prinzipien unserer Corporate Identity. Die Karte, auf die wir setzen heißt ,Kunst'. Die Fabrikgebäude, die heute genutzt werden, sind vor allem an Künstler und Galerien oder als kunsthandwerkliche Ateliers vermietet. Momentan planen wir die Erweiterung der öffentlichen Gebäudeflächen."
Im Verlauf unseres Gesprächs sind wir vor dem Gebäude Nummer 14 angekommen. Ein Bau, der nach Bertram Schultze eine Gesamtfläche von 20.000 Quadratmetern hat. Zurzeit werde ein Trakt kostenlos einer Kunststiftung zur Verfügung gestellt, in einem weiteren Teil wolle man eine öffentliche Bibliothek und einen Ausstellungsraum für die Absolventen der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst unterbringen. Man werde die Potenz der auf dem Areal versammelten Galerien nutzen, um für die Absolventen eine Schneise zum Kunstmarkt zu schlagen. Diese Worte eines Immobilienmaklers, der sich Gedanken um nachfolgende Künstlergenerationen macht und Weichen für ihre Zukunft stellt, nötigen mir allen Respekt ab. Hier übernimmt ein Unternehmen soziale Verantwortung, indem es etwas für die Öffentlichkeit tut. Hier sorgt man für die Glaubwürdigkeit einer Marke und sichert ihre Zukunft, indem man sich schon heute die Kunden von morgen heranzieht. "Ein Mann mit Weitsicht", denke ich voller Bewunderung.
Im Anschluss an die Besichtigung des Geländes führt mich Frau Liebold, die Assistentin von Bertram Schultze, in die Ausstellungsräume des archiv massiv. Neugierig erkundige ich mich nach dem Atelier von Neo Rauch, einem gefeierten Vertreter der Neuen Leipziger Schule. Dass sich seine Werkstatt auf dem Gelände befinde, sei ja ein offenes Geheimnis, aber in welchem Gebäude verberge es sich nun? Frau Liebold verzieht unwillig das Gesicht: "Ein offenes Geheimnis ist noch immer ein Geheimnis. Außer Herrn Schultze weiß hier niemand, wo das Atelier von Neo Rauch liegt. Manchmal sehe ich ihn vorbeikommen, wenn er zum Einkaufen geht, aber wo er wohnt, kann ich Ihnen nicht sagen." Plötzlich wird klar, wie ernst es Betram Schultze mit dem "ruhigen kreativen Umfeld" nimmt. Ein Immobilienverwalter als Wächter der Kunst. Wirklich ein erstaunlicher Mann, dieser Bertram Schultze.
Text: Yi Wen
Redakteurin, Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Übersetzung: Hans P. Hoffmann, Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
September 2007
Redakteurin, Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Übersetzung: Hans P. Hoffmann, Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
September 2007



















