798-Beijing-Biennale vernetzt Kunst und Künstler


Martin Kasper, space shuttle 3 Tate Britain © Martin Kasper
Vom 15. August bis zum 12. September 2009 wird bei der 798 Biennale unter dem Motto Constellation Mind neben chinesischer Kunst auch Kunst aus Lateinamerika, Südostasien, New York und Europa – hier besonders Deutschland - in den großen Galerien des Künstlerviertels 798 in Peking zu sehen sein. Für das Deutsch-Chinesische Kulturnetz sprach Claudia Kort mit dem Künstler und Kurator des deutschen Beitrages Annexe/Infix, Martin Wehmer, über die Ausstellung.
CK: Herr Wehmer, das Areal von 798 hat schon mehrere Festivals und Biennalen hinter sich: Seit 2003 gibt es die Beijing Biennale mit dem Nebenschauplatz 798, und auch das 798-art-Festival ist vielen ein Begriff. Was ist das Besondere an der 798-Beijing-Biennale?
MW: Das Charmante an dieser Biennale ist, dass sie sich anders erstellt: Wir arbeiten mit Netzwerken, deshalb gibt es auch so viele Kuratorien – insgesamt sechs. Wir haben keinen festen Etat, wie das sonst bei Museen der Fall ist, wo die Stadt beispielsweise das Geld zur Ausrichtung einer Biennale zur Verfügung stellt, sondern wir entwickeln jede einzelne Schau von unten, von der Basis aus: Jeder der Kuratoren bringt Unterstützung, auch finanzieller Art, aus dem eigenen Land mit. Die Beijing Biennale zum Beispiel ist eine chinesisch kontrollierte und finanzierte Biennale in einem staatlichen Museum – augenscheinlich gibt sie eine stark politisch motivierte Sammlung von Kunstpositionen wieder.
CK: Wer ist „wir“?
MW: Da sind zunächst die Oberkuratoren, der Amerikaner Marc Hungerbühler mit seinem 2002 gegründeten the:artist:network, New York und Rául Zamundio, ebenfalls aus New York. Die beiden sind das Dach der Biennale und sie haben auch den Titel Constellation Mind gefunden. Der englische Titel bezieht sich auf die Entfernung der Sterne von der Erde. Im Ganzen geht es um Distanzen, die immer unterschiedlich aussehen, nämlich abhängig von der Perspektive des Betrachters sind. Übertragen auf unsere Schau heißt das, in welchem Verhältnis befindet sich unsere Biennale zum anderen Geschehen hier, dem der chinesischen Künstler, der chinesischen Galerien. Die Idee zu dieser Biennale entstand übrigens in Gesprächen zwischen Marc Hungerbühler und Zhu Qi (朱其).
CK: Zhou Qi kuratiert die chinesische Seite – wer ist das?
MW: Genau, Mr. Zhu Qi ist Kunstkritiker und Herausgeber des Art Map magazine. Er kuratiert die Ausstellung der chinesischen Künstler und wird auch den Katalog herausbringen. In unserem Fall wird das eine Sonderausgabe des von ihm herausgebrachten Kunstmagazins sein. Auf formaler und organisatorischer Ebene ist natürlich auch das 798 Construction Committee zu nennen. Denn ohne die Besitzer und Vermieter des Geländes würde natürlich nichts laufen.

Martin Kasper, space shuttle 1 © Martin Kasper
CK: Sie kuratieren die Schau „Annexe/Infix“ mit Werken abstrakter Malerei aus Deutschland und werden selbst auch mit einem Werk dabei sein. Nach welchen Kriterien – auch in Hinblick auf die Gesamtschau - haben Sie die Kunstwerke oder Künstler ausgesucht?
MW: Mir geht es um eine spannungsvolle Verknüpfung der Exponate miteinander, ich wollte keine additive Reihung. Die generelle Frage ist immer: Was passiert, wenn alle Werke zusammen hängen, was ist die Aussage bezogen auf die Gesamtbiennale und die anderen Ausstellungen – und dann letztendlich auch auf China. Der englische Titel trägt dieses Verschachtelungsprinzip übrigens auch schon in sich: Annex, etwas „anheften“ und infix, „etwas einfügen“. Die Schau heftet sich an und sie fügt sich ein. Nach diesem Prinzip sind auch die Künstler ausgewählt. Die Arbeit von Martin Kasper beschreibt dieses Prinzip sehr gut: Er malt extra für die Biennale ein Bild, das den Ausstellungsort, das SZ Art Center wiedergibt. In dieses Bild malt er seine Erinnerungen an ein Bild, das er im Tate Modern, London, und ein zweites, das er im Louvre, Paris, gesehen hat. Hier wird sein eigenes Bild also in einen Zusammenhang mit anderen gestellt. Sein eigenes Bild als ein „Anhang“ der Ausstellung „spiegelt“ nicht nur den aktuellen Raum, sondern hat noch zwei andere Kunstwerke „eingefügt“. Da nun die Rückwand des Galerieraumes im Bild ein Spiegel ist, werden Kunstwerke und Raum immer wieder aufs neue reflektiert. Der Künstler stellt sein Bild also als ein selbstreferentielles System vor, dabei geht es - grob gesagt um Kunst in der Kunst, um Malerei in der Malerei. Was mir aber auch wichtig ist, ist die Ausführungsqualität, die Sensualisierung – und darum geht es bei Kasper eben auch.
CK: Ein Bild kann also durchaus mehrere Diskurse über Kunst beispielsweise enthalten oder es kann Kommunikationsketten in vielerlei Richtung auslegen – gibt es damit das hermetisch abgeschlossene Werk bei Ihnen noch? Oder anders – hat das Auratische in der Kunst ausgedient?
MW: Das ist für den Westen eine interessante Frage. Eine These zu dieser Frage liefert die Jackson Pollock Bar (Theatergruppe aus Freiburg, Anm. d. Red.), die wir auch gerne eingeladen hätten, die aber durch ihren Venedig-Auftritt nicht nach Peking kommen konnten. Diese Gruppe hat einen Text mit 99 Thesen zu ihrem Auftritt herausgegeben, der übrigens auch auf chinesisch in dem Katalog erscheinen wird. Dort wird von der Blindwerdung des Auratischen und der Blindwerdung des authentischen Künstlers gesprochen, natürlich eine Position, die im Westen schon sehr lange diskutiert wird. Ich würde jetzt nicht sagen, dass es den authentischen Künstler bei uns nicht gibt, aber uns ist es wichtiger, das Werk und die Möglichkeiten der Malerei aufzuzeigen und das was es über sich selbst hinweg aussagt. Die Person des Künstlers ist dem untergeordnet. Wir treten ja auch nicht missionarisch auf, wir liefern unseren Kommentar zur zeitgenössischen Malerei. Damit setzt unsere Schau sich deutlich von der muskelspielenden authentischen Kunst in China ab.

Martin Wehmer © Martin Wehmer
CK: Sehen Sie weitere Unterschiede darin, wie aktuelle Kunst in China und in Europa oder dem Westen funktioniert? Was findet hier statt, was im Westen nicht stattfindet und umgekehrt?
MW: Ein Beispiel ist der Umgang mit dem menschlichen Leib, der in China oftmals mit Schmerz gezeigt wird. Ich vermute, da werden Individualismus und Selbstbestimmung im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen, vielleicht sogar politischen, Situation gebracht und mit der Figur deutlich gezeigt, und das ist ja ein Topos der im Westen fast verpönt ist. Dem stelle ich jetzt mal den abstrakten Maler Hans Georg Dobliar gegenüber, der hier zu sehen ist. Seine Berliner Galerie stellt ihn auch in Zusammenarbeit mit Partnergalerien aus, die dann Abstraktion aus den 20er Jahren oder Kirchner zeigen – Abstraktion läuft eben oft über die Rückkoppelung, sei es in die russische, amerikanische oder deutsche Vergangenheit. Diesen systeminternen Bezug findet man hier selten, dabei geht es genau darum!
CK: Hat es abstrakte Malerei nicht grundsätzlich schwerer? Weltweit wurde auf einmal der Realismus der neuen „Leipziger Schule“ gefeiert, deutsche abstrakte oder konzeptuelle Kunst ist dagegen nicht so en vogue.
MW: Langfristig gesehen ist es vielleicht anders. Gerade jetzt bemerke ich in den Galerien in Deutschland, dass diese Richtung allmählich Wertschätzung erhält und mehr und mehr gezeigt wird. China blickt zum Beispiel selber auf eine große Tradition der Abstraktion zurück! Warum sind die, die hier bei dem Neo-China-Pop mit den Vätern Warhol, Jeff Koons oder Gerhard Richter Erfolge feiern, nicht so flexibel, dass sie sich der modernen abstrakten Kunst öffnen? Seit letztem Jahr bricht hier ja vieles zusammen, aber der Kunst tut es gut – es geht schließlich nicht nur um den Verkauf, sondern auch darum, einen Kunstdiskurs mitzugestalten. Auch hier gilt: Künstler, die schon immer mehr nachgedacht haben, kommen jetzt in die besseren Positionen. Das ist schon wohltuend.
CK: Stichwort Verkauf: Sie wollen auch Foren und Symposien während der Biennale anbieten. Eines ist zur Rolle des Marktes geplant, wie soll das aussehen?
MW: Streng genommen können wir aus dem Westen diesen Diskurs gar nicht mitgehen, denn wir wissen ja, Kunst ist nur das, was auch im Markt vorkommt. Auf der anderen Seite sollte man sich aber auch nicht über die Kommerzialität hier aufregen oder darüber, dass man sehr häufig die Frage gestellt bekommt, „Can you explain to me, what ist the next trend?“ - denn eingekauft haben ja nicht die Chinesen, sondern wir.
CK: Wer kuratiert denn außer Ihnen und Zhou Qi noch?
MW: Es gibt das sehr interessante Frauenprojekt Transitional Aesthetics aus Südostasien, das in der Beijing Tokio Art Gallery stattfindet, kuratiert von der New Yorkerin Alexandra Loewenstein zusammen mit Jaishri Abichandani. Das Projekt kooperiert mit einem weiteren südostasiatischen Frauennetzwerk, das, glaube ich, aus 111 Mitgliedern besteht. Da geht es im besten Luhmannschen Sinne von Netzwerk zu Netzwerk zu Netzwerk. Weiterhin gibt es ein lateinamerikanisches Projekt aus Chile Turn on, Tune in, Drop out, kuratiert von dem Paar Nicoy & Kaitiushka. Raúl Zamundio zeigt mit The Man Who Fell to Earth Installations-, Video- und Medienkunst. Aus all diesen Projekten wird es wiederum die Entsendung einer Position geben – bei mir ist es die Arbeit von Sven Drühl - die Hungerbühler in neuer Form in der 706 Galerie aufbaut, diese Schau wird dann wiederum mit den chinesischen Positionen verkoppelt.
CK: Wie lange ist diese Biennale schon in Planung?
MW: Seit einem Jahr. In China fängt man ja oft erst zwei Monate vorher mit der Planung an. Ich denke, da können wir auch noch etwas dazulernen, denn wenn Prozesse so schnell laufen, wie in China, dann sind unsere Förderstrukturen in Deutschland zum Beispiel viel zu langsam, die sind global nicht konkurrenzfähig! Aber auch die Chinesen können von uns etwas über Planung lernen, das Goethe-Institut macht da ja gerade eine Ausbildungsförderung im Bereich Kulturmanagement.
CK: Was wäre für Sie ein Erfolg?
MW: Ich hoffe, dass alle beteiligten Deutschen, also jede Art von Netzwerk, das Goethe-Institut, die eingebundenen Firmen, die deutsche Botschaft über die Biennale sprechen und die Idee dieser Biennale weiterverbreiten. Und schön wäre es, wenn es atmosphärisch gut wird - viele Leute aus verschiedensten Ländern kommen hier das erste Mal zusammen, um für das Projekt zu arbeiten – und das alleine ist schon großartig. Und dann bin ich natürlich gespannt auf die Reaktionen der Chinesen, schließlich stellt sich immer wieder die Frage, was überhaupt von unserem westzentriertem Diskurs übersetzbar und verstehbar bleibt!
Interview/Text: Claudia Kort
Journalistin, Peking
August 2009
Journalistin, Peking
August 2009










