Bildende Kunst/Design

Chinesische Comics in Erlangen

Mata the golden Kingdom, Cover © Zhu Le Tao
Mata the golden Kingdom, Cover © Zhu Le Tao

Beim diesjährigen Internationalen Comic-Salon in Erlangen (22.5.-25.5.2008) wurde erstmals in Deutschland in größerem Umfang aktuelle chinesische Comic-Kunst, manhua 漫画, gezeigt. Im mit Bambuspflanzen, kleine Wasserflächen und sanfter Musik auf „Asien“ getrimmten großen Saal des Heinrich-Lades-Kongresszentrums waren Zeichnungen und Comic-Seiten einer Auswahl bekannter, überwiegend jüngerer chinesischer Comic-Künstler wie Mu Feng Chun (穆逢春), Xia Da (夏达), Nie Chongrui (聂 崇 瑞) und Ji Di (寂地) zu sehen. Einen Gegensatz zu diesem stilisierten Arrangement bildeten Videoprojektionen an der Stirnwand, die das heutige China mit seinen Staus, Hochhäusern und Menschenmassen in bunten Reklamewelten präsentierten.

Auf den Zeichnungen erkennt man viele Elemente aus japanischen Manga-Comics, aber auch Neues, wie den Einsatz von Farben als Gestaltungselement, was beim Manga nicht üblich ist. Einige der Geschichten spielen vor dem Hintergrund chinesischer Dynastien - für Europäer, die vielleicht die Verbotene Stadt in Peking gesehen haben, der Inbegriff des „Chinesischen“. Aber auch das moderne China hat seinen Platz in den Geschichten, und hier zeigt das Setting, wie nah sich die Welt gekommen ist: Chinesische Hochhäuser sind genau solche Hochhäuser, wie überall sonst auch.

Farbigkeit als wichtiges Element

Zu definieren, was moderne „chinesische“ Comics ausmacht, fällt den Künstlern selbst schwer. Yao Feila (姚非拉, Jahrgang 1974), einer der Altmeister des modernen Comics, gibt die Verwandtschaft mit den japanischen Manga freimütig zu. Benjamin本杰明 (Jahrgang 1974), dessen Buch „Remember“ in Erlangen vorgestellt wurde, versucht chinesische von japanischen Comics durch den Einsatz von Farbe und kürzeren Geschichten abzugrenzen. Außerdem, als Ausdruck der chinesischen Tradition, sieht er die Figuren in seinen Comics als komplexer und vielschichtiger ausgestaltet an.

Die beiden Zeichner aus Peking und Hangzhou sind Aushängeschilder der aktuellen Szene. Benjamin zeichnet seine Comics am Computer mithilfe von Malsoftware, was in China längst nicht mehr ungewöhnlich ist; es eröffnet angesichts restriktiver Publikationspraktiken neue Vertriebswege. Seine Illustrationen und Geschichten sind im Übrigen nicht nur einfach bunt, sie strotzen vor Farbe und Energie. Dennoch, viele seiner Geschichten sind trotz der Verwendung sanfter Bonbon-Farben düstere Erzählungen über eine desillusionierte Jugend im heutigen China, die zwischen dem „Aufbruch ins 21. Jahrhundert“ und konservativen Gesellschafts- und Politikstrukturen aufgerieben wird.

Benjamin: Illustration aus One day (Seite 104) - Xiao Pan 2008. 13. Internationaler Comic-Salon Erlangen 2008 (Ausstellung: Manhua - Comic im China von heute). Copyright: Benjamin -  Xiao Pan Nie Chongrui: Cover-Illustration La Belle du Temple Hanté - Xiao Pan 2008. 13. Internationaler Comic-Salon Erlangen 2008 (Ausstellung: Manhua - Comic im China von heute). Copyright: Nie Chongrui - Xiao Pan Zhu Le Tao: Seite 47 aus Mata. Welcome come to Reno - Comicfans / Studio Summer Zoo 2008. 13. Internationaler Comic-Salon Erlangen 2008 (Ausstellung: Manhua - Comic im China von heute). Copyright: Zhu Le Tao - Comicfans / Studio Summer Zoo


Yao Feila, dessen „Dreaming Girl“ den chinesische Lesern Mitte der 90er Jahre eine Alternative zu den japanischen Importen und ihren Nachahmern bot, ist mit dieser Konkurrenz aufgewachsen und konsequent den Weg gegangen, ökonomisch erfolgreiche Projekte zu suchen. Als Kopf des Studios Summer Zoo in Hangzhou beschränkt er sich längst nicht mehr darauf, Comics zu zeichnen, sondern arbeitet in Bereichen des Animationsfilms und der Werbung ähnlich erfolgreich. Sein Studio ist ein Wirtschaftsunternehmen mit über 40 Mitarbeitern. Dort findet man immer noch Zeit für Comic-Experimente, wie z. B. die „Mata“-Geschichten der jungen Zeichnerin Zhu Letao (猪乐桃), die in China mehrfach ausgezeichnet wurden. Ein anderes Beispiel für ein größeres Studio, das den Künstlern die (ökonomische) Sicherheit gibt, Experimente zu starten, ist z.B. das Shanghai Youth Animation Studio, das ebenfalls in Erlangen vertreten war.

Summer-Zoo – chinesische Nachwuchsförderung per excellénce

Die Initiative zu der Ausstellung kam vom in Hamburg lebenden Kurator Paul Derouet, der mithilfe des französischen Verlags Xiao Pan Kontakte zu chinesischen Künstlern knüpfte und die Auswahl für die Ausstellung traf, um die junge Comic-Kunst in China zu fördern. Xiao Pan bietet chinesischen Zeichnern bereits seit 2005 die Möglichkeit, in Europa zu publizieren und unterstützt Ausstellungsprojekte wie das in Erlangen oder jüngst in London.

Das Kommerzelement bei der Produktion von Comics ist dabei eines, über das man lieber nur am Rande redet. Anders als in Deutschland, wo die Verlage einen Großteil ihrer Publikationen als Lizenzen im Ausland kaufen, setzt die chinesische Regierung bewusst auf die Förderung eigener Produktionen. So arbeiten nicht wenige der bekannteren Künstler als Staatsstipendiaten z.B. bei Summer Zoo – Nachwuchsförderung, die man sich für die deutsche Comic-Szene auch wünschen würde.

Dieses Vorgehen hat die ideologische Komponente, dass sich nur durch eine solche Förderung der chinesische Comic-Markt von „negativen“ Einflüssen aus dem Ausland schützen lässt. Zum anderen (und vor allem) aber geht es ums Geschäft: Japan macht vor, dass sich mit Comics und Merchandising viel Geld verdienen lässt. Comic-Förderung im Reich der Mitte ist somit auch Wirtschaftsförderung - und da ist der Export eine gute Sache. Verblüffend an dieser Feststellung ist, dass sich hinter den modernen Comics die gleichen alten Strukturen verbergen, die den Comic-Markt in China seit der Gründung der VR 1949 kontrollieren. Es sind nach wie vor staatliche und halbstaatliche Institutionen und Verlage, die ihren Einfluss über Publikationsmöglichkeiten dazu nutzen, die Karrieren der Künstler mit zu gestalten – ihr Geschmack und ihre politische Ausrichtung entscheiden darüber, wohin sich der moderne chinesische Comic entwickelt. Der überwunden geglaubte Dirigismus parteinaher Zensoren vergangener Zeiten ist immer noch existent.

Hier schließt sich die Frage nach der Zensur an, die für Europäer immer auch ein Kriterium für die Bewertung von Kulturprodukten aus autoritären Staaten ist. Die Künstler, wie Yao Feila auf dem Salon, antworten darauf, dass es natürlich Dinge gibt, die man in China nicht veröffentlichen kann (aber durchaus exportieren darf). Der chinesische Leser hat nach offizieller Meinung kein Bedürfnis nach Sex and Crime und die Verlage publizieren dies somit auch nicht. Schaut man sich in China aber selbst um, so existieren auch diese Elemente: nicht nur unter den Japan-Importen sind brutale oder sexuell überladene Geschichten zu finden.

Chinesische Comic-Tradition der 20er-Jahre – „Kettenbilder“

Dabei hat die Historie der Comics in China mit dem Bedürfnis der Leserschaft nach kurzweiliger und nicht zwangsläufig sittenstrenger Lektüre begonnen. Als lianhuanhua 连环画 („Kettenbilder“) sind sie in den 20er Jahren auf den Straßen Shanghais gelesen worden. Sie konstituierten einen Stil, den man in Europa wahrscheinlich eher in Richtung Bildgeschichte oder Text-Illustration deuten würde. Nach 1949 wurden diese anrüchigen Wurzeln beseitigt und Comics zu einem Medium der Volksunterhaltung und Propaganda ausgebaut. Die damals erreichte grafische Qualität der Geschichten von z.B. He Youzhi oder Hua Sanchuan ist bis heute beeindruckend und auch für viele junge Künstler ein positiver Anknüpfungspunkt in der Comic-Geschichte ihres Landes. In der Gunst vor allem junger Leser spielen traditionelle lianhuanhua schon seit den 90er Jahren keine Rolle mehr. An ihre Stelle traten erst japanische Manga, bevor Künstler wie Yao Feila oder Nie Chongrui den Versuch unternahmen, das chinesische Comic neu zu erfinden.

Die beim Erlanger Comic Salon gezeigten Arbeiten sind Beispiele für die Kreativität einer neuen Generation von chinesischen Künstlern. Ihre Geschichten stellen den Zwiespalt zwischen den eigenen Wünschen und Vorstellungen und den gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Zwängen dar, in denen die Jugend gefangen ist. Es ist zu hoffen, dass sie sich weiter emanzipieren - der Wille, die gesetzten Grenzen zu sprengen, ist schon heute erkennbar.
Text: Andreas Seifert
Sinologe, Tübingen
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juli 2008
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