Bildende Kunst/Design

Private Kunstsammlungen in Deutschland

Olafur Eliasson: „Berlin Colour Sphere“, 2006, in der Sammlung Boros © Noshe
Olafur Eliasson: „Berlin Colour Sphere“, 2006, in der Sammlung Boros © Noshe


Noch nie gab es so viele private Sammler und Sammlerinnen, die umfangreich zeitgenössische Kunst erwerben. Sie werden umworben von Galerien, Auktionshäusern und Museen. Das hat ihnen große Medienresonanz und internationale Aufmerksamkeit eingebracht. Künstler und Künstlerinnen verdanken ihnen Bekanntheit und Einkommen. Sind sie die eigentlichen Schlüsselfiguren eines globalen Kunstbetriebes?

„Ich finde es großartig, wenn sich die Öffentlichkeit mit unseren Ausstellungen auseinandersetzt. Das Interesse hat in den letzten Jahren merklich zugenommen“, sagt Ingvild Goetz, die Grande Dame der zeitgenössischen Sammlerszene. Ihr untrüglicher Blick für Qualität und ihre Offenheit für Neues sind legendär. 1993 eröffnete sie auf ihrem Wohngrundstück in München eines der ersten Privatmuseen. Das frühe, meditativ einfache Meisterstück der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron ist zum Pilgerort geworden.

Keiner weiß genau, wie viele es sind


Auch international hat sich herumgesprochen, dass in den letzten zwei Jahrzehnten gerade in Deutschland erstaunlich viele neue Privatsammlungen entstanden sind – nicht wenige sogar mit Aufsehen erregenden eigenen Schauräumen.

In Hamburg-Harburg ließ der Jurist und Kaufmann Harald Falckenberg, der erst in den 1990er-Jahren zur Kunst kam, ein Industriegebäude restaurieren, um auf 6.000 Quadratmetern nicht nur Teile seiner rund 2.000 Werke umfassenden Sammlung zu zeigen, sondern auch andere private Sammlungen sowie Einzelschauen oder thematische Ausstellungen. Er liebt das Groteske, Banale, Provokative. Er publiziert und diskutiert zu Problemen des Kunstbetriebes.

In Baden-Baden eröffnete der Verlegersohn Frieder Burda 2004 einen preisgekrönten Museumsbau – entworfen vom befreundeten US-amerikanischen Architekten Richard Meier. „Nicht auf Zeit“, sondern auf Dauer soll seine Kollektion namhafter Malereipositionen des 20. und 21. Jahrhunderts zugänglich sein.

Museum Frieder Burda in Baden-Baden © Museum Frieder Burda
Museum Frieder Burda in Baden-Baden © Museum Frieder Burda


Im Kunsteventjahr 2007 weihte Siegfried Weishaupt im Zentrum von Ulm seine Kunsthalle ein und erklärte offen, dass seine Sammlung aus dem Bauch heraus entstanden sei. Direktorin ist die als Kunsthistorikerin ausgebildete Tochter.

Im gleichen Jahr bezog in Düsseldorf, Oberkassel, die 32-jährige Unternehmerin und studierte Betriebswirtin Julia Stoschek nach nicht einmal vier Jahren Sammeltätigkeit einen von den Berliner Architekten Kühn Malvezzi umgestalteten Industriebau. Auf 3.500 Quadratmetern präsentiert sie Medienkunst, Film und Fotografie und wohnt dort auch. Sie hat sich schnell einflussreich vernetzt, engagiert sich auch in Berlin und New York.

In der Hauptstadt und an abgelegenen Orten

Die Hauptstadt erscheint nicht nur für Künstler und Künstlerinnen und immer mehr Galerien als viel versprechende Kunstmetropole, sondern auch für immer mehr Sammlerinnen und Sammler. Zahlreiche originelle privat finanzierte Räume lassen die Konflikte um Dauerleihgaben von zwei prominenten Sammlern in den Staatlichen Museen zu Berlin schon fast vergessen. Ohne die Sammlung des Berliner Unternehmers Erich Marx wäre 1996 die Eröffnung des Hamburger Bahnhofs als Museum der Gegenwart für die Berliner Nationalgalerie zwar nicht möglich gewesen. Doch der Sammler bestand auf einem rigorosen Mitbestimmungsrecht. Mehrfach hatte er gedroht, seine namhaften Kunstwerke wieder abzuziehen. Die Friedrich Christian Flick Collection, die 2004 als zweite private Sammlung zeitgenössischer Kunst als auf sieben Jahre befristete Dauerleihgabe an das Museum geholt wurde, löste heftige öffentliche Kontroversen über ihre geschichtliche Belastung aus. Denn bei dem Sammler handelt es sich um den Enkel des als Kriegsverbrecher verurteilten größten Rüstungslieferanten des deutschen Naziregimes.

Statt eines machtbewussten Auftritts in einem öffentlichen Museum sanierte das Kölner Sammlerpaar Hoffmann behutsam eine Fabrik in Berlin Mitte als ein privates Kunstdomizil und wurde damit zum Vorbild für viele Nachahmer. Nicht weit davon kann man seit 2008 sogar in einem Bunker Kunst besichtigen. Die Umnutzung dieser geschichtsbeladenen Immobilie durch den Wuppertaler Werbeagenturchef Christian Boros und seine Frau bietet ungewohnte räumliche Herausforderungen für Künstler und Besucher, garantiert ein Alleinstellungsmerkmal und anhaltenden Besucherzuspruch. Der ist allerdings wie bei den meisten privaten Häusern nur nach Voranmeldung möglich. Doch wird jetzt ein Vermittlungsprogramm für Kinder und Jugendliche aufgebaut.

Die Aachener Sammlung Schürmann ist ebenso in Berlin vor Ort wie Haubrok, About Change Collection, Maenz, Evergreen, demnächst die Sammlung Olbricht.

Andreas Hofer: „Trans Time“, Courtesy Sammlung Goetz, Foto: Roman März
Andreas Hofer: „Trans Time“, Courtesy Sammlung Goetz, Foto: Roman März


Doch auch an abgelegenen Orten kann man Privatmuseen finden – besonders viele in Baden-Württemberg. Die Sammlung Würth ist sogar an mehreren Firmenstandorten zu sehen, verfügt über eine Kunsthalle in Schwäbisch Hall und ein Museum in Künzelsau. In St. Georgen eröffnete 2006 der Kunstraum Grässlin. In Karlsruhe feiert gerade das als Sammlermuseum gegründete Museum für Neue Kunst sein zehnjähriges Bestehen mit einer Mammutschau aus 30 im Land beheimateten Kollektionen.

Der spektakulärste Auftritt gelang zuletzt 2009 der Udo und Anette Brandhorst Stiftung in München. Nicht nur wegen der faszinierenden und ökologisch durchdachten Architektur des Berliner Büros Sauerbruch Hutton, sondern auch wegen der öffentlichen Finanzierung des Gebäudes durch den Freistaat Bayern.

Nicht der Öffentlichkeit verpflichtet, aber höchst einflussreich

Die Motive privater Sammlerinnen und Sammler sind indes ebenso unterschiedlich wie ihr Umgang mit dem Kunstbesitz – und historisch gesehen durchaus nicht neu. Zwischen Liebhaberei, Mäzenatentum und Professionalität gibt es vielfältige Spielräume für Vorlieben und Leidenschaften, für das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Repräsentation. Wir kaufen, was uns gefällt, sagen die einen. Andere wollen sich mit dem auseinandersetzen, was sie irritiert, was sie nicht gleich verstehen. Dazu kann gehören, sich beraten zu lassen, Künstlerinnen und Künstler persönlich kennenzulernen, oder sich ein distanziertes Urteil über die Werke zu bewahren.

Kunsthype, Starkult, Preissteigerungen, Manipulationen zogen in den letzten Jahren auch Spekulanten an. Kunst taugt trotz oder gerade wegen der Finanzkrise als scheinbar sichere Kapitalanlage und schicker Rahmen für die Schönen und Reichen.

Kein Museum der Gegenwartskunst kommt heute ohne Sammlerinnen und Sammler aus. Sie bestimmen inzwischen wesentlich mit, was dem Publikum als zeitgenössische Kunst vermittelt wird. Sie besitzen Tausende von Kunstwerken, die sich kein staatliches oder städtisches Museum leisten kann.

Subjektiv, nicht der Öffentlichkeit verpflichtet, können sie über Jahre ganze Werkkomplexe zusammentragen, spannende Positionen längerfristig begleiten oder spontan kaufen. Sie sind schneller und flexibler, können sich Fehler erlauben, Werke verschenken oder wieder verkaufen – wenn nicht die Rechtsform Grenzen setzt. Die Zukunft vieler Privatsammlungen jedoch ist offen. Sie wieder in den Kunstmarkt gelangen zu lassen, ist kein Tabu.
Text: Sigrun Hellmich
Kunstwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin, Leipzig.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2010
Links zum Thema

Zeichensalat?

Chinesische Namen werden in der deutschen Sprachversion dieser Webseite auch in chinesischen Zeichen wiedergegeben. Wenn Sie in ihrem Browser keinen chinesischen Zeichensatz installiert haben, werden statt chinesischer Zeichen Kästchen, Fragezeichen oder andere Symbole angezeigt

Medienkunst in Deutschland

Geschichte, Strömungen, Namen und Institutionen