Bildende Kunst/Design

Tuschemalerei und Gartenkunst in Deutschland - Interview mit Fan Di’an

Huang Yan: Chinesisches Shan-shui Tattoo 1999 © Huang Yan
Huang Yan: Chinesisches Shan-shui Tattoo 1999 © Huang Yan
Huang Yan: Chinesisches Shan-shui Tattoo 1999

Sowohl Tuschemalerei als auch Gartenkunst sind beide eng mit der chinesischen Kulturtradition verbunden und repräsentieren chinesische Zivilisationsgeschichte für die heutige westliche Gesellschaft besonders anschaulich. Zum China-Jahr 2008 in Dresden hat das National Art Museum of China (NAMOC) daher zwei Ausstellungen zu diesen Themen kuratiert, die Tradition und Moderne vereinen: Zeichen im Wandel der Zeit. Chinesische Tuschemalerei der Gegenwart (28.6.-14.9.2008, Berlin und Dresden) und Chinese Gardens for Living: Illusion into Reality (28.6.-31.9.2008, Dresden). Die Ausstellung zur Tuschemalerei wird an zwei verschiedenen Standorten gezeigt. In Berlin stehen Werke zum Thema „Metropole und Mensch“ im Mittelpunkt, in Dresden vor allem „Landschaft und Stimmung“ sowie die Wandlung des Mediums „Tusche“. In der Ausstellung über die Gartenkunst, ebenfalls in Dresden, bieten die Künstler dem Betrachter einen seltenen Raum der Imagination und vermitteln dem westlichen Publikum ein besseres Verständnis davon, wie die Gartenarchitektur das chinesische Ideal der Naturnähe im Alltag befriedigen konnte. Der Garten als Kunstform steht konzeptionell in engem Zusammenhang mit der chinesischen Philosophie und Lebenshaltung und besitzt ähnlich reiche Konnotationen.

Das folgende Interview mit dem Ausstellungskurator und Direktor des National Art Museum of China (NAMOC), Fan Di‘an, wurde vor der Eröffnung der Ausstellungen in Peking geführt.

Warum wurden als Themen für die beiden großen Ausstellungen in Deutschland Tuschemalerei und Gartenkunst gewählt und nicht die momentan international beachtete chinesische Gegenwartskunst?

FDA: Mit der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas ist die chinesische Gegenwartskunst international zu einem wichtigen Gesprächsthema geworden, nicht nur in der Kunstwelt. Dies ist eine gute Chance für die Internationalisierung der chinesischen Kunst. Dabei müssen wir jedoch bedenken, dass die chinesische Kunst sich auf der Suche nach ihrem Platz auf der internationalen Bühne in ihrer ganzen Vielfalt und nicht nur einseitig darstellen sollte. Wir wollten dem deutschen Publikum also eine ureigene Kunstform vorstellen, die gleichzeitig auch die aktuelle Entwicklung der chinesischen Kunst vermitteln kann; dabei haben wir natürlich zuerst an die Tuschemalerei gedacht. Durch ihre über mehrere tausend Jahre zurückreichende Entwicklung repräsentiert die Tuschemalerei eine hochentwickelte Kunstform, die sich über einen sehr langen Zeitraum in der Gesellschaft etabliert hat.

Die Tuschemalerei steht in engem Zusammenhang mit der chinesischen Kultur und Sprache. Meinen Sie, dass deutsche Besucher mit einem völlig anderen kulturellen Hintergrund diese verstehen können?

FDA: Gerade weil die chinesische Tuschemalerei über klare Merkmale und ein vollendetes „Sprachsystem“ verfügt, haben wir uns gefragt, ob sie von einer anderen Kultur akzeptiert werden kann. Denn wenn schon die Geist und Intellekt so betonende deutsche Kunstwelt chinesische Tuschemalerei nicht verstünde, dann wäre ihre Rezeption in anderen westlichen Ländern noch schwieriger. Damit das westliche Publikum die chinesische Kulturtradition durch die Tuschekunst erfassen kann, ist eine Vorbereitung auf hohem akademischem Niveau unsererseits erforderlich. In dieser Hinsicht sind wir mit den Kollegen der deutschen Museen auf einen gemeinsamen Nenner gekommen. Beide Seiten haben aus verschiedensten Blickwinkeln die Entwicklungs- und Ausdrucksmöglichkeiten einer traditionellen Kunstform in der Gegenwart untersucht, um herauszufinden, wie sie als eine Form der Gegenwartskultur international verstanden werden kann.

Meines Wissens ist es das erste Mal, dass Tuschemalerei in diesem Umfang in Museen im Westen gezeigt wird. Zeichen im Wandel der Zeit gibt vor allem einen Eindruck von der im Umbruch befindlichen Tuschemalerei. Die von uns ausgewählten Künstler wie Wu Guanzhong, Li Xiaoxuan, Liu Qinghe, Pan Gongkai, Long Rui, sind nicht nur im Bereich der traditionellen Tuschemalerei vielseitig ausgebildet, sondern auch sehr individuell in ihrem Ausdruck.

Die ausgestellten Werke kann man in drei Gruppen unterteilen: solche, die sich mit der aktuellen Realität beschäftigen, solche, die Gefühle für Natur und Landschaft ausdrücken und drittens Werke, die sich vor allem mit der Ausdruckskraft des Mediums Tusche auseinandersetzen. Wir möchten zeigen, dass die Tuschemalerei sich uns in der Gegenwart bereits in einer neuen Form zeigt.

Jing Shijian: Journey of Three 2004 © Jing Shijian
Jing Shijian: Journey of Three

Sie glauben also, dass es keine Verständnisschwierigkeiten seitens des deutschen Publikums geben wird, weil die chinesischen Künstler heute bereits selber neue Interpretationen gewählt haben?

FDA: Genau. Die Tuschemalerei- Ausstellung soll für die Besucher wie ein offenes Fenster sein. Ich hoffe, dass die vom National Art Museum of China kuratierten Ausstellungen es den deutschen Besuchern ermöglichen werden, durch dieses Fenster hineinzuschauen, und sich nicht wie andere Ausstellungen dem Verständnis der Kunst-Laien verschließen. Ich hoffe weiter, dass zwei Aspekte durch das Medium Tusche Ausdruck finden werden, erstens die Anteilnahme an der Natur, wobei dies ja eine globale Frage ist, aber auf eine chinesische Weise ausgedrückt wird. Zweitens weist der tief in der deutschen Kunsttradition verankerte Expressionismus eine gewisse Ähnlichkeit mit der „xieyi“-Tradition [bedeutet so viel wie freie oder halb abstrakte Pinselführung] in der chinesischen Tuschemalerei auf. Ich hoffe, dass das deutsche Publikum die durch die expressive Sprache geschaffene Ausstrahlung der Tuschemalerei spüren kann.

Wie soll man den Ausstellungstitel Chinese Gardens for Living1 verstehen? Wie kann man einen Garten „lebendig“ machen?

Fan Di’an, Direktor des National Art Museum of China © NAMOC
Fan Di'an
FDA: Ganz gleich ob kaiserliche oder private Gärten, historisch gesehen sind sie alle wichtige Träger und Ausdruckformen der chinesischen Kultur. Gärten als wichtiges Kulturerbe Chinas sehen sich heute mit der Frage konfrontiert, wie sie „wiederbelebt“ werden können. Über lange Zeit litt die Tradition der Gartenarchitektur in China stark unter der rasanten Verstädterung, so dass sich die in modernen Menschen in ihren Wohnungen heute weit von der Natur entfernt haben.

Heutzutage ist der Garten wieder zu einem wichtigen Symbol für chinesische Kultur geworden und taucht nicht nur in der Architektur, sondern auch in der Malerei und bei Kunstprojekten im öffentlichen Raum auf. Wir können natürlich in Deutschland keine 1:1-Kopie eines chinesischen Gartens ausstellen, aber wir hoffen, durch diese Ausstellung eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie Elemente der chinesischen Gartenarchitektur in modernen Kunstwerken von Gegenwartskünstlern verwendet werden.

Ein Beispiel aus der Architektur ist der Xiangshan-Campus der China Academy of Art [in Hangzhou]. Aber chinesische Künstler lassen mithilfe von Grundelementen der Gärten diese auch in anderen Bereichen„auferstehen“: Diese Elemente finden sich so z.B. in den Entwürfen von Modedesignern, den Möbeln von Shao Fan und in der Landschaftsmalerei und Kalligraphie des Künstlers Lü Shengzhong wieder. Der künstliche Felsen des Bildhauers Zhan Wang wurde für die Einladungskarten der Gartenausstellung verwendet, was zeigt, dass das Verständnis der deutschen Kunstwelt von chinesischen Gärten sehr modern ist. Die Ausstellung wird in Dresden im Bergpalais des Schlosses Pillnitz gezeigt, ein großer Teil der Werke wird draußen im Schlosspark platziert, wodurch ein „idealer“ Garten geschaffen wird.

Kann es denn nicht passieren, dass das deutsche Publikum, das in der Mehrheit noch nie in China war, durch diese Ausstellung die chinesischen Gärten missinterpretieren wird?

FDA: Wir machen keine Ausstellung zur Popularisierung chinesischer Gärten, sondern eine Kunstausstellung. Die Direktoren der deutschen Museen hatten ähnliche Bedenken geäußert, sie schlugen sogar vor, ob man nicht einen Teil der Gärten von Suzhou nach Deutschland schaffen könnte. Aber ich bin der Meinung, dass die Gärten, wenn sie ihren ursprünglichen Standort verlassen, eine Art hypothetische Form annehmen. Das Publikum kann durch den Ausstellungskatalog ein Verständnis vom Aussehen der wirklichen Gärten in China gewinnen. Vielleicht wird es Missinterpretationen geben, aber Missinterpretation ist auch eine Art und Weise, Gegenwartskunst zu begreifen, streng genommen will die Gegenwartskunst ja gar nicht, dass man sie auf einen Blick versteht.

Zuletzt noch ein Frage zur Gerhard Richter-Ausstellung im NAMOC. Es gibt Kritiker, die meinen, dass man mit den Nachahmungen Richters durch chinesische Gegenwartskünstler fast eine „Halbe Geschichte der chinesischer Gegenwartskunst“ schreiben könnte. Wie sehen Sie das?

FDA: Für die jungen chinesischen Künstler ist der deutsche Künstler Gerhard Richter tatsächlich sehr wichtig und inspirierte chinesische Künstler lange Zeit auf unterschiedlichste Weise. Richter versteht es ausgezeichnet, zwischen gegenständlich und abstrakt hin und her zu wechseln. Seine Verwendung von Fotos und sein charakteristischer Fokus auf die Unschärfe von Bildern finden in den Werken chinesischer Künstler in unterschiedlichem Ausmaß Anleihen und Kopien. Doch kann man den Einfluss Richters nicht in Prozenten messen. Ich denke, dass die Künstler seine Werke kopierten, weil sie bislang zu wenige Originale Richters gesehen hatten. Die gerade beendete Ausstellung wird den Richter-Kult in der chinesischen Kunstszene vermutlich dämpfen und bewirken, dass wieder mehr Gewicht auf die künstlerische Originalschöpfung gelegt wird.

1Der chinesische Titel lautet: Huo de yuanlin = „lebender Garten“
Text: Wang Yan
Journalistin Peking
Übersetzung: Elisabeth Jung-Lu
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juli 2008
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