Kunstakademie Berlin: Das Lernpotential der Freiheit


Tan Ping, geboren 1960 in Chengde, machte 1984 an der Pekinger Central Academy of Fine Art (CAFA) seinen Abschluss im Fach Druckgraphik. Heute ist er Vizepräsident der Akademie. 1989 kam er als Stipendiat des DAAD nach Deutschland, wo er 1994 an der Berliner Akademie der Künste graduierte. Das großen Freiraum gewährende Studium an einer deutschen Kunstakademie half ihm auf der Suche nach dem eigenen künstlerischen Weg und formte seinen Entschluss, nach seiner Rückkehr nach China an der CAFA ein Institut für Design ins Leben zu rufen. Zheng Hong, Redakteurin des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes, sprach mit Tan Ping über seine Studienzeit in Berlin und seine Erfahrungen in Deutschland.
1989: Mit dem DAAD nach Deutschland
Im Juni 1989 nahm Tan Ping, der auf Empfehlung des chinesischen Kultusministeriums in das Stipendiatenprogramm des DAAD aufgenommen worden war, sein Studium an der Berliner Akademie der Künste auf. Für gewöhnlich war das Stipendium Musikstudenten vorbehalten, aber in jenem Jahr entschied sich das Ministerium dafür, Studenten der Bildenden Kunst nach Deutschland zu schicken. Die Voraussetzung dafür waren Deutschkenntnisse – eine Hürde, die Tan Ping, der damals als Dozent an der Zentralen Pekinger Kunstakademie arbeitete und sich in seinen Werken von deutscher Kunst inspirieren ließ, spielend meisterte. Hatte er sich doch schon einige Jahre zuvor für ein Stipendium in Deutschland beworben und etwas Deutsch erlernt. Im Gastland angekommen, besserte er seine Sprachkenntnisse zunächst durch einen dreimonatigen Deutschkurs am Goethe-Institut in Bremen auf. Dann begann sein Studentenleben, das ihn für fünf Jahre in Berlin halten sollte. An seine ersten Eindrücke von Deutschland erinnert er sich nicht mehr deutlich, nur, dass ihm – wie den meisten seiner Landsleute – aufgefallen war, wie sauber und geordnet alles in Deutschland war und wie höflich die Deutschen.
Studieren ohne Kontrolle
Die Antwort auf die Frage, in welchem Punkt denn das Studium in Deutschland im Vergleich zu China so ganz anders sei, fällt Tan Ping nicht schwer: „Der größte Unterschied besteht darin, dass sich in Deutschland niemand einmischt. Die Hochschule stellt Ateliers und hilft bei der technischen Umsetzung. Aber die Studenten haben die Wahl, welches Angebot sie wahrnehmen möchten. Das ist ziemlich unkompliziert.“ Auch die Rolle der Professoren ist eine ganz andere: „In China führen die Dozenten ein strenges Regime. Sie haben sehr konkrete Vorstellungen davon, wie die Studenten arbeiten sollten, in welchem Stil sie zu malen haben oder welche Kurse sie belegen müssen. Man wird behandelt wie ein Kind.“ Dagegen hat er die deutschen Professoren als äußerst offen empfunden. „Die Studenten werden immer danach gefragt, was sie machen wollen. Solange man sein eigenes Ding gut macht, ist das in Ordnung.“
Diese Andersartigkeit der Kunstvermittlung führt Tan Ping darauf zurück, dass man in China und Deutschland ein vollkommen unterschiedliches Verständnis von Kunstpädagogik hat. „In China geht man davon aus, dass Kunst bestimmte Standards erfüllen muss, entsprechend verläuft die Lehre sehr zielgerichtet. In Deutschland ist man hingegen der Ansicht, dass Kunst etwas sehr Individuelles ist. Ihr Wert wird in ihrem Anspruch auf Originalität gesehen.“ Ein deutscher Professor stellt vor allem Fragen und macht den Studenten nur selten Vorgaben. Er wünscht sich, dass die Studenten ihre eigenen Vorstellungen entwickeln. Von dieser Lehrmethode hat Tan Ping außerordentlich profitiert. „Als ich aus China fort ging, war ich beinahe dreißig und damit schon eine ziemlich ausgereifte Persönlichkeit. Wenn mir jemand gesagt hätte, was ich zu tun habe, hätte mir das wenig geholfen. Für mich war es wichtig, zu meinen eigenen Sachen zu kommen.“
Das Lernpotential der Freiheit
Den Unterricht hat Tan Ping in Deutschland eher als „geselliges Beisammensein“ empfunden. „Wenn der Professor in die Klasse kam, diskutierte er mit den Studenten nicht unbedingt nur über künstlerische Fragen. Man sprach oft über andere Dinge, etwa über aktuelle Geschehnisse, oder was einen in letzter Zeit beschäftigt hatte. Wenn jemand sein Bild zeigen wollte, wurde es gemeinsam diskutiert.“ Gerade durch diese Art, von der eigentlichen Arbeit abzuschweifen, hatte Tan Ping das Gefühl „besonders viel zu lernen.“
„In den Kunsthochschulen in China wird im Studium viel Wert auf konkrete Techniken und Form gelegt, das ist auch bis zu einem gewissen grad notwendig, aber das Wichtige bei der Kunstausbildung ist, wie man künstlerisch zu sich selbest findet. In Berlin gab es dafür die richtige Atmosphäre, alle saßen zusammen und diskutierten über Kunst. Während des kreativen Schaffensprozesses bemühte man sich, niemandem ähnlich zu sein, arbeitete aktiv an seinem eigenen Charakter und persönlichen Stil. Wenn man auf Probleme stieß, musste man die Lösung bei sich selbst suchen, die Probleme eigenständig lösen. Chinesische Studenten sind von der Grundschule bis zum Abitur daran gewöhnt, dass die Lehrer ihnen Wissen vermitteln. Wenn sie dann an die Uni gehen, warten sie weiterhin darauf, dass die Dozenten ihnen etwas beibringen. Aber das Wissen der Dozenten ist letztendlich sehr begrenzt. Außerdem ist reines Wissen nur ein Teil des Lernens, wichtiger ist, sich Kreativität anzueignen.
Prägende Joberfahrung
Die ersten beiden Studienjahre in Berlin konnte sich Tan Ping durch das DAAD-Stipendium finanzieren. Aber in den folgenden drei Jahren musste er selbst Geld verdienen. Der Kunststudent hatte bis dahin niemals „Drecksarbeit“ gemacht. Als er in einem Berliner Fünf-Sterne-Restaurants schwitzend Teller wusch und die Gäste lachend in eleganter Atmosphäre beim Speisen beobachtete, war das für ihn zunächst „schwer zu ertragen“. Aber er gewöhnte sich daran, und sah den Job als „besondere Erfahrung“ an. Als er 2007 wieder in Berlin war, suchte er eigens noch einmal das Restaurant von damals auf. „Ich sah es mit ganz neuen Augen. Das Lokal kam mir jetzt eher wie ein Drei-Sterne-Restaurant vor“, erinnert er sich heute mit einer gewissen Nostalgie.
Die Gründung des Design-Instituts
Mit der europäischen Kunst hat sich Tan Ping erst in Deutschland intensiv auseinander gesetzt und allmählich das wirklich verstanden, was er sich in China nur als theoretisches Wissen durch Bildbände angeeignet hatte. „Früher habe ich nur die Ergebnisse gesehen, aber während meines fünfjährigen Studiums in Berlin erfuhr ich mehr über die Hintergründe und bekam einen Einblick in Entstehungsprozesse. Das hatte sehr großen Einfluss auf meine jetzige Arbeit. Egal was ich jetzt mache, es geht mir immer um die Gründe, die dahinter stehen.“ Heute gibt Tan Ping das, was ihm in Deutschland allmählich in Fleisch und Blut übergegangen ist, an seine Studenten weiter. „Egal, was die Studenten in Angriff nehmen, ich hinterfrage immer ihre Motivation, frage nach dem ‚warum’ und ‚woher’. Wenn sie das verbal deutlich machen können, sind sie sich auch klar darüber, wie das Ergebnis aussehen wird.“
Bevor er nach Deutschland kam, hatte Tan Ping fünf Jahre lang an der Central Academy of Art in Peking unterrichtet. „Direkt nach meinem Abschluss wurde ich Dozent an der Akademie, daher kenne ich den Wunsch der Studenten, dass die Dozenten sich ‚heraus halten’ sollten, gut. Meine Art zu lehren kommt diesem Wunsch entgegen. Ich habe einen sehr guten Kontakt zu den Studenten. In Deutschland habe ich entdeckt, wie wichtig eine offene Pädagogik in der künstlerischen Ausbildung ist. Das hat mir später in der Lehre sehr geholfen.“
Der wirkliche Durchbruch kam für Tan Ping mit der Gründung des Design Departments an der CAFA vor 13 Jahren und dem Umschwenken von der Kunst zu Design. „Das hat mit meinem Deutschlandaufenthalt zu tun, denn dort ist mir die Verbindung von Kunst und Design viel klarer geworden.“ Von 20 Studenten im ersten Jahrgang ist das Design-Institut auf heute 1000 Studenten angewachsen. Die Designstudenten machen heute die Hälfte aller Studenten der CAFA aus.
Chinas Kunst unter deutschem Einfluss
„Schon in den dreißiger Jahren beeinflusste der Deutsche Expressionismus die chinesische Kunst, und dies wiederholte sich in den achtziger Jahren mit dem Neuen Deutschen Expressionismus. Nach meiner Beobachtung hat die deutsche Kunst unter den europäischen Ländern den größten Einfluss auf China.“ In seinem eigenen Schaffensprozess kommt bei Tan Ping unwillkürlich folgender Gedankengang auf: „Wenn ich mich frage, wie ich als ein chinesischer Maler malen soll, dann betone ich aktiv das mir Eigene, sonst hätte ich das Gefühl, im künstlerischen Sinne kolonialisiert zu werden.“
Tan Ping, der in China als ein einflussreicher Künstler gilt, arbeitet vor allem abstrakt und mit Drucktechniken. Seine Werke wurden in China in zahlreichen Einzelausstellungen gezeigt und hängen in vielen großen Museen in China und im Ausland. Auch in verschiedenen deutschen Städten gab es Ausstellungen, zum Beispiel in der Alexander Ochs Galerie in Berlin. Ab 15. September 2008 wird Tan Ping gemeinsam mit dem deutschen Druckgraphiker Paco Knöller in der White Space Gallery im 798 Art District in Peking ausstellen. Eine gute Gelegenheit, die Euphorie und Spannung , die das Aufeinandertreffen und Verschmelzen zweier Kulturen in einem Raum mit sich bringt, zu erleben.
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Mai 2008
















