Bildung

Wie China die Deutschen veränderte

Kosima Weber-Liu © Dr. Dagmar Lorenz
Musikwissenschaftler Manfred Dahmer spielt Qin © Dr. Dagmar Lorenz
Manfred Dahmer spielt für die Alumni auf der „Qin“
Im Spätherbst 1973 trafen drei westdeutsche Studenten in Peking ein: die ersten Stipendiaten, die der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) in die Volksrepublik China schicken konnte. „Rotchina", wie man damals sagte, war ein weitgehend abgeschottetes Land. Die Austauschstudenten betraten eine „terra inkognita", ein von der Kulturrevolution gezeichnetes Universum.

Die „erste Generation"

Was das bedeutete, schilderte Ulrich Manthe anlässlich des vom DAAD ausgerichteten Treffens ehemaliger China-Stipendiaten Anfang Dezember 2007 in Bonn. Manthe, der heute als Juraprofessor an der Universität Passau lehrt, zählt zur „ersten Generation". Er und seine Mitstudenten kamen in ein bäuerlich geprägtes Peking, voller Hinweisschilder, die es Ausländern verboten, sich außerhalb der Stadt umzusehen. Sie erlebten, dass der Film eines italienischen Regisseurs die chinesische Obrigkeit veranlasste, sämtliche Kontakte zwischen ihnen und chinesischen Kommilitonen zu unterbinden. Und sie erfuhren, wie das linksutopische Weltbild so manches deutschen Mit-Stipendiaten angesichts dieser Realität zusammenbrach. Dass aber auch die chinesischen Betreuer keineswegs um ihre damalige Aufgabe zu beneiden waren, bezeugte der ebenfalls nach Bonn eingeladene einstige Ansprechpartner der deutschen DAAD-Studenten am Pekinger Spracheninstitut, Qi Shuren. An ihn hielten sich nämlich die zuständigen Behörden, wenn das seltsame Gebaren der jungen Deutschen wieder einmal Irritationen hervorrief…

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Das alles ist längst Vergangenheit. Doch so unterschiedlich die Erfahrungen der älteren und der jüngeren Generation auch sein mögen: Die in der Volksrepublik China verbrachte Studienzeit bewirkte offenbar in allen Altersgruppen eine Veränderung des Blicks auf die chinesische und auf die eigene Kultur.

Im Verlaufe des knapp zweitägigen DAAD-Treffens diskutierten die etwa einhundert Teilnehmer denn auch immer wieder die Frage nach dem ideellen und praktischen Nutzen des Chinaaufenthaltes. Dabei traten die Generations-Unterschiede deutlich zutage: Etliche Studenten in den 1970er Jahren suchten in China nach dem „neuen Modell vom Menschen", wie es ein Teilnehmer ausdrückte. Es waren vorwiegend Sinologen, die sich nach ihrer Rückkehr anschickten, eine ältere Gelehrtengeneration auf den Lehrstühlen der westdeutschen Universitäten zu beerben. Dies änderte sich in den 1980er Jahren: Der Chinaaufenthalt gehörte inzwischen zum selbstverständlichen Bestandteil des Sinologiestudiums, die Bewerberzahlen stiegen an. Studenten aus anderen Fachrichtungen drängten ebenfalls nach China: Mediziner, die an chinesischer Medizin interessiert waren und andere fachliche Konzepte kennen lernen wollten, Geologen, Juristen, Wirtschaftswissenschaftler, ja sogar ein Technikhistoriker, der sich von jenen Maschinen faszinieren ließ, die hierzulande längst im Museum, im China der 1980er Jahre aber noch in Betrieb waren. Zugleich zeichnete sich ab, dass es mit dieser Art von Nostalgie bald vorbei sein würde: Und so reiste die Stipendiatin Kosima Weber Liu nach China, um dort, wie sie berichtet, noch jene kulturellen Traditionen vor Ort zu erfahren, die schon bald verschwunden sein würden. Kosima Weber Liu lebt inzwischen seit 27 Jahren in Peking und arbeitet dort heute als Designerin und Fotografin.

Kosima Weber-Liu © Dr. Dagmar Lorenz
Kosima Weber Liu lebt seit fast 30 Jahren in Peking


Persönlichkeitsbildung und Berufsperspektiven

Für die meisten Alumni dominieren die bereichernden Aspekte des China-Aufenthaltes: so die interkulturelle Sensibilisierung. Diese wird insbesondere von jenen ehemaligen Stipendiaten geschätzt, die ihre Jugend noch in der DDR verbracht haben, wie etwa Annette Merker, die von 1991 bis 1993 in China studierte und heute interkulturelle Kurse für deutsche Hochschulangehörige durchführt. Sie und andere Teilnehmer nannten aber auch negative Erfahrungen: die in China häufig anzutreffende „Geldanbetung", die sozialen Hierarchien, das mangelnde Rechtsverständnis, die eigennützige„Guanxi"- Mentalität.

Als enttäuschend empfanden einige nach ihrer Rückkehr das starre Hochschulsystem in Deutschland – und die Schwierigkeiten, beruflich Fuß zu fassen. Sie habe den Eindruck, so eine Teilnehmerin, dass die Potenziale gerade der „mittleren" Stipendiatengeneration kaum gefragt seien. In besonderem Maße scheint dies auf die sinologisch ausgerichteten Studienabsolventen zuzutreffen: Einige von ihnen sind heute in den Auslandsämtern von Hochschulen, in der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder der Max Planck-Gesellschaft tätig. Etliche „Alumni" mit wirtschaftswissenschaftlichem Hintergrund hat es hingegen in große Chemieunternehmen oder gar in die Personalleitung einer namhaften deutschen Fluggesellschaft verschlagen.

Wieder andere betätigen sich als Kunstvermittler oder Künstler: der Musikwissenschaftler Manfred Dahmer etwa, der von 1978 bis 1980 in Beijing das Spiel auf der traditionellen chinesischen Zither, der Qin, erlernte, sich seit vielen Jahren als Mittler der traditionellen Musik betätigt – und in Bonn ein abendliches Konzert für seine Mit-Alumni gab. Oder der bildende Künstler Andreas Schmid, der von 1983 bis 1986 an der Kunstakademie in Hangzhou Kalligraphie studierte – und sich für die moderne chinesischen Kunst einsetzt.

Ausblicke

China verändert nicht nur Menschen, sondern auch Institutionen – so wäre zugespitzt zu resümieren, was DAAD-Generalsekretär Christian Bode und die für die Chinaarbeit verantwortlichen Vertreterinnen von DFG und MPG (Max Planck-Gesellschaft) berichteten. Neue Anregungen für DAAD-Konzeptionen sind offenbar gefragt. Den Chinafahrern der Zukunft wird der Gesprächsstoff jedenfalls nicht ausgehen.
Text: Dr. Dagmar Lorenz
Copyright: Deutsch-Chinesiches Kulturnetz
Januar 2008

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