Jenseits des Elfenbeinturms


Adlershof Luftbild © 2011 WISTA-MANAGEMENT GMBH - www.adlershof.de
Der Weg vom Elfenbeinturm, in den sich die Wissenschaft gerne zurückzieht, bis in die Praxis ist meist weit. Während etwa die Naturwissenschaftler in ihren altehrwürdigen Unigebäuden die neuesten chemischen oder physikalischen Prozesse erforschen, produzieren die Unternehmen, denen dieses Wissen nützen würde, in weit entfernten Industriegebieten am Stadtrand. Zu Kontakten kommt es selten. Dabei können alle nur profitieren, wenn Wissenschaft und Wirtschaft enger zu-sammenrücken, wie sich seit zwanzig Jahren im Berliner Stadtteil Adlershof zeigt.
Anfang der 1990er Jahre wurde im Südosten der Stadt, wo bis zur Wende das DDR-Fernsehen sowie die Akademie der Wissenschaften der DDR ihren Standort hatten, ein Wissenschafts- und Technologiepark gegründet. Auf einer Fläche von 4,2 km² sind dort heute, Mitte 2011, 425 Unter-nehmen, elf außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, das Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialen und Energien oder das Leibniz-Institut für Analytische Wissenschaften sowie sechs naturwissenschaftliche Institute der Humboldt-Universität (HU), darunter die für Physik, Chemie und Informatik, angesiedelt – Tendenz steigend. Ziel dieser räumlichen Konzentration ist es, ein kreatives Klima zu schaffen, in dem die Innovatio-nen aus der Forschung schneller bei den Unternehmen landen, aber auch Absolventen ermutigt werden, sich mit ihren Ideen gleich vor Ort selbstständig zu machen. Ein Plan, der aufgehe, wie das beständige Wachstum des Parks beweise, meint Peter Strunk, Sprecher der Betreibergesellschaft des Parks Wista Management GmbH. „Unser Erfolgsgeheimnis ist eine penetrante räumliche Nähe“, sagt Strunk. Beim Mittagessen in der Mensa oder in den Cafés des Parks träfen sich Wissenschaftler und Unternehmer automatisch, kämen ins Gespräch und bildeten so wichtige Netzwerke. „Das Meiste läuft auf dem informellen Weg – Innovationen kann man nicht auf der Verwaltungsebene anordnen, das muss sich entwickeln.“ Gerade beim Schritt, sich mit einer Idee aus der Forschung selbstständig zu machen, könne man aber helfen.
Ein Instrument, welches in Adlershof dabei zum Einsatz kommt, sind die Technologie- und Grün-derzentren. In diesen wird jungen Start-Ups zu günstigen Mieten die nötige Infrastruktur vom Kon-ferenzraum bis hin zu eigenen Laboren gestellt, bis sie groß genug sind, um auf eigenen Füßen zu stehen. „Wir bieten den Unternehmen für einen begrenzten Zeitraum eine Spielwiese, auf der sie schneller die Marktreife erreichen, als wenn sie ganz auf sich gestellt wären“, erklärt Strunk. Später könnten die Firmen sich auf der an den Park angrenzenden Gewerbefläche ansiedeln. Dies sei wich-tig, damit bestehende Kontakte nicht durch einen Umzug an einen weit entfernten Standort wieder zerrissen.

Im Windkanal der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrtforschung © 2011 WISTA-MANAGEMENT GMBH - www.adlershof.de
Ein Unternehmen, das sich ausschließlich darauf spezialisiert hat, die sechs Adlershofer Institute der Humboldt-Universität an die Wirtschaft anzudocken, ist die Humboldt-Innovation (HI), eine hundertprozentige Tochter der Berliner Universität. „Wir sehen die Uni als Think Tank, deren Er-kenntnisse es in die Praxis zu transferieren gilt“, meint HI-Mitarbeiter Volker Hofmann.
Zum einen gehe es darum, für die Institute Auftragsforschungen von Unternehmen an Land zu zie-hen. Hier sei Humboldt-Innovation ein zentraler Ansprechpartner, sagt er. Vieles laufe durch die räumliche Nähe aber automatisch ab. Zum anderen fördere die HI Ausgründungen aus der Uni he-raus, wofür 2010 ein Gründerhaus errichtet worden sei. „Hier werden Studenten, Absolventen aber auch Professoren dabei unterstützt, ihre Geschäftsideen auszudifferenzieren, einen Businessplan zu erstellen und die Finanzierung zu sichern“, erklärt Hofmann. In der Wertschöpfungskette stehe das Gründerhaus damit noch vor den Gründerzentren, wo schon fertige kleine Unternehmen einzögen.
Die Liste der erfolgreich Geförderten reicht von einem Unternehmen, das Software anbietet, die chemische Prozesse simulieren kann, bis hin zu einer Firma, die nach Wunsch aus verschiedensten Duftrichtungen ein eigenes Parfum kreiert. Damit haben nicht nur Ideen aus der Forschung den Sprung auf den Markt geschafft, sondern auch Studenten durch den Schritt in die Selbstständigkeit sich und anderen einen Arbeitsplatz geschaffen.
Dabei waren gerade die Studierenden zu Beginn nicht sonderlich begeistert, als 1998 begonnen wurde, die naturwissenschaftlichen Institute der Humboldt-Universität vom Stadtzentrum nach Adlershof zu verlagern. „Viele fühlten sich abgeschoben“, sagt Ljiljana Nikolic, PR-Referentin für den Bereich Naturwissenschaften der HU. Doch diese Klagen seien Schnee von gestern. „Der Ge-danke des Netzwerks wird gelebt, und die Studenten sehen, dass sie davon profitieren.“
Ob direkt in Unternehmen geschriebene Abschlussarbeiten, Jobmessen oder ein Programm, das Lehramtsstudenten Praktika in Unternehmen vermitteln, damit sie einen Einblick in das Leben au-ßerhalb des Klassenraums bekommen, die Verbindungen zwischen Wissenschaft und Praxis seien vielfältig, meint Nikolic. Auch die direkte Nachbarschaft zu den außeruniversitären Forschungsein-richtungen sei ein Gewinn. „Die räumliche Nähe macht vieles einfacher.“
Auch wenn das stetige Wachstum sowie der steigende Umsatz der Adlershofer Firmen dem Projekt Recht geben – eine Erfolgsgarantie für einen Wissenschafts- und Technologiepark gibt es jedoch nicht. „Jeder Park ist, wie seine einzelnen Einrichtungen auch, individuell und als Konzept nicht einfach so übertragbar“, meint Strunk. Was in Adlershof funktioniere, sei nicht zwangsläufig das richtige Konzept für einen Standort in Osteuropa oder Asien. „Man kann viel dafür tun, damit Netzwerke entstehen und funktionieren, aber erzwingen kann man es nicht.“
Juliane Wiedemeier
Freie Journalistin, Berlin
August 2011
Freie Journalistin, Berlin
August 2011










