Chinesischer Kunstmarkt: Wer bietet mehr?


Sotheby versteigert in Hongkong ein Bild von Xu Beihong (徐悲鸿), 2007 © gmct/ImagineChina
Erst waren es mehrere Millionen, dann mehrere zehn Millionen und schließlich wurde auch die 100-Millionen-Yuan-Marke geknackt. Seit 2009 haben chinesische Kunstwerke, darunter Kalligraphie und Malerei, zeitgenössische Kunst und Porzellan, immer wieder astronomische Preise erzielt. Der chinesische Kunstmarkt hat Hochkonjunktur. Auch auf den Pekinger Frühjahrsauktionen, die ab Mitte Mai starteten, trieb das Kapital wieder einmal seine Spielchen und ließ die Preise für chinesische Kunstwerke in Schwindel erregende Höhen steigen. Während aber der chinesische Kunstmarkt eine Preishürde nach der nächsten nimmt, kommt die Sorge auf, dass „nur der Markt boomt, aber nicht die Kunst“. Experten haben zahlreiche Bedenken: Einerseits könnten durch die Beteiligung von rein spekulativen Käufern Preis und künstlerischer Wert einer Arbeit weit auseinanderdriften; darüber hinaus manipuliere der überhitzte zeitgenössische Kunstmarkt die Künstler auch in ihren schöpferischen Intentionen und wirke sich auf das künstlerische Niveau aus.
Kunstpreise auf Rekordjagd
Am Abend des 22. Mai 2011 kam es auf der Auktion „Grand View – Chinese Painting Highlights“ des Auktionshauses China Guardian zum spektakulärsten Akt der diesjährigen Frühjahrsauktionen. Unter anderem fiel der Hammer für Qi Baishis (齐白石) Greifvogel auf Kiefernast samt kalligraphierter Wünsche für ein langes Leben und eine friedliche Welt nach einem Bieterwettkampf über 50 Runden, schließlich bei 425 Millionen Yuan (umgerechnet ca. 47,3 Millionen Euro, Anm. d. Übers.). Damit wurde das Bild, das der Maler anlässlich des 60. Geburtstags von Chiang Kai-shek (蒋介石) angefertigt hatte, zum nun teuersten Werk der chinesischen Moderne.
Erst vor einem Jahr, am 17. Mai 2010, hatte China Guardian das Bild Achensee von Zhang Daqian (张大千) für 100,8 Millionen Yuan (ca. 10,9 Millionen Euro) versteigert. Das war das erste Mal, dass ein Bild der chinesischen Moderne die 100-Millionen-Yuan-Hürde nahm. Innerhalb eines Jahres hat nun Qi Baishi mit einem Bild derselben Kategorie den Rekord für moderne chinesische Malerei und Kalligraphie von gut 100 Millionen Yuan mit einem Schlag auf über 400 Millionen Yuan nach oben getrieben. In einer atemberaubenden Geschwindigkeit, die wieder einmal zeigt, dass der chinesische Kunstmarkt verrückt spielt.
Tatsächlich beschränkt sich der Boom längst nicht auf Kalligraphie und Malerei und auch nicht nur auf den inländischen Auktionsmarkt. Auch im internationalen Auktionsgeschäft wird chinesische Kunst heiß umworben.
Auf einer Auktion bei Sotheby’s in New York wurde im März 2011 eine Vase aus der Zeit des Kaisers Qianlong (乾隆) – eine Kombination aus Goldverzierung auf kobaltblauem Grund, Famille-Rose-Dekor mit Blumen- und Vogelmotiven, reliefartiger Türkisglasur und glücksverheißenden Ruyi-Zeptern an den Griffen – vom ursprünglichen Schätzpreis von gut 5.000 Yuan (ca. 544 Euro) auf die märchenhafte Summe von 120 Millionen Yuan (ca. 13 Millionen Euro) hoch gesteigert. Noch sagenhafter aber ist, dass diese Porzellanvase der Qing-Zeit aus dem Hause des Kaisers Qianlong vor der Versteigerung von den Experten bei Sotheby’s als Porzellanware als „vermutlich aus der Republikzeit“ stammende Porzellanware eingeschätzt wurde.
Abgesehen davon, dass einzelne Meisterstücke immer wieder neue Auktionsrekorde erzielen, sorgt auch das Geschäftsvolumen bei chinesischen Kunstwerken beständig für neue Höhepunkte. 2009 wurden auf den Frühjahrs- und Herbstauktionen von China Guardians noch insgesamt etwa zwei Milliarden Yuan (ca. 220 Millionen Euro) erzielt, 2010 verdreifachte sich der Gesamterlös aus Frühlings- und Herbstauktion auf 6,3 Milliarden Yuan (ca. 683 Millionen Euro). Nun soll allein die Frühjahrsauktion 2011 von China Guardians einen Gesamtumsatz von 5,32 Milliarden Yuan (577 Millionen Euro) verzeichnen können.
Kollektive Hektik unter Künstlern und Sammlern
Egal, ob heute auf dem Kunstmarkt ein märchenhafter Preis erzielt wird oder eine Umsatzmarke dreifach durchbrochen wird, immer zeigt sich an Einzelfällen, wie Kunstwerke kapitalisiert werden.
Als Grund für die in letzter Zeit explodierenden Kunstpreise wird stets genannt, dass massenhaft Kapital und „heißes Geld“ von den Aktien- und Immobilienmärkten in den Kunstmarkt fließen. Der Kunstmarkt ist nach dem Immobilien- und Börsenmarkt nun zum dritten großen Spekulationsfeld in China geworden. Er eröffnet den Käufern neue Möglichkeiten zu investieren und zu spekulieren. Die Käufer denken nicht länger über den Sammlerwert eines Kunstwerks nach, sondern über die Steigerung seines Marktwertes in zwei Jahren. Auch das Phänomen, dass auf dem Markt Kunstwerke schnell gekauft und rasch wieder abgestoßen werden, nimmt zu.
Ein typisches Beispiel dafür ist der Investor Liu Yiqian (刘益谦), der in den vergangenen beiden Jahren auf dem Kunstmarkt immer wieder ordentlich zugeschlagen hat. Liu Yiqian verließ nach der neunten Klasse die Schule und arbeitete in einer Manufaktur für Ledertaschen und als Taxifahrer, bevor er über Aktienspekulationen zu Geld kam. Während er auf dem Kapitalmarkt ein Vermögen machte, begann er sich außerdem für den Kunstmarkt zu interessieren. Qi Baishis Greifvogel auf Kiefernast hatte Liu Yiqian etwa ein Jahr zuvor für insgesamt nicht einmal 20 Millionen Yuan (ca. 2,17 Millionen Euro) gekauft – nun kam es zum gigantischen Preis von 425 Millionen Yuan (ca. 47,3 Millionen Euro) unter den Hammer! Ein Kunstwerk, dessen Preis in einem Jahr um das Zwanzigfache steigt – derartige Gewinne zeigen Chinas neuem Geldadel, dass der chinesische Kunstmarkt eine Goldgrube ist. Auch Kunstagent Peng Xiaoyang (彭晓阳) zufolge kommen die astronomischen Preise bei den Spitzensammlerstücken gegenwärtig dadurch zustande, dass der Kapitalmarkt mitmischt. Wenn aber die edelsten Sammlerstücke zu reinen Finanzinstrumenten mutieren, lässt sich die Rationalität des Preises nur noch aus der Perspektive des Kapitalmarkts abschätzen und beurteilen.
Angesichts des gegenwärtigen extremen Hypes auf dem chinesischen Kunstmarkt hat der prominente Antiquitätensammler Ma Weidu (马未都) die Sorge geäußert, dass „nur der Kunstmarkt boomt, aber nicht die Kunst“. Denn auch wenn die Preise für chinesische Kunstwerke immer weiter nach oben klettern, der Kunstsinn, der für eine Kunstsammlung am elementarsten ist, hat nicht mitgezogen, „die meisten Leute haben keinen Kunstgeschmack, sie verstehen überhaupt nichts von Kunst“, so Ma Weidu.
In den Augen Ma Weidus bringt der Mangel an Kunstsinn das „Ökosystem“ des nationalen Kunstmarktes durcheinander, Wert und Preis eines Kunstwerks sind aus dem Gleichgewicht geraten. Während sich erstklassige Kunst zu einem zweitklassigen Preis verkauft, erzielen zweitklassige Kunstwerke exzellente Preise. Denn bekanntlich erschließt sich eine zweitklassige Arbeit leichter als ein Meisterwerk. Viele der Kunstwerke, die heute zu Höchstpreisen versteigert werden, bauen auf schlichte Schönheit oder eine simple Theorie. „Einige Kunstinvestoren ist die Preistreiberei auf den Auktionen nichts anderes, als würden sie mit Knoblauch oder Sojabohnen spekulieren“, meint Ma Weidu.
Gleichzeitig verfallen, angestachelt durch die irrationalen Preise, auch die chinesischen Künstlerkreise in kollektive Hektik. Zwischen 2003 und 2008 hatte die zeitgenössische chinesische Kunst einen extremen Boom erlebt. Die Arbeiten von erst- und zweitklassigen, ja sogar von Künstlern, die diesen Namen kaum verdienen, verkauften sich wie heiße Semmeln. Die Künstler produzierten Kunst wie am Fließband. Dass die „Fab Four“ der zeitgenössischen Kunst – Zhang Xiaogang (张晓刚), Fang Lijun (方力钧), Yue Minjun (岳敏君) und Wang Guangyi (王广义) – im zeitgenössischen Kunstschaffen Chinas heute unermüdlich dieselben Erfolgsformeln wiederholen, ist hierfür das Beispiel par excellence. Da diese Erfolgsformeln vom Kunstmarkt akzeptiert wurden, werden sie im Dienste des Marktes einfach endlos wiederholt.
Text: Li Jianya (李健亚)
Journalistin, Peking
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juli 2011
Journalistin, Peking
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juli 2011










