Wie aus einer schnellen Hochschulheirat eine deutsch-asiatische Romanze wurde


Semesterarbeiten der Studenten, Foto: Wang Jianjun
Dass chinesische Studenten von ihren Dozenten zu Diskurs und Selbstständigkeit aufgerufen werden, ist selbst für die Absolventen eines Masterstudiengangs Kunst in der "China Academy of Fine Arts", CAA, in Hangzhou noch etwas ungewohnt. Da es sich aber um Dozenten der Berliner Universität der Künste UDK handelt, und die Studenten viel Geld, Zeit und Mühe investiert haben, um an diesem neuen chinesisch-deutschen Masterstudiengang teilzunehmen, lassen sie sich nach erstem Zögern schnell auf das ungewohnt freie Arbeiten ohne ständige Anleitung ein.
"Aber wir schocken die Stundenten trotzdem mit jedem deutschen Dozenten neu", sagt UDK-Vizepräsident und Projektleiter Professor Burkhard Schmitz lächelnd, der zusammen mit der chinesischen Architektin Xiao Yi Liu Cuk das ambitionierte Projekt koordiniert und die Dozenten auf Seiten der UDK für China beauftragt. Er weiß, wovon er spricht, immerhin hat er auch selber die erste Fachklasse in Hangzhou betreut. "Wenn man sich darauf einigt, dass man Kunst überhaupt lehren kann, dann ist unsere deutsche Richtung ja eher die Auseinandersetzung mit den alten Lehrern und daraus heraus folgt die Entwicklung der eigenen künstlerischen Persönlichkeit. In China ist das traditionell anders, dort wird zunächst aus den alten Künsten heraus gelernt", so Schmitz weiter. Dies zusammen zubringen, sei in diesem Fall die Kunst.
Da hilft es sehr, dass auf chinesischer Seite mit Professor Xu Jiang ein Künstler als Präsident der CAA vorsteht, der in Hamburg studiert hat, und in seiner Kunst bereits die West-Ost-Begegnung erprobt hat. Er hat sich sehr für diese Kooperation eingesetzt, die seit 2005 als fünfsemestriger "Master of Arts"-Studiengang mit abschließendem Deutschlandaufenthalt angelegt ist. Zwei Drittel der Lehrinhalte werden von der UdK vermittelt, ein Drittel beschäftigt sich mit dem chinesischen Zugang zur Kunst und Gestaltung und wird von Dozenten der CAA betreut. Die Studenten sind ausschließlich Chinesen.
Deutschlernen gehört auch dazu
Das eigentliche Studium besteht aus den Teilen "freie Kunst", was Malerei, Bildhauerei und Medienkunst einschließt, und "Gestaltung", also Architektur, Design und Visuelle Kommunikation. Zusätzlich haben die Stundenten drei Stunden Deutschunterricht am Tag. „Was nicht der beliebteste Teil des Studiums ist", wie Schmitz ohne Überraschung festgestellt hat. Und Liu Cuk, die einen deutschen und einen chinesischen Abschluss in Architektur hat, ergänzt: "Es sind halt Kunststudenten, für die ist natürlich die Praxis wichtiger". Das ist auch verständlich, denn aus Deutschland kommen junge Dozenten wie Birgit Tümmers, die visuelle Kommunikation unterrichtet, oder Markus Wirtmann, der den Studenten in der freien Gestaltung Bildhauerei und Neue Medien näher bringt. Beide waren für das Projekt das erste Mal in China, und sind gerade begeistert zurückgekehrt: „Ich hätte noch drei Monate dort bleiben können", so Wirtmann nach vier Wochen Lehrtätigkeit, und Tümmers ergänzt: "Es war eine tolle Erfahrung. Wir haben direkt auf dem Campus gewohnt und waren vollkommen in den Lehrbetrieb integriert." Trotz der Übersetzung - der Unterricht findet auf Deutsch statt - sei die „Leitung" zu den Studenten kurz gewesen. "Wenn man sich mag, geht es auch mal ohne ständiges Übersetzen", so Wirthmann, der mit seinen zehn Studenten auch gern in Clubs unterwegs war. Das einzige, was den Dozenten durch die unterschiedliche Sprache durcheinander geriet, war die Zeit: „Man wartet ja im Unterricht häufig bis etwas übersetzt ist, man kann also bei theoretischem Unterricht die doppelte Zeit einplanen", so Tümmers, die von ihren Studenten oft um Theorie gebeten wurde: "Ich solle Ihnen etwas an die Hand geben. Also Typografie und Grafik erläutern und zeigen, wie ich arbeite. Das habe ich auch gerne gemacht."
Von den Semester-Abschlussarbeiten war sie trotzdem angetan: "Die meisten haben aus den Vorgaben etwas ganz Eigenes gemacht." Und ergänzt: "Genau wie deutsche Studenten auch." Auch ihr Kollege Wirthmann sieht keine großen Unterschiede: "Es gibt extrem talentierte Studenten, dann mittelbegabte - und welche, die auch etwas anderes als Kunst studieren könnten", so der Dozent. "Das ist eins zu eins wie in Deutschland."
„Erst heiraten, dann verlieben."
Dass deutsche Dozenten in Hangzhou jetzt überhaupt Kunststudenten beider Länder vergleichen können, verdanken sie dem beherzten Zugreifen des verstorbenen UDK-Präsidenten Professor Lothar Romain, sagt Xiao Yi Liu Cuk die den Präsidenten 2001 bei seinem Besuch der CAA begleitet hat.
Ab 2001 nahm die UdK an den neuen „Sommerakademien" der CAA in Hangzhou teil, zu denen auch weitere renommierte westliche Kunsthochschulen eingeladen waren. Als es zum 75-Jahre-Jubiläum der Kunsthochschule 2003 um konkretes Zusammenarbeiten mit diesen Hochschulen ging, hat die Delegation der UdK, anders als die Mitbewerber, noch vor Ort ein Strategiepapier entwickelt und vorgelegt und den Zuschlag bekommen – dies auch dank Liu Cuks chinesischer Strategie, „Erst heiraten, dann verlieben", was soviel heißt wie: „deutsche Bedenken mal zur Seite zu stellen und einfach zu machen". Auch der heutige UDK-Präsident Prof. Martin Rennert konnte der Idee einer asiatischen Kooperation viel abgewinnen und ließ den damaligen Dekan der Fakultät Bildende Kunst, Prof. Burkhard Held, mit Burkhard Schmitz und Liu Cuk weiter an Aufbau und Programmen feilen, bis das Gerüst für den Studiengang stand. Nach einem Jahr gab auch die chinesische Verwaltung ihr Plazet: "Was wirklich schnell für so einen Vorgang ist", wie Liu Cuk erklärt. Denn in China ist Bildung auch ein begehrtes Geschäft, und ein Studiengang, der 6.000 Euro pro Jahr kostet, wird erstmal auf Herz und Nieren geprüft. „Es gab einfach zuviel schlechte Angebote in der Vergangenheit", so Liu Cuk.
Jetzt sind also UDK und CAA nach ihrer Heirat offiziell in der Phase des Verliebens, und zumindest auf Seiten der Dozenten und Studenten sieht es durchaus nach einer Romanze aus. Birigit Tümmers und Markus Wirtmann freuen sich schon sehr auf die Studenten die Ende April 2008 für drei Monate nach Berlin kommen: „Es war eine großartig und intensive Zeit in China, und die Studenten sind mir echt ans Herz gewachsen", sagt Tümmers – eine Erfahrung, die sie nach Bekunden der drei Lehrenden und Liu Cuk mit den anderen Dozenten, die vor Ort waren, teilt.
Text: Iris Braun
freie Journalistin und Autorin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
April 2008
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April 2008


















