Nach Englisch beginnt die Mehrsprachigkeit: Deutsch an Schulen in China

Olympische Spiele 2008 in Beijing. Weltausstellung EXPO 2010 in Shanghai. Das sind Chinas Marksteine der Internationalisierung. Sprachlich gesehen bedeutet Internationalisierung mehr Englisch. Seit 1978 boomt die Weltsprache Nr. 1 in China. Sie hat einen gewaltigen Expansionsschub erfahren und wird von konservativen Bildungspolitikern manchmal schon als Bedrohung der eigenen Muttersprache gefürchtet. Englisch total: Vom "Ertong Yingy" (Englisch für Kindergartenkinder) bis hin zum allgemein verpflichtenden "Daxue Yingyu" (Englisch für Hochschulstudierende) dominieren Oxford-English und Yankee-Slang den chinesischen Markt der Fremdsprachen. Englischprüfungen der unterschiedlichsten Bildungsanbieter von der europäischen Insel bis "Down Under" stellen die Bildungsadepten Chinas bzw. deren zahlende Eltern vor die Qual der Wahl. Doch seit 2003 kann man am Ostrand des Riesenreiches beobachten, dass eine neue Devise – wenn auch noch leise - im Bildungssektor die Runde macht: "Mehrsprachigkeit"; besonders in Shanghai, der Stadt, die aufgrund ihrer europäischen Vergangenheit "eigentlich nicht China ist". Bei diesem Begriff lacht das Herz des Europäers. Hat doch seine Union zu Beginn des neuen Jahrtausends mit dem neuen Referenzrahmen und dem "Jahr der europäischen Sprachen" 2001 Akzente gesetzt: Europas Erbe sei auch und gerade die Vielfalt seiner Sprachen, die endlich "auf die Tagesordnung der europäischen Politik" (Venanz Schubert und Konrad Ehlich) kämen.
"Kleine" Sprachen rücken ins Blickfeld
Und zwei Jahre später spricht die Städtische Erziehungskommission mit der gleichen Stimme. Europäische Sprachen wie Deutsch, Französisch und Spanisch, bilden nun gemeinsam mit Japanisch, Koreanisch und Arabisch den Kanon der neuen Mehrsprachigkeit an den Schulen. Diese Sprachen gelten als "klein" und haben dem Englischen als zweite Fremdsprache zu folgen. Deutsch als Unterrichtsfach gab es außerhalb der Hochschule bis vor wenigen Jahren nur an den wenigen elitären Fremdsprachen- Schwerpunktmittelschulen in Beijing, Shanghai oder Wuhan. Nun haben sich ganz normale Mittelschulen die "kleine Sprache" Deutsch in die Lehrpläne geschrieben: Zwischen 2003 und 2005 begannen in Shanghai allein 17 allgemeinbildende Schulen offiziell mit dem Deutschunterricht.
Deutsch von Kindesbeinen für die Karriere
Bemerkenswert daran ist, dass diese Entwicklung eine Bildungsbewegung "von unten" darstellt. Besorgt und entschlossen zugleich schauten die ehrgeizigen Eltern vieler Einzelkinder auf die mehr als 1200 deutschen Unternehmen allein im Großraum Shanghai, - rund 45% aller deutschen Unternehmen in China - und forderten die Einführung der deutschen Sprache an den Schulen ihrer Kinder. Die Schulleiter folgten dem Drängen und räumten - meist auf Versuchsbasis – in den oft rund 40 Unterrichtseinheiten pro Woche (!) umfassenden Stundenplänen Platz für Deutsch frei. Die meisten der neuen Deutsch-Lernangebote sind an den Oberschulen angesiedelt, die Unterricht für die Klassen 10-12 anbieten. Hier wurde für besonders begabte Englisch-Schülerinnen und -Schüler die Möglichkeit geschaffen, zwei bis maximal sechs Wochenstunden Deutsch zu lernen. Weitere Angebote "Deutsch als zweite Fremdsprache" oder "Deutsch nach Englisch", wie es der Fremdsprachendidaktiker Gerhard Neuner nennt, findet man an den so genannten "Junior High Schools", den Unterstufenschulen, die Unterricht der Klassen 7-10 anbieten und , sehr vereinzelt, sogar in den letzen Klassen 4-6 von Grundschulen. Dies ist die eigentlich neue Entwicklung der letzten Jahre.
Die beste Grundlage, extensiven und daher vom Lernumfang halbwegs ausreichenden Deutschunterricht einzurichten, bieten Mittelschulen, die sowohl über Unter- als auch Oberstufe verfügen. Hier können die Schüler 2-4 Stunden Deutsch pro Woche lernen. Nur an solchen Schulen kann mit bis zu 800 Stunden Deutschunterricht über fünf Jahre ein Niveau erreicht werden, das Mittelstufen-Deutsch-Prüfungen oder ersten Sprachdiplomen ausreichend Stoff gibt. Viele Schulen können wegen des Drucks der nahenden Hochschulaufnahmeprüfung nur 160 Stunden Deutsch oder noch weniger über 2 Jahre anbieten. Das reicht gerade einmal für einfache Alltagskommunikation, die über ein nettes "Wie geht es Dir" kaum hinausgeht.
Vom Versuchsballon zur Standardisierung
Außer in Shanghai findet man auch in Beijing, Tianjin, Nanjing, Hangzhou und weiteren Städten Kurse für "Deutsch nach Englisch" an Schulen. Ähnlich heterogen wie das Lehrplanangebot sind die Lehrkräfte: Von gut ausgebildeten und bezahlten entsandten Pädagogen aus Bundes- oder Länderprogrammen bis hin zu pensionierten Hochschullehrern und "Deutsch als Fremdsprache"- Praktikanten beglücken Lehrkräfte sehr unterschiedlichen Niveaus die jungen Deutschlerner. In Shanghai machen sich aber bereits Vereinheitlichungstendenzen bemerkbar: ein erstes Lehrwerk für Lernanfänger wurde von der Erziehungskommission der Stadt verbindlich für alle Schulen mit "Deutsch nach Englisch"-Unterricht vorgeschrieben. Von deutscher Seite kümmern sich zwei Fachberaterinnen des Bundesverwaltungsamtes um Deutsch als erste Fremdsprache und die Entwicklung einer standardisierten Abschlussprüfung an den Fremdsprachen-Schwerpunkt- mittelschulen. Seit Sommer 2007 steht auch eine Expertin für Unterricht des Goethe-Instituts an der Abteilung Kultur und Bildung des deutschen Generalkonsulats Shanghai zur Verfügung. Ihre Aufgaben: Kräfte rund um die neue zweite Fremdsprache Deutsch bündeln, Lehrer fortbilden und weiter am Aufbau des jungen Faches mitarbeiten. Zusammenarbeit aller Akteure heißt dabei die oberste Maxime. Dem ist nur gutes Gelingen zu wünschen.
Text: Marcus Hernig
Markus Hernig war von 2003 bis 2005 u.a. an Verhandlungen mit der Städtischen Erziehungskommission Shanghai und an Aufbaumaßnahmen zu Deutsch als zweiter Fremdsprache an Schulen beteiligt.
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
September 2007
Markus Hernig war von 2003 bis 2005 u.a. an Verhandlungen mit der Städtischen Erziehungskommission Shanghai und an Aufbaumaßnahmen zu Deutsch als zweiter Fremdsprache an Schulen beteiligt.
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
September 2007
















