Dreams of Art Spaces Collected auf der Guangzhou Triennale


Dreams of Art Spaces Collected: Erster Workshop in Berlin 2007,
Foto: Christine Heemsoth/Andreas Schmid
Foto: Christine Heemsoth/Andreas Schmid
ML: Herr Schmid, worum geht es bei dem Projekt Dreams of Art Spaces Collected?
AS: Dreams of Art Spaces Collected ist ein künstlerisches Rechercheprojekt der KünstlerInnen Dorothee Albrecht, Alf Löhr und Moira Zoitl und mir für die Internationale Gesellschaft der Bildenden Künste (IGBK) in Berlin. Es geht darum, Künstler, Kuratoren und Theoretiker, die mit Non-profit-Spaces oder Non-Profit-Projekten befasst sind oder auch individuell alternative Wege gehen, zu ihren Erfahrungen in der Praxis und ihren (Ideal-)Vorstellungen vom Produzieren und Ausstellen zu befragen. Aus unserem eigenen Erfahrungshorizont leiten sich die unterschiedlichen kulturellen Kontexte – wie z.B. süd -und mitteleuropäischen, chinesischen und australischen – her. Wir verstehen das Projekt als offenes, Projekt, das immer wieder Erweiterungen und Veränderungen erfahren wird. Außerdem sollen die Interviewten miteinander selbst vernetzt werden.
Die Recherchen basieren auf Interviews mit Künstlern, Kuratoren und Leitern, die über die Orte, in denen sie arbeiten, leben und ausstellen, aber auch über Idealräume sprechen. Im Blickpunkt stehen nicht in erster Linie Museen, sondern „Art Spaces“, „Project Spaces“ und künstlerische Initiativen. Die Ergebnisse werden der allgemeinen Öffentlichkeit in Form von Interviews auf DVD mit Folder sowie im Internet zugänglich gemacht.
Die Recherche für die Region China, für die ich verantwortlich bin, begann im März 2007 mit der Befragung von Künstlern und Kuratoren in Nanjing und Peking durch chinesische Partner. Anschließend fand im Herbst 2007 eine zweiwöchige Ausstellung während der Asien-Pazifikwochen in Berlin statt, in der die verschiedenen Interviews, sowie Bild- und Printmaterialien zum Thema gezeigt wurden. Krönender Abschluss war ein eintägiger, sehr gut besuchter Workshop. Dabei haben Künstler und Kuratoren aus unseren Projekten u.a. aus Istanbul, Graz, Lubljana, Peking, Leipzig und Frankfurt Projekte und Gedanken vorgestellt und es kam zu einem intensiven Austausch. Im April 2008 habe ich mit Dorothee Albrecht zusammen weitere Interviews in Hongkong, Shenzhen, Guangzhou, Shanghai und Yunnan geführt.
Bis Ende August 2008 werden insgesamt 44 Interviewvideos entstanden sein, darunter 13 aus dem Raum „Greater China“. Alle Interviews werden unter dem Titel Dreams of Art Spaces Collected bei der Triennale in Guangzhou im September im von Dorothee Albrecht kuratierten Tea Pavilion präsentiert.
ML: Wie wurden die Interviews durchgeführt?
AS: Die Interviews basieren auf Fragen, die vorher inhaltlich festgelegt und gegliedert wurden. Li Xiaoshan (李小山), der Leiter der Square Gallery of Contemporary Art in Nanjing, hat für uns Künstler aus seiner Umgebung interviewt. In Peking haben Zhu Qingsheng (朱青生), Professor für Kunstgeschichte an der Pekinger Universität und Teng Yuning (滕宇宁) vom Chinese Contemporary Art Archive die Interviews durchgeführt. Die Interviewvideos wurden von uns auf eine Länge von höchstens 15 Minuten geschnitten und mit englischen Untertiteln versehen, wenn sie nicht schon in englischer Sprache gegeben wurden.
ML: … und wie haben Sie die Interviewpartner in China ausgesucht?
Manche der Befragten kannten wir bereits, wie z.B. den Künstler Qiu Zhijie (秋志杰) aus Hangzhou. Er hat auch kuratiert und weiß sehr viel über Alternativräume und ihre Historie, entwickelt aber auch selbst neue Ideen für die Zukunft. Von anderen erfahren wir durch Mittelsleute. Mir war es ein Anliegen, auch Künstler aufzunehmen, die nicht nur im Atelier arbeiten. Wie Shu Yong (舒勇), der sich sehr für freie Räume als Alternativräume interessiert. Er macht bevorzugt Performances auf öffentlichen Plätzen oder auch schon mal in Managerbüros.
Gao Bo (高波) und Guan Ce (管策) aus Nanjing sind zwar Maler, beschreiben aber anschaulich die Ausstellungsbedingungen außerhalb der großen Zentren, die gar nicht erfreulich sind. Oder der Amerikaner Jay Brown, den ich hier in Berlin bei einer Präsentation seines Projektes Lijiang Studio kennen gelernt habe. Er probiert in Lijiang in Yunnan mit seinem Artist-in-Residence-Programm auf dem Lande etwas ganz Neues. Bei ihm hinterfragen und reflektieren die Gastkünstler ihre gewohnte Rolle. Es kommt zu ganz neuen Interaktionen der Künstler untereinander, es wird weitab von jeder Kommerzialisierung experimentiert und viel mit der Bevölkerung zusammenarbeitet.
Aus Hongkong dabei sind der 1A Space, das Para/Site Art Center, Videotage und das Asian Art Archive und das Hongkong Art Centre sowie eine Einzelperson, Johnson Chang (张颂仁), der zwar eine eindeutig kommerzielle Galerie hat, aber eben auch als innovativer Kurator und Pädagoge tätig ist.
Von den Themen her ist das Projekt sehr umfangreich. Wenn es nur um Alternativräume ginge, die von Künstlern gegründet sind, gäbe es in China und Australien nur sehr wenig, anders als in Mitteleuropa. Manche Non-Profit-Spaces existierten zu Anfang des Jahrtausends in Peking, sind jetzt aber verschwunden. Es gibt sehr unterschiedliche Ansätze und Richtungen, die wir anfangen zu dokumentieren um sie später zu ergänzen und zu erweitern.
Ein sehr interessantes Interview haben wir z.B. auch mit Huang Zhuan (黄专), dem Leiter des Overseas Chinese Art Terminal (OCAT) in Shenzhen geführt. Dieser erklärt, wie das OCAT innerhalb der chinesischen Verwaltung angesiedelt ist. Er hat es geschafft, innerhalb der chinesischen Administration eine Nische zu finden, wo er experimentale Kunst machen kann. Das ist von der Struktur her interessant.
ML: Wie oder von wem ist das Projekt finanziert?
AS: "Das Projekt einschließlich der Dokumentation wird durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) gefördert und die Präsentation in Guangzhou wird durch das Institut für Auslandsbeziehungen (IFA) unterstützt. Viele Arbeiten müssen seitens der Projektverantwortlichen aber einfach auch unentgeltlich gemacht werden. Es ist eine typische Low-Budget-Produktion."
ML: Was hat sich bei dem Projekt als China-typisch herausgestellt?
AS: In China ist gerade unheimlich viel in Bewegung. Was sich herauskristallisiert, ist, dass sich Orte und Projekte entwickeln, die eine Alternative zu den Galerien stellen. Das sind keine theoretisch ausgerichteten Räume wie oft in Europa, wo sich viele Künstler mit Theorie und Sozialgeschichte befassen. Das liegt den Chinesen so gar nicht. Sie sind eher praktisch ausgerichtet, wie z.B. das Long March-Projekt zeigt. Oder zum Beispiel Vitamin Creative Space (in Guangzhou), die machen neben ihrer kommerziellen Galerie – ohne die sie nicht existieren könnten, da es keine staatlichen Förderungen gibt – unterschiedliche experimentelle Projekte oder auch inhaltlich wie ästhetisch faszinierende Publikationen. Die werden zwar noch kaum gekauft, sind aber hochinteressant. Manche Projekte flotieren frei, brauchen gar keinen festen Raum mehr wie die von Ou Ning (欧宁).
Die Interviews zeigen auch regionale Unterschiede. Während die Ausstellungsbedingungen in Peking und Shanghai ziemlich professionell sind, arbeiten die Künstler aus Nanjing z.B. noch unter ganz anderen und wesentlich schlechteren Bedingungen. Laut den Malern Gao Bo und Guan Ce hat der Kurator hier eine unglaublich große Macht, es passiert, dass Kuratoren irgendwie die Bilder zusammensuchen und ohne irgendeinen Zusammenhang nebeneinander ausstellen. Außerhalb der Großstädte hat die chinesische Gegenwartskunst noch keinen Platz.

Andreas Schmid, Foto: Lao Du
ML: Gibt es Unterschiede in der Realisierung alternativer Kunstprojekte in Hongkong und in Festland China?
AS: Ja. In Hongkong hat die Kunst es viel schwerer. Hongkong ist derart dominiert von Kapital, Kommerz und Marken, der Lebensstil ist einfach auf etwas ganz anderem aufgebaut. Die Künstler haben zwei bis drei Jobs. Hinzu kommt noch das Platzproblem im flächenmäßig kleinen Hongkong. Trotzdem bemüht sich z.B. das Hongkong Arts Centre, Kunst in Schulen und an öffentliche Plätze zu bringen. Außerdem gibt es in Hongkong eine starke Diskussionsbewegung. Dazu macht das Asian Art Archive viele hochinteressante Veranstaltungen. Das Asian Art Archive ist das einzige Archiv, das Gegenwartskunst aus ganz Asien dokumentiert. Außerdem beschäftigt es sich professionell mit der Aufarbeitung der Kunst in China seit den 1980er Jahren. Es ist typisch für chinesische Museen, dass es überhaupt keine Bibliotheken und keine Archive gibt. Es wird überhaupt nichts aufbewahrt, es fehlt das Gedächtnis. Auf diesem Gebiet setzt sich Hongkong sehr stark ein.
ML: Wird Dreams of Art Spaces Collected nach der Triennale in Guangzhou beendet?
AS: Nein, das Projekt soll weiter geführt und erweitert werden. Ab September 2008 wird das Projekt in die Webseite der IGBK integriert werden. Außerdem möchten wir die Vernetzung der Künstler in Form eines Blogs im Internet weiter fördern. Daneben haben wir aber auch eine Broschüre mit kurzen Beschreibungen zu jeder Einrichtung und zu jedem Interview zusammengestellt.
Auf der Veranstaltung Kunst Werte Gesellschaft, einer Konferenz zur aktuellen Bedeutung von Non-Profit-Kunstinstitutionen, veranstaltet von der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine und der Akademie der Künste in Berlin lief unser Projekt im Mai 2008 mit Erfolg. In der Schweiz und in Schweden wurde das Projekt in Teilen auch schon vorgestellt, im Januar 2009 stellen wir es in Madrid vor.
ML: Andreas Schmid, vielen Dank für das Gespräch! DVD-Kollektion zum IGBK-Projekt ’Dreams of Art Spaces Collected’ erscheint im Februar 2009
Dezember 2008:
Nach der soeben zu Ende gegangenen erfolgreichen Präsentation des IGBK-Rechercheprojekts ’Dreams of Art Spaces Collected’ auf der dritten Guangzhou Triennale in Südchina ist die DVD-Kollektion zum Projekt ab Februar 2009 erhältlich. Die Sammlung (insgesamt 7 DVDs) beinhaltet über 50 Videointerviews mit Künstlerinnen und Künstlern und Kuratorinnen und Kuratoren aus China, Europa und Australien zu Präsentationsformen aktueller Kunst. Die Kollektion erscheint zusammen mit einem 36-seitigen Begleitbooklet und kann bei der IGBK zum Preis von € 50,- bestellt werden.
Email: art@igbk.de
Nach der soeben zu Ende gegangenen erfolgreichen Präsentation des IGBK-Rechercheprojekts ’Dreams of Art Spaces Collected’ auf der dritten Guangzhou Triennale in Südchina ist die DVD-Kollektion zum Projekt ab Februar 2009 erhältlich. Die Sammlung (insgesamt 7 DVDs) beinhaltet über 50 Videointerviews mit Künstlerinnen und Künstlern und Kuratorinnen und Kuratoren aus China, Europa und Australien zu Präsentationsformen aktueller Kunst. Die Kollektion erscheint zusammen mit einem 36-seitigen Begleitbooklet und kann bei der IGBK zum Preis von € 50,- bestellt werden.
Email: art@igbk.de
Interview/Text: Maja Linnemann
Chefredakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
August 2008
Chefredakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
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August 2008










