Bildung

Ein Pionier der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit in der Blindenpädagogik

Copyright: Prof. Sven DegenhardtCopyright: Prof. DegenhardtGespräch mit Professor Sven Degenhardt vom Institut für Behindertenpädagogik der Universität Hamburg

Gegenwärtig gibt es in China 6,7 Mio. Blinde, das sind 18 Prozent der blinden Weltbevölkerung. Durch Unfälle, Verletzungen und Krankheiten steigt diese Zahl jährlich um weitere 450.000, d.h. fast jede Minute erblindet ein Mensch in China. Damit handelt es sich um eine relativ große Gruppe von Betroffenen. In ländlichen und wirtschaftlich schwachen Regionen ist die Blindenbildung kaum entwickelt, aufgrund der Trennung von Regel- und Sonderschulen haben Blinde oft überhaupt nicht die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. In der Berufs- und höheren schulischen Bildung für Blinde, sowie bei der Qualifikation von Lehrkräften für Blinde sieht es ebenfalls nicht besser aus. Da auch das Kranken- und Sozialversicherungssystem mangelhaft sind, sind die Probleme bei der Ausbildung und dem Berufseinstieg von Blinden in China gravierend.

Vor 10 Jahren besuchte Prof. Dr. Degenhardt von der Universität Hamburg zum ersten Mal China. Dieser Besuch gab - angesichts der dortigen Situation der Blindenpädagogik - den Anstoß, eine deutsch-chinesische Zusammenarbeit auf diesem Gebiet zu initiieren. Nach Deutschland zurückgekehrt, suchte er Geldgeber und Sponsoren und begann im Jahr 2002 an Blindenschulen in Beijing, Chengdu, Qingdao, Shenyang, Taiyuan, Wuhan und an anderen Orten Weiterbildungen zur "Förderung des vorhandenen Sehvermögens" für die dortigen Lehrkräfte organisieren.

Bis Ende 2008 sollen diese Qualifizierungsmaßnahmen an insgesamt 15 Blindenschulen durchgeführt und ein Netzwerk von Blindenbildungseinrichtungen aufgebaut werden. Prof. Degenhardts Ziel ist es, die vorhandenen Kräfte zusammenzuführen und das Umfeld für die Blindenausbildung zu verbessern. Wenn er auf die Jahre dieser deutsch-chinesischen Zusammenarbeit zurückblickt, wird Prof. Degenhardt nachdenklich.

Blind sein heißt nicht, nichts sehen

Was die Blindenpädagogik und die soziale Versorgung angeht, war die Situation vor 10 Jahren in Beijing erstaunlich: Manche Eltern blinder Kinder wussten nicht, dass es in Beijing eine Blindenschule gab; manche kauften für ihre Kinder optische Sehhilfen, aber da sie nicht wussten, wie sie zu verwenden waren, landeten diese in der Ecke. In der Blindenschule waren Fenster, Türen und Wände in derselben Farbe gestrichen, die Beleuchtung war unzureichend, Treppen und Korridore wiesen keine kontrastreichen oder ertastbaren Markierungen auf, vollständig Blinde und sehbehinderte Menschen wurden nicht voneinander unterschieden. Vollständig blinde Menschen können nichts sehen, sehbehinderte aber haben noch ein, wenn auch schwaches, Sehvermögen.

Indem man im Lern- und Wohnbereich auf Kontrastfarben, tastbare Markierungen und auf die Verwendung großer Beschriftungen achtet, den Sehbehinderten Sehhilfen zur Verfügung stellt und mit ihnen entsprechende Orientierungstrainings durchführt, kann die „Fähigkeit des Sehens“ erheblich erhöht werden. Wenn ich in China von der Erhöhung der Sehfähigkeit rede, denkt jeder gleich an Augenoperationen. Eine Augenoperation kann das "physiologische Sehen" verbessern, aber die oben erwähnten Methoden fördern das "nichtphysiologische, das funktionale Sehen". Und dieses Sehen ist für Blinde von großer Bedeutung, denn es steigert ihre Lebensqualität.

Wir haben in China viel über Deutschland gelernt


Kulturelle Unterschiede sind eine Gelegenheit, von einander zu lernen. Bisher habe ich drei Gruppen von Studentinnen und Studenten der Blindenpädagogik aus Hamburg mit nach China genommen. Jedes Mal, wenn wir einen Klassenraum betreten, deklamieren blinde Schüler, jeder in seiner eigenen Intonation und in seinem individuellen Tempo Texte. Es herrscht ein lautes Stimmengewirr, ganz anders als alles was wir aus Deutschland kennen. Wenn ich in China Lehrerfortbildungen für Blindenpädagogik anbiete, sind die Lehrer sehr leise, und es dauert manchmal ein wenig, bis sie Fragen stellen. Sich auf einander einzustellen ist ein langwieriger Prozess, nur langsam akzeptieren sie meine offene Unterrichtsmethode. Ich habe aber auch gelernt, dass der Frontalunterricht in China funktioniert, dass die Schüler gut lernen und dass das Verhältnis von Schülern und Lehrern harmonisch ist. Wahrscheinlich hat Weggel recht, wenn er sagt, dass Lernen nicht nur ein analytisches Durchdringen des Stoffes, sondern auch intuitives Erfassen und Erfühlen sei. Deshalb sehen wir jetzt auch die deutschen Lehrmethoden aus einem anderen Blickwinkel und überdenken lieb gewonnene Gewohnheiten neu. Man kann sagen, dass wir in China Deutschland neu kennenlernen.

Netzwerke aufbauen ist keine chinesische Stärke

Jeder, der länger in China ist, lernt in irgendeiner Form das "Protokoll" kennen. Egal, wer gerade empfangen wird, der chinesische Gastgeber wird ihn immer als den wichtigsten Gast begrüßen. So gibt es an der Blindenschule auch Kooperationspartner aus den USA und Neuseeland, also noch mehr "wichtigste Gäste". Aus Höflichkeit wird dieser Superlativ von der chinesischen Seite betont, die Gespräche werden voneinander getrennt geführt, man weiß nur zufällig vom anderen.

Umgekehrt kommt in Büchern über China die Sprache immer auf die "Beziehungen". Daraus könnte man schließen, dass Chinesen viel davon verstehen, Netzwerke aufzubauen. Eine Tatsache, der ich aus europäischer Sicht ein wenig widersprechen möchte, denn "Networking" ist wirklich keine chinesische Eigenschaft. Ist es nicht so, dass der wichtigste Gast überhaupt nicht wichtig ist? Wenn schon alle gekommen sind, um an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten, warum kann man dann nicht ein internationales Netzwerk zum gegenseitigen Nutzen und Vorteil aufbauen, um Ziele schneller zu verwirklichen? Ich bin mir sicher, dass die amerikanischen Kollegen diese Ansicht teilen würden. Schade ist nur, dass unsere chinesischen Kollegen in den Konventionen der Höflichkeit stecken bleiben und diese Chance bisher zu leicht verschenken.

Ein günstiges Klima schaffen

Durch die Unterstützung des chinesischen Bildungs- und Erziehungsministeriums, des Behindertenverbandes und des Vereins der Blinden und Sehschwachen konnten Probleme leicht gelöst werden. Aber erst das Zusammenwirken verschiedener günstiger Faktoren verspricht ein Projekt erfolgreich zum Ziel zu führen. Hätte ich nicht die Unterstützung meiner Frau und meiner Familie, könnte ich mit Sicherheit nicht jedes Jahr für ein paar Monate nach China gekommen, um hier Fortbildungen durchzuführen. Ohne die Anstrengungen von chinesischer Seite, würden wir "Langnasen" alleine auch nichts auf die Beine stellen. Ohne die Unterstützung des Hilfswerkes MISEREOR, des DAAD, der Hamburger Karl Dietz-Stiftung, und weiterer Spenden von Privatpersonen und Institutionen hätten wir unsere Ziele nicht verwirklichen können. Gegenwärtig bereite ich mit Kollegen vom NTCSE (Nanjing Technical College of Special Education) gemeinsam einen Lehrplan zur Behinderten- und Integrationspädagogik vor, damit blinde Kinder die Chance haben, auch normale Schulen zu besuchen.

Die Arbeit auf dem Gebiet der chinesischen Blindenpädagogik ist eine verantwortungsvolle und langfristige Aufgabe. Es geht hier um die Lebensqualität und das Bildungsniveau von  Millionen Menschen. Allein auf die Stärke der Pädagogen zu vertrauen reicht nicht aus. Ich hoffe sehr, dass noch mehr Menschen und Institutionen unsere Arbeit unterstützen.
Text: Yi Wen
Redakteurin, Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Übersetzung: Peggy Kamers
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
September 2007
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