Bildende Kunst/Design

2008 zum 2. Mal: Kunstmesse ShContemporary in Shanghai

ShContemporary 2007 Shanghai Exhibition Centre © Messe ShContemporary
ShContemporary 2007 Shanghai Exhibition Centre © Messe ShContemporary
ShContemporary 2007 Shanghai Exhibition Centre © ShContemporary

Selten hatte eine Kunstmesse in China eine so positive Resonanz erhalten wie die Premiere der ShContemporary 2007. Messedirektor Lorenzo Rudolf (ehemaliger Leiter der Art Basel, der Frankfurter Buchmesse und Mitinitiator der Art Basel Miami Beach) und Pierre Huber (Genfer Galerist und Sammler) als künstlerischer Leiter hatten zusammen mit dem Shanghaier Künstler Zhou Tiehai (周铁海) ein überzeugendes Pendant zu den ansonsten in China staatlich organisierten Leistungsschauen der Gegenwartskunst erarbeitet. 2008 ist nun ein „Strategic Board" mit den „konzeptuellen Fragen" der Messeentwicklung betraut. Auf das Ergebnis der Teamarbeit von vier Galeristen und Kuratoren aus Shanghai (Lorenz Helbling, ShangArt), Peking (Leng Lin 冷林, Beijing Commune und Pi Li 皮力, Boers-Li Gallery und New York (Arthur Solway, James Cohan Gallery) sowie Elaine Ng (Redakteurin und Herausgeberin des Magazins Art Asia Pacific) darf man gespannt sein.

Messedirektor Lorenzo Rudolf © Messe ShContemporary
Messedirektor Lorenzo Rudolf
© Messe ShContemporary
„Best of Discovery“: China

Höhepunkt der Messe ist die Sonderschau Best of Discovery. 2007 stellte diese kuratierte Sektion 20 Künstler vor, 2008 sind es 30. Sie kommen aus China, Taiwan, Indien, Indonesien, Japan, Korea, Thailand, Zentral- und Westasien, dem Mittleren Osten, Australien und Neuseeland.

Die Auswahl von fünf chinesischen Künstlern, die laut Pressetext „unbekannt oder der breiten internationalen Kunstszene noch nicht bekannt sind", traf der in Peking lebende, unabhängige Kurator Huang Du (黄笃, Jahrgang 1965). Auffällig ist auf den ersten Blick, dass keiner der von Huang Auserwählten der jüngeren und nach der Kulturrevolution geborenen Künstlergeneration angehört.

Unter den fünf sind Zhu Jinshi (朱金石), Wang Lunyan (王鲁言) und Shi Yong (施勇). Zhu Jinshi (geb. 1954) lebt in Berlin und Peking und ist im Westen für seine raumgreifenden Installationen aus traditionellen chinesischen Materialien wie z. B. Reispapier bekannt. Wang Lunyan (geb. 1956) war wie Zhu Jinshi bereits bei einer der ersten großen Ausstellungen chinesischer Gegenwartskunst im Westen (China Avantgarde, Berlin 1993) dabei. Wangs kunsttheoretisches Interesse zeigte sich u.a. in einem Manifest über den Tastsinn (1988). Als Sinnbild für die Mechanismen des gesellschaftlichen Zusammenlebens schuf er imaginäre Maschinen und Uhren für die chinesische und globale Zeitrechnung, für Partygänger und militärische Zwecke. Selbstironisch bittet Shi Yong (geb. 1963) in New Image or Choose the best? Internetbesucher um Hilfe bei der Auswahl seiner Haarfrisur oder verkündet in einem manipulierten Foto: Sorry, there will be no documenta 2007.

Indem Huang Du seine Auswahl konsequent den Pionieren der chinesischen Kunstszene widmet, folgt er dem derzeitigen Trend zur Retrospektive. Um die Eigenart der jungen chinesischen Kunst zu ahnen, muss sich das internationale Publikum eben in den Kojen der ausstellenden Galerien umschauen.

Produktive Skepsis im deutsch-chinesischen Kunstdialog

Aus Deutschland sind 15 Galerien auf der Verkaufsschau präsent, darunter China-Experten wie Alexander Ochs (Berlin) und Lothar Albrecht (Frankfurt). Galerien wie Baukunst (Köln), die Galerie von Karsten Greve (Köln, St. Moritz, Paris) und Barbara Gross (München) haben einzelne chinesische Künstler in ihr internationales Programm aufgenommen. Für Thomas Schulte aus Berlin hingegen ist es „ein Sprung ins kalte Wasser. Ich habe bisher keine China-Erfahrungen und nutze nun die Chance, mir einen ersten Eindruck zu verschaffen." Den Rummel um die chinesische Gegenwartskunst betrachtet er skeptisch: „Wir verstehen schon kaum etwas von der traditionellen Kunst aus China, wie sollen wir da die Paraphrasierungen der zeitgenössischen Künstler richtig verstehen? Ich möchte mich der Kunst zunächst über das Gespräch mit einzelnen Künstlern annähern. In Shanghai", ergänzt Schulte, „zeigen wir u.a. Arbeiten von Katharina Sieverding, die schon zu Zeiten der Kulturrevolution in China unterwegs war."

Die Galeristin Barbara Gross arbeitet bereits seit 2006 mit Zheng Guogu (郑国古, Jahrgang 1970) zusammen. Auch Chen Shaoxiong (陈劭雄, Jahrgang 1962) und Qiu Anxiong (邱安雄, Jahrgang 1972) zeigte sie in ihrer Münchener Galerie. Alle drei Künstler wird sie in Shanghai präsentieren. „Was das Verständnis chinesischer Kunst im Westen angeht", so Gross, „stelle ich mich auf eine lange Vermittlungsarbeit ein. Der China-Hype auf den Auktionen hat eher zu einer Reserviertheit geführt, denn zu einer Annäherung." In Shanghai stellt Gross eine 11 Meter lange Wandinstallation von Katharina Grosse (Jahrgang 1961) aus. Bekannt ist die in Berlin und Düsseldorf lebende Künstlerin für ihre raumbezogenen Sprayarbeiten, die nicht zuletzt eine Verabschiedung von der Nähe des Pinsels zur Leinwand visualisieren. Da sich auch in der zeitgenössischen chinesischen Kunst ein großes Interesse an medialen Transformationsprozessen beobachten lässt, könnten Grosses Arbeiten durchaus Anknüpfungspunkte für chinesische Messebesucher bieten.

Chinesische Themen: Erklärungsbedarf im Westen

Gefragt nach dem Kaufverhalten chinesischer Sammler, zeichnet sich aus der Perspektive des Galeristen Michael Schultz (Berlin, Seoul, Peking) eine Horizonterweiterung ab: „Bisher waren es hauptsächlich die großen Namen wie Gerhard Richter, Georg Baselitz und Sigmar Polke, die chinesische Käufer anzogen, aber das Interesse an jüngeren Positionen steigt zusehends." Schultz zeigt in Shanghai vier chinesische, einen koreanischen und zwei deutsche Künstler, unter ihnen Huang He (黄河, Jahrgang 1977), bekannt vor allem für seine Serien verschwommen und verzerrt gemalter Hunde und Mäuse. Für sein in Öl auf Leinwand gemaltes Bild Dream Series – Chongqing Negotiation 1945 – eine Sequenz des Triptychons zeigt Mao Zedong aus einem Flugzeug aussteigend – verweigerten die chinesischen Behörden allerdings die Zulassung zur Messe. „Alles was mit Mao zu tun hat, ist sensibel", kommentierten sie ihre Restriktion. Über Sinn und Unsinn solcher Eingriffe in die Freiheit der Kunst zu diskutieren, ist müßig. In Bezug auf dieses Werk stellt sich vielmehr die Frage nach dessen inhaltlicher Aussage jenseits der Provokation – zumal der Künstler erst nach dem Ende der Mao-Zeit geboren wurde und somit eine direkte Betroffenheit als Motivation ausfällt.

Offensichtlich wird in Anbetracht von Huang Hes Dream Series die Kluft zwischen einem chinesischen Betrachter, der das im Titel angesprochene historische Ereignis sofort in all seiner Bedeutsamkeit einordnen kann, während die meisten westlichen Rezipienten auf einen vermittelnden Kommentar der Galerie angewiesen sein werden. Dass das im August 1945 stattgefundene Treffen mit Chiang Kai-shek in Chinas provisorischer Hauptstadt Chongqing der Beginn von Maos Macht war, ist eine Tatsache. Doch wie sollen wir dieses Werk verstehen? Und warum wählt Huang He für diese Arbeit die gleiche Technik wie für seine Hunde und Mäuse? Lässt man diese Fragen zu und begibt sich auf die Spurensuche, so wird Kunst zu einer Expedition in die eigene oder eine fremde Geschichte. Die Wertung der künstlerischen Qualität steht auf einem anderen Blatt.
Text: Ulrike Münter
Kunstkritikerin, Berlin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
August 2008
Links zum Thema

Zeichensalat?

Chinesische Namen werden in der deutschen Sprachversion dieser Webseite auch in chinesischen Zeichen wiedergegeben. Wenn Sie in ihrem Browser keinen chinesischen Zeichensatz installiert haben, werden statt chinesischer Zeichen Kästchen, Fragezeichen oder andere Symbole angezeigt

Medienkunst in Deutschland

Geschichte, Strömungen, Namen und Institutionen