Bildende Kunst/Design

Von Trommeln und Schamanen: Fundstücke eines deutschen Tonkünstlers in Qinghai

Werke von Marc Behrens auf der Guangzhou Triennale © Marc Behrens
Werke von Marc Behrens auf der Guangzhou Triennale © Marc Behrens
Werke von Marc Behrens auf der Guangzhou Triennale

Marc Behrens, geboren 1970 in Darmstadt, lebt und arbeitet seit 1991 in Frankfurt am Main. Er war einer von zwei deutschen Künstlern, die für das Projekt Now in Coming des Goethe-Instituts in Qinghai unterwegs waren. Ziel der Reise: ein oder mehrere Kunstwerke für die Guangzhou Triennale zu schaffen. Zheng Hong, Redakteurin des deutsch-chinesischen Kulturnetzes, hat ihn zu seinen Erfahrungen in China befragt.

ZH: Wie kamen Sie dazu, an dem Projekt Now in Coming teilzunehmen?

MB: Ich wurde vom Goethe-Institut eingeladen. Ich hatte mich vor ein paar Jahren für das Projekt Beijing Case beworben und wurde nicht angenommen. Scheinbar hat mich jemand aufgrund dieser Bewerbung für das Qinghai-Projekt empfohlen.

ZH: Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie erfuhren, dass Sie nach Qinghai fahren würden?

MB: Mein erster Gedanke war: Super, ich fahre da hin in eine Gegend, wo bisher wenige Leute aus dem Westen hingekommen sind oder in nächster Zeit hinkommen werden. Wobei ich gleichzeitig auch dachte, dass es bestimmt nicht einfach werden würde; ich habe sogar Wasseraufbereitungstabletten in Deutschland gekauft, falls ich irgendwo hängen bleiben würde und nur Flusswasser zum Trinken hätte.

ZH: Wie haben Sie Ihre Reiseziele, wie z.B. Yushu und Tongren, ausgesucht?

MB: Ich habe einerseits im Internet recherchiert und andererseits verschiedene Reiseführer gelesen. Über Qinghai steht immer sehr wenig in Reiseführern, weil dort eben nur wenige Ausländer hinreisen. Ich habe gelesen, dass es in Yushu ein Pferdefestival und in Tongren ein Schamanenfestival gibt. Beide Festivals fanden zu der Zeit statt, in der ich gereist bin. Und Tongren ist für die tibetische Kunst ein sehr wichtiger Ort. Es gibt dort zwei Klöster und eine tibetische Schule für die Malerei von Thangkas. Und so ein Schamanenfestival habe ich noch nie gesehen. Ich war sehr daran interessiert, weil ich wusste, dass es möglicherweise mit Body-Piercing zu tun hat, und das wäre bestimmt eine intensive Erfahrung. 

Marc Behrens, Foto: ZH
Marc Behrens

ZH: Haben Sie vorher schon was über Qinghai gewusst?

MB: Nein, über Tibet ein bisschen, aber nicht über Qinghai.

ZH: Und über China?

MB: Ja, sicher. In Deutschland sind die Medien voll von Berichten über China, (lacht) viele Berichte davon haben so einen paranoiden Unterton. Weil man in Europa Angst vor China hat. Europa hat über viele Jahrhunderte einen Großteil der Welt bestimmt bzw. die Geschichte und Wirtschaft der ganzen Welt kontrolliert. Europa hat sozusagen im 20. Jahrhundert einen bestimmten Stand der Stabilität erreicht, der zwar durch den Fall des so genannten Eisernen Vorhangs ein bisschen ins Wanken gekommen ist, aber bis auf einige Regionen im Balkan zum Beispiel insgesamt trotzdem relativ stabil ist. Aber China hat eine so große Kraft, dass die Europäer eben fürchten, in der Zukunft marginalisiert zu werden, also für das globale Geschehen ganz einfach unwichtig zu werden. Wobei ich persönlich denke, man kann weiterhin am globalen Geschehen teilnehmen, man muss halt bestimmte Dinge in Europa möglicherweise auch mal verändern. Allerdings herrscht in Europa die Meinung vor, dass man einen Status erreicht hat, den man eigentlich nur in Details noch verbessern kann, aber der eigentlich schon so eine Art Idealstatus ist. Auch wenn es natürlich immer viele kleine Probleme gibt, denkt man doch, dass die Staatsform und die Wirtschaftsform eigentlich so sind, wie sie sein sollten. Und wenn nun von außen eine Konkurrenz heranwächst, dann kann man sich eigentlich nicht ausruhen, sondern man muss halt auch irgendwas tun. Also man muss eigentlich zusammenarbeiten, das ist ganz klar.

ZH: Können Sie unseren Lesern Ihre Werke auf der Guangzhou Triennale kurz vorstellen?

MB: Qinghai befindet sich mitten in einer Entwicklungsphase. Ich habe den Eindruck, trotz Handy und Internet ist es dort wie vielleicht vor 30 Jahren in China. Es ist ein riesiger Kontrast zu Beijing und auch zu anderen Städten. Und es gibt diese verschiedenen Minderheiten. Die Tibeter, die Hui und die Tu, moslemische Volksgruppen. Ich glaube, das Projekt hatte das Ziel, einen Fokus auf so eine Provinz zu richten, die sich gerade im Übergang befindet. Letztendlich ging es darum, sich von dieser Komplexität irgendwie inspirieren zu lassen, um dann Kunstwerke zu schaffen. Ich habe in neun Tagen 770 Fotos gemacht. Einige davon habe ich natürlich wieder weggeschmissen, aber es sind noch 600 übrig. Sechs Stück davon sind in der Ausstellung - das ist ein Hundertstel.

Es gab verschiedene Punkte, die ich interessant fand. Einerseits dieses Ritual mit den Schamanen und den Tänzern, was ich ja letztendlich auch in den Fotos zeige, wenn auch dadurch verfremdet, dass ich mehrere Fotos von verschiedenen Personen, die im gleichen Zustand sind, überlagere, sodass sich die Zeit und die Individualität des Menschen auflöst. Während dieses Rituals wurde drei Stunden lang getrommelt, d.h. Trommeln waren die ganze Zeit sehr präsent. Ich habe dann auch in Tempeln teilweise Trommeln gehört und mir in Tongren solche Becken aus Bronze und Glocken gekauft. Die kommen teilweise sogar in meinem anderen Werk, in der Klanginstallation vor. 

Klanginstallation auf der Guangzhou Triennale © Marc Behrens
Klanginstallation auf der Guangzhou Triennale

Diese Klanginstallation ist letztendlich dadurch entstanden, dass ich in Qinghai die ganze Zeit über Trommeln und perkussive Klänge gehört und sehr viele Klänge aufgenommen habe. Nur zwei dieser Klänge tauchen in der Klanginstallation auf. In Qinghai bin ich durch eine Gegend mit relativ steilen Tälern gefahren, wo rechts und links ständig Steine herunterfielen. Ich habe schon mal was gemacht mit Steinen, 2007 in Norwegen, auch inspiriert durch so eine gebirgige Gegend. Diesmal habe ich den Steinschlag simuliert, indem ich selbst Steine aufeinandergeschlagen habe und diese Geräusche tauchen in der Klanginstallation auf. Außerdem gibt es relativ große Trommeln, die ich selbst gebaut habe, über diesen Trommeln hängen Lautsprecher. Aus den Lautsprechern hört man u.a. diese Steinschläge. Die lauten Steinschläge bringen durch die Schwingung des Lautsprechers die Membran der Trommel zum Schwingen. Man hört also die Trommel, als ob sie angeschlagen würde, sie wird aber nicht mechanisch angeschlagen, sondern nur durch den Druck des Klanges aus den Lautsprechern. Das bezieht sich einerseits auf die Landschaft in Qinghai, andererseits auf die Frage, wie der Mensch sozusagen Musik generiert. Ich stelle mir vor, dass bestimmte Geräusche, wie z.B. fallende Steine, Menschen irgendwann dazu gebracht haben, mit etwas zu schlagen. So entstanden irgendwann dann Trommeln. Ich habe das wieder zusammengebracht. Zusätzlich dazu gibt es noch eine weitere Bedeutung, die mitschwingt und wahrscheinlich nicht für jeden einsehbar ist. Es gibt eine Tötungsmethode, Steinigung, bei der man Steine auf den Verurteilten wirft und ihn dadurch langsam und sehr qualvoll tötet. Das ist auch so irgendwo im Hinterkopf durch diese Schläge.

ZH: Wie hat Ihr Chinabild sich geändert durch die Reise?

MB: Ich würde sagen, dass es sich nicht geändert hat, sondern sich überhaupt erst geformt hat. Ich bin jemand, der sich sein Bild nicht aufgrund von Medienberichten macht, sondern ich muss selbst erleben. Mir ist aufgefallen, dass in Qinghai vieles sehr schmutzig, sehr grob ist. Es ist für mich teilweise unerträglich laut. Wobei es sehr schade ist, dass ich in Qinghai ohne Übersetzer unterwegs war. Deswegen habe ich große Schwierigkeiten gehabt, mit den Leuten dort zu kommunizieren. Aber was mir speziell auffiel, ist – wenn ich rein europäische Maßstäbe benutzen würde – dass mir die Leute extrem rücksichtslos erschienen; das stimmt aber nicht. Die Leute sind einfach anders.

Den Straßenverkehr in China finde ich z.B. furchtbar, es wirkt so, als ob jeder das macht, was er will und nur seine eigene Person sieht. Was interessanterweise dem stereotypen Bild, was in Europa über Chinesen existiert, dass die Chinesen sich nur auf die Gemeinschaft beziehen und so weiter, widerspricht. Das gibt es natürlich auch, aber es ist nicht so, dass die Menschen keine Individuen wären. Aber ich habe das Gefühl, gerade im Straßenverkehr sind die Leute extrem Ich-bezogen. Ansonsten habe ich oft erlebt, dass die Leute extrem unaufmerksam sind, dass sie so vor sich hinträumen, einfach laufen und so in ihrem eigenen Ding sind, dass sie erst, wenn man sie so richtig laut anspricht oder der Autofahrer dreimal hupt, überhaupt reagieren.

In den letzten zehn Jahren hat sich in China sehr viel verändert und es sind sehr viele Verbesserungen geschaffen worden. Ich meine, das spricht ja eigentlich für eine Regierung, wenn sie das schafft. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Probleme und noch einiges zu tun. Manche Freunde von mir in Deutschland haben gesagt: ‚Ich würde nie nach China fahren, das boykottiere ich.’ Das ist natürlich problematisch. Ich habe auch mal im Bezug auf die USA etwas Ähnliches gesagt. Das Problem ist aber, man tut damit den Menschen in dem Land unrecht, die ja Gutes wollen und die an mir und dem, was ich bringen kann, interessiert sind. Ich komme ja von außen und habe eine andere Kultur. Diejenigen, die daran interessiert sind, würde man vernachlässigen, indem man sagt, ich komme nicht. Deswegen bin ich hier, weil ich Austausch will. Das ist mein Interesse. Und es gibt auch genug Leute hier, die das interessiert.

ZH: Werden Sie sich weiter mit China beschäftigen?

MB: Ja. Ich werde auf jeden Fall noch mehrere Musikstücke machen. Ich habe 2006 in Taiwan Tonaufnahmen gemacht. Das Musikstück, das ich daraus mache, wird auf CD erscheinen. Jetzt habe ich außerdem in Qinghai und Guangzhou, Hongkong und Beijing auch Aufnahmen gemacht. Ich werde daraus wahrscheinlich eine Art komplementäres Stück zu diesem Taiwan-Stück machen. Und ich denke, ich werde irgendwann noch mal nach China kommen und vielleicht noch irgendeine weitere Installation realisieren.

ZH: Halten Sie es für sinnvoll, oder vorstellbar, dass chinesische Künstler auf die schwäbische Alb oder auf eine deutsche Hallig eingeladen werden?

MB: (lacht) Auf eine deutsche Hallig, das fände ich toll. Aber ich glaube man muss den Leuten einen Dolmetscher geben. Oder Mecklenburg-Vorpommern. Mecklenburg-Vorpommern ist eine zum Teil unterentwickelte Region. Also das ist eines der ärmsten Bundesländer, neben Brandenburg. Das sind ja so unsere Problemzonen, wo auch gerade z.B. sehr viele Faschisten leben. Gerade das wäre sehr interessant für chinesische Künstler, glaube ich.
Interview/Text: Zheng Hong
Redakteurin des deutsch-chinesischen Kulturnetzes
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Oktober 2008
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