Bildende Kunst/Design

Tahoma, Times, Simsum: Wer passt zu wem?

Coranto und Fangzheng Song 3, Coranto und Hanyi Zhong Song © Roman Wilhelm
Roman Wilhelm spielt Akkordeon im 2 Kolegas in Peking © ML
Roman Wilhelm spielt auch Akkordeon
Roman Wilhelm hat an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle Kommunikationsdesign studiert. Seit er 2002 das erste Mal in China war, lässt ihn das Land – und vor allem die Schrift – nicht mehr los. Spezialisiert hat er sich auf bilinguale Typographie, vor allem auf das Chinesische, so steht es auch auf seiner Internetseite. Dass auf diesem Gebiet noch viel zu tun ist, merkt man, sobald man ein paar zweisprachige Broschüren oder Zeitschriften durchblättert. Oder in Internetforen für Graphiker schaut, wo immer häufiger Hilferufe folgender Art zu finden sind: „Ich muss für dass Weingut XY eine Broschüre auf Chinesisch machen – worauf muss ich da achten?"

Dabei reicht die Geschichte des Nebeneinanders lateinischer Buchstaben und chinesischer Zeichen schon einige hundert Jahre zurück. „Schuld" waren die Missionare, die die lateinische Schrift mit der Bibel nach China brachten. Später wurde sie auch von chinesischen Reformern wie Sun Yatsen aufgegriffen, die Latein als Grundschrift haben wollten. Entsprechend früh gab es Anstrengungen, beide Schriften zusammen aufs Papier zu bringen, sei es in Lehrbüchern, mehrsprachigen Bibeln oder natürlich Wörterbüchern. Aus der Zeit des Bleisatzes stammt etwa das gedrungene „g", welches als einer von wenigen lateinischen Buchstaben unter die Grundlinie hinausragte und damit nur schwer auf den chinesischen Schriftkegel passte.

Das g hat nicht viel Platz im chinesischen Schriftkegel © Roman Wilhelm
Das g hat nicht viel Platz im chinesischen Schriftkegel und wirkt meist gedrungen (links: Hanyi Zhong Song, rechts: Coranto von Gerard Unger). Rechte Seite, Hilfslinien von oben nach unten: Oberlänge (ascender), x-Höhe (x-height), Grundlinie (baseline), Unterlänge (descender)


Mitte versus Grundlinie

„Latein für Chinesen" heißt das Meisterschülerprojekt, mit dem sich Roman Wilhelm an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig beworben hat. Die Erforschung der historischen Entwicklung des Zusammenseins der zwei so unterschiedlichen Schriftsysteme ist ein Teil des Vorhabens. Der zweite: „Ich will eine neue Schrift entwerfen, die zu einer mittleren Songti des Herstellers Fangzheng (方正) passt. Dabei geht es nicht um Selbstverwirklichung, sondern um das Satzbild, um die Lesbarkeit, um die Nutzbarkeit."

Roman Wilhelm ist nicht der erste oder einzige, der ein harmonisches lateinisch-chinesisches Schriftpaar kreieren möchte. Bereits in den 1960ern gab es an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig einen Gaststudenten aus China, Absolvent eines Studiums für Graphikdesign, der sich intensiv mit der lateinischen Schrift befasste und eine neue Schrift entwickelte. Diese ist noch als Bleisatz in Leipzig erhalten, zur Massenanwendung kam sie aber nicht. Heute ist ihr Schöpfer, Yu Bingnan, Professor an der Peking Universität.

Ausrichtung der chinesischen Zeichen nach der optischen Mitte © Roman Wilhelm
"Nach unten flattert es": Die vertikale Ausrichtung der chinesischen Zeichen nach der optischen Mitte, nicht nach einer Grundlinie


10 Unterschiede

In seinem Projekt möchte Roman Wilhelm 10 grundsätzliche Unterschiede zwischen der lateinischen und chinesischen Schrift herausarbeiten. Einige hat er schon: Jedes chinesische Zeichen passt in ein Quadrat und orientiert sich an dessen Mitte. Nach unten „flattert" es. Das lateinische Alphabet hingegen ist an der Grundlinie ausgerichtet. Oder die Länge von Wörtern: Im Chinesischen ist ein Zeichen eine abgeschlossene Einheit, die immer gleich groß bzw. lang ist. Im Deutschen reicht die Bandbreite vom einzelnen Buchstaben bis zur berühmten Donaudampfschifffahrtskapitänswitwe. Daher die Bedeutung der Leerstellen vor und nach Wörtern, die von chinesischen Setzern so oft übersehen werden. Die Pausen im Chinesischen werden anders gesetzt, nämlich nach den Satzzeichen – die allerdings dafür um so länger.

Zuletzt noch eine These von Roman Wilhelm: „Im lateinischen Alphabet werden als erstes die Strichbreiten festgelegt. Im Chinesischen sind sie aber von Zeichen zu Zeichen verschieden, je nach Strichanzahl; hier ist der Weißraum der Maßstab. So gesehen gibt es vom gestalterischen Standpunkt aus eigentlich keine Lösung: wo der eine bei weiß anfängt, fängt der andere bei schwarz an, wie soll man denn da zusammenkommen?"

Unterschiedliche Strichstärken © Roman Wilhelm
 Unterschiedliche Strichstärken. Das Zeichen links besteht aus zwei, rechts aus 25 Strichen. Die Strichstärke des rechten Zeichen ist auf ca. 75% abgemagert.


26 oder 5000+

Während sich ein Graphikstudent in Europa durchaus mal ein Semester lang im Entwerfen einer Schrift üben kann – es sind ja „nur" 26 Buchstaben als Klein- und Großbuchstaben plus ein paar Satzzeichen – ist diese Aufgabe in China wegen der schieren Menge an Zeichen eher eine Expertensache, fast eine Lebensaufgabe. In chinesischen Designerkreisen einen guten Ruf hat der chinesische Elektronik- und Software-Konzern Founder Technology Group (方正集团), der auch eine Designabteilung für Schriftzeichen hat. Founder richtet alle zwei Jahre einen Schriftenwettbewerb aus. Bei Founder probiert man auch neue Wege aus, in dem man zum Beispiel das Prinzip festgelegter Strichbreiten bei lateinischen Schriften weniger dogmatisch behandelt. Bei Roman Wilhelm verursachte der Blick auf Founders neue Alphabetvorlagen zwar auf den ersten Blick ästhetisches Unbehagen, aber: „Immerhin haben wir den Chinesen das Alphabet aufgedrängt, jetzt muss man auch zulassen, dass sie eigene Lösungen dafür anstreben."

Allerdings gibt es bereits „Traumpaare": Roman Wilhelms Favorit ist die Coranto, eine vom niederländischen Schriftdesigner Gerard Unger im Jahr 2000 entworfene Zeitungsschrift. Auf Coranto machte ihn der Hongkonger Designer Keith Tam bei der Arbeit an dem zweisprachigen Buchprojekt Daole! Angekommen! Aufmerksam. „Coranto passt perfekt zur Monotype Song oder Fangzheng Song 3."

Coranto und Fangzheng Song 3, Coranto und Hanyi Zhong Song © Roman Wilhelm
Erste Zeile: Coranto von Gerard Unger und Fangzheng Song 3. Folgende Zeilen: Coranto und Hanyi Zhong Songti

Über seine Spezialisierung ist Roman Wilhelm auch zur Teilnahme an einem internationalen Forschungsprojekt des Design-Institutes (design2context) der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich gekommen. „Koexistenz der Zeichen" heißt das von Professor Ruedi Baur geleitete Projekt. Im Herbst 2007 fanden hierzu Workshops mit Grafikdesignstudenten in Zürich und der Luxun Academy of Fine Arts in Shenyang statt. 2008 ist eine Buchpublikation über das Projekt geplant. Roman Wilhelm: „Im Wesentlichen geht es darum, die Studenten für Fragen der bilingualen Typographie überhaupt erstmal zu sensibilisieren."

Das Interesse an Schriften ist größer, als man vielleicht denkt: 2007 entstand ein Dokumentarfilm über die weit verbreitete Gebrauchsschrift Helvetica, die ihren 50sten „Geburtstag" feierte. Der Film ist ein unerwarteter Erfolg geworden, auch über Designerkreise hinaus.

Text: Maja Linnemann,
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Januar 2008
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