Bildende Kunst/Design

Yuan Yunsheng: „Chinesische Kunst ist wie halb gegarter Reis“

Yuan Yunsheng, Foto: Bettina Reinisch
Yuan Yunsheng, Foto: Bettina Reinisch
Yuan Yunsheng, Foto: Bettina Reinisch

Yuan Yunsheng (袁运生) kam 1937 in der Provinz Jiangsu zur Welt. 1962 machte er seinen Abschluss an der Pekinger Central Academy of Fine Art (CAFA). Für den Internationalen Flughafen in Peking gestaltete er 1979 das großformatige Wandgemälde Das Wasserfest der Dai-Minderheit - Ode an das Leben, welches einen Eklat verursachte, da es drei Dai-Frauen beim Baden zeigte. Zwischen 1982 und 1996 lebte Yuan Yunsheng als Gastwissenschaftler und freischaffender Künstler in den USA. 1996 kehrte er für einen Lehrauftrag an der Fakultät für Ölmalerei der CAFA nach Peking zurück. Gegenwärtig ist er mit einem Projekt zur „Bestandsaufnahme und Rekonstruktion klassischer chinesischer Skulpturen“ betraut. Ziel dieses Projektes ist es, alte chinesische Statuen und Reliefs zu bewahren und den Zeichenunterricht in China zu reformieren, um den chinesischen Studenten die Kunst und Kultur Chinas besser und direkter zu vermitteln. Im November 2008 sprach Yuan Yunsheng mit der Medienstudentin Xu Tianlin über die Ausbildung an chinesischen Kunstakademien und die mangelnde Vermittlung chinesischer Traditionen.

Wie hat sich die Atmosphäre an den chinesischen Kunstakademien heute im Vergleich zu Ihrer Studienzeit verändert?

YYS: Heute ist alles sehr offen. Allerdings hat diese Offenheit kein Fundament, so hat der „ökonomische Wert“ der Kunst ein ziemlich großes Gewicht bekommen, etwa das Verkaufen der Bilder. Außerdem muss man nach der „Mode“ gehen, die Kunst vermischt sich mit der Mode, was angesichts des derzeitigen Zeitgeists ein ganz natürliches Phänomen ist. Auch die Leute, die nach der Bewegung des vierten Mai zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts den Einfluss westlicher Kunst in China propagierten, hatten wenig Ahnung von der chinesischen Gesellschaft, vor allem hatten sie keine klare Vorstellung von der chinesischen Kunst. Sie nahmen nur wahr, dass die Sachen aus dem Westen sehr realistisch und naturgetreu dargestellt waren und wollten diese Ansätze direkt in der reformierten Ausbildung der Akademien umgesetzt sehen, man griff einfach auf westliche Skulpturen als Unterrichtsmaterial zurück. Sie waren die Jugend jener Zeit, diese Pioniere waren damals erst um die dreißig, aber was sie gemacht haben, beeinflusste über ein ganzes Jahrhundert die Entwicklung der chinesischen Kunst. Dabei wehte schon wieder ein anderer geistiger Wind, als Hu Shi, einer der führenden Köpfe der Vierten-Mai-Bewegung, 1947 erneut die Geschicke der Peking-Universität in die Hand nahm. Er trat für eine Restauration des chinesischen Hochschulsystems ein, aber schon bald wurde China "befreit" und er hatte keine Handhabe mehr. Als er keine Möglichkeit mehr sah, dieses Konzept umzusetzen, kehrte er dem chinesischen Festland den Rücken und ging nach Taiwan. Unter dem Eindruck der Revolution waren auch für den Nachfolger keine klaren gedanklichen Schlüsse mehr möglich, ganz zu schweigen von der künstlerischen Ausbildung. Es ist so, als habe die chinesische Kunst die letzten hundert Jahre damit verbracht, immer wieder den "halb gegarten Reis" der Vergangenheit aufzuwärmen.

Als Sie 1979 das Wandgemälde Das Wasserfest der Dai-Minderheit - Ode an das Leben für das Flughafengebäude vollendeten, waren Sie selbst noch jung. Haben sich Ihre damaligen Vorstellungen und Ansichten über Kunst inzwischen nicht auch etwas verändert?

YYS: Mit Sicherheit hat sich da was verändert. In den Jahren 1978 und 1979 dachte ich aber auch nicht so wie die jungen Leute heute. Meinem Lehrer Dong Xiwen (董希文) waren die chinesische Kunst sowie eine chinesische Prägung der modernen Kunst sehr wichtig, beispielsweise eine chinesische Form der Ölmalerei. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran und hat viel Wertvolles geschaffen. Später aber ging diese Basis verloren, das hatte vor allem mit dem damaligen Einfluss der Sowjetunion zu tun. Das gesamte System der Sowjetunion war wiederum ein Teil des westlichen Systems. Nach der Gründung der Volksrepublik wurde China im Namen der Revolution nach sowjetischen Werten umgestaltet. Die großen Umgestaltungen Chinas waren sehr stark von Willkür bestimmt. Über viele Jahre fehlte es an einer generellen Reflexion unserer Kultur sowie an einem deutlichen kulturellen Bewusstsein. Nach 1949 wurde alles vom Standpunkt der "Revolution" aus betrachtet, kulturelle Fragen machten dabei keine Ausnahme. „Geming“ (革命), die beiden Schriftzeichen für die Revolution, standen für alles. So war es nicht möglich, derartige Probleme zu überdenken. Und was das Bildungssystem anbelangte, so war hier ein "chinesisches" Bewusstsein erst recht ohne Einfluss, es war nicht greifbar.

Konnten Sie nach Ihrer Rückkehr aus dem Ausland bei den Chinesen eine Tendenz zur Verherrlichung des Westens feststellen?

YYS: Das ist ein Problem, dass sich bei einigen wohl nicht vermeiden lässt. Wie Sie wissen, haben sich durch die Reform- und Öffnungspolitik für China in wirtschaftlicher Hinsicht diverse gewinnversprechende Möglichkeiten eröffnet. Viele Künstler greifen aus diesem Grund zu allen denkbaren Mitteln: Zunächst ist da der Wunsch, die eigenen Werke zu verkaufen und in Bares zu verwandeln. Daneben hofft man, sich im Ausland einen gewissen Namen zu machen. Solche Leute machen sich die Anbetung des Westens zur Methode.

Sie haben Ihren Schwerpunkt jetzt also auf die Bewahrung der traditionellen chinesischen Kultur und auf die Verknüpfung dieser Traditionen mit dem gegenwärtigen Kunststudium gelegt?

YYS: Ich hatte schon immer das Gefühl, dass die gesamte Kunsterziehung in der Vergangenheit von unserer traditionellen Kultur und insbesondere von der Zivilisation des alten China in künstlerischer Hinsicht ein zu beschränktes Wissen hat. Das macht es auch so schwierig, ein Konzept moderner chinesischer Kunst zu entwickeln. Dass so viele Leute zum Westen aufblicken, liegt daran, dass sie überwiegend westliche Kataloge zu Gesicht bekommen und zu wenig Gelegenheit haben, eigene Feldforschungen zu betreiben – und es ist auch wenig Interesse dafür da. Wenn man aber das eigene Land nicht selbst bereist hat, kommt auch kein Interesse au. Seitdem ich wieder in China bin, nehme ich mir beinahe jedes Jahr eine Provinz vor, ich denke, ich habe eigentlich schon alle wichtigen Provinzen abgeklappert. Diese Feldstudien der alten chinesischen Kunst sind sehr wichtig, andernfalls kann man kaum behaupten, die Vergangenheit Chinas zu kennen. In jeder Provinz besuche ich zwanzig bis dreißig Orte, schaue mich überall um, mache viele Aufnahmen und registriere die Unterschiede der verschiedenen Epochen. Ich nehme immer einige Studenten mit. Anfangs verstehen sie nicht, was sie an diesen Orten sollen, ich sage ihnen dann, auch wenn ihr es jetzt nicht einseht, werdet ihr in ein paar Jahren vielleicht eine andere Meinung haben. Nur wenn man wirklich vor Ort war und über einige Zeit Studien betrieben hat, geht einem auf, welchen Schatz an Ressourcen die Kunst und Zivilisation des alten China in sich birgt. Im Nachhinein waren eigentlich alle sehr dankbar, dass ich sie an diese Orte mitgenommen habe. Wer mit der westlichen Kunst groß wird und sie zum Kanon erhebt, wird niemals ein Bewusstsein für die eigene Kultur entfalten und automatisch eine solche Einstellung entwickeln. Ein Mensch wird nicht unbedingt aus eigenem Antrieb auf diesen Weg gelangen, aber die Prägung ist schon vorhanden. Sie sind sich alle nicht bewusst, wie riesig China ist, wie lang seine Geschichte und wie überragend seine kulturellen Errungenschaften. Die heutige Kunstpädagogik steckt dagegen noch im neunzehnten Jahrhundert der westlichen Welt fest, dass man so durch ein Jahrhundert gegangen ist, ist wirklich eine Absurdität. Wir können den Studenten überhaupt keinen Vorwurf machen, dies ist das Resultat des Lehrsystems.

Denken Sie die heutige Generation, die westlich denkt und kaum mehr ein Gespür für die traditionelle Kultur hat, lässt sich noch ändern?

YYS: Das braucht Zeit. Zunächst haben wir ihnen ja gar keine Gelegenheit gegeben und sie werden sich auch kaum aus eigenem Antrieb auf die Suche begeben, dementsprechend ist das Resultat. Das Lehrsystem muss verändert werden, angefangen bei den Lehrinhalten der Grundlagenkurse, alle Ansätze müssen neu überdacht werden. Das ist ein sehr komplexer Prozess.

Wie beurteilen Sie die derzeit so gehypte „Kunst der Avantgarde“?

YYS: Ich weiß überhaupt nicht, was diese chinesische „Kunst der Avantgarde“ sein soll. Ich kann mich mit dem Begriff der so genannten „Avantgarde-Kunst“ nichts anfangen. Zunächst geht diese Bezeichnung der „xianfeng yishu“ (先锋艺术), der „Avantgarde-Kunst“, wahrscheinlich auf eine Übersetzung zurück, die Begrifflichkeit ist unscharf. Meiner Ansicht nach sind die gegenwärtigen Kunstströmungen im Westen auch nicht ganz ideal. Das mag mit ihren eigenen geistigen Werten zusammenhängen, dort betont man zu sehr „Progression“ und „Fortschritt“. Was die Kunst anbelangt, ist das Bewusstsein für das „Innovative“ zu ausgeprägt, es rangiert ganz oben. Abgesehen von den Parolen, die die so bezeichneten „Avantgardisten“ laut von sich geben, bin ich der Überzeugung, dass die meisten Künstler im Westen ganz bodenständig das machen, was ihnen gefällt und keineswegs alle sich von diesem Strom mitreißen lassen. Sie haben mit diesen modischen Schlagworten nichts zu tun. Die „Avantgardisten“ mit ihren lauten Parolen schwimmen ganz auf der Oberfläche, aber der Großteil der Künstler folgt den eigenen Vorlieben und widmet sich in aller Seelenruhe der eigenen Kunst. Sie werden von jenen kaum berührt, es tangiert sie nicht.

Soll man also nicht innovativ arbeiten?

YYS: Das Innovative ist an sich kein Problem, es kommt darauf an, wie man zu der Innovation kommt. Es ließen sich da natürlich alle möglichen Normen anlegen. In meinen Augen ist es das Ziel jeder Kunst, etwas zum Ausdruck zu bringen. Deshalb braucht es den kreativen Prozess, das ist alles. Es ist natürlich, dass sich die Vorstellungen ändern. Das ist ein Bedürfnis, aber nicht das Ziel.

Wie schätzen Sie den Einfluss der chinesischen Kunst im Westen ein?

YYS: Hier steht man noch ganz am Anfang. Generell beeinflusst der Westen gerne die anderen. Man ist da sehr selbstbewusst. Wenn China im Westen gelegentlich Spuren hinterlassen hat, dann waren das Einzelfälle, aber es hat sich keine generelle Strömung etabliert.

Yuan Yunsheng, ich danke Ihnen für das Gespräch!
Text/Interview: Xu Tianlin
Praktikantin beim Goethe-Institut Peking
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Dezember 2008
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