Bildung

Sind die Ängste chinesischer Eltern angemessen?

Stau vor dem Schultor, Foto: Yang Yang © ImagineChina
Ein Vater während der jährlichen Hochschulaufnahmeprüfung, Foto: Wang Guohong © ImagineChina
Ein Vater während der jährlichen Hochschulaufnahmeprüfung
Foto: Wang Guohong © ImagineChina


Teil I

Erste Szene: Abenddämmerung - zwei 6-7-jährige Jungen schlendern über die Straße. Sie sind wohl noch einmal nach draußen gegangen, um sich ein Eis zu kaufen. Mich überkommt ein Frösteln: Kinder, Nacht, Straße – Gefahr? Noch vor einem Monat hätte ich niemals so gedacht, ja ich hätte sogar besorgte Eltern beschwichtigt, es gäbe keinerlei Veranlassung, den eigenen Argwohn gegenüber der Gesellschaft auf die Kinder zu übertragen und diese in grundlose Angst und Anspannung zu versetzen. Doch heute spuken solche Gedanken auch mir durch den Kopf.

Zweite Szene: Schulschluss. Die Schüler treten jedoch nicht sofort den Heimweg an, sondern werden von ihren Eltern eilends zu allen möglichen Nachhilfestunden oder Hobbys gebracht. Auf der einen oder anderen Kindermiene zeichnet sich ab, dass keineswegs jedes Kind große Lust auf sein Hobby hat. Ich gehe mit meinem Nachwuchs in den kleinen Park an der Straße, damit er sich austoben kann. Und prompt kommt jemand mit erhobenem Zeigefinger auf mich zu, diese Freizügigkeit sei doch unmöglich, das werde sich in Zukunft rächen.

Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind einen ungefähr zehnminütigen Fußweg bis zur Schule hatte. Morgens marschierte ich allein zur Schule und nach dem Unterricht begleiteten mich meine Freunde vom „Wegetrupp“, der im Klassenverband organisiert wurde, nach Hause. Heutzutage stauen sich die Autos vor den Toren der Schulen, um Kinder abzuliefern oder einzusammeln. Überall wo sich ein Kindergarten oder eine Grundschule befindet, ja sogar vor den Mittelschulen, ist Stauzone. Etwa weil die Eltern es nicht übers Herz bringen, ihren Kleinen den öffentlichen Verkehr oder einen Fußmarsch zuzumuten? Nein, ich fürchte eher wegen ihrer Sicherheitsbedenken.

In den Augen der Eltern lauern einfach überall Gefahren: Verkehrsunfälle, gesundheitsschädigende Nahrungsmittel, Umweltverschmutzung, Kriminalität, Impfrisiken und medizinische Kunstfehler; um einen Spruch zu bemühen, der vor vielen Jahren in aller Munde war: „Zu dreißig Prozent Naturkatastrophen, zu siebzig Prozent menschliches Versagen“. Doch noch mehr sorgt man sich um die schulischen Leistungen der Kinder. Wo es früher einen erbitterten Kampf um Nachhilfelehrer gab, tobt heute der Krieg der Nachhilfeschulen; man versucht, über Beziehungen etwas zu erreichen und zahlt astronomische Preise für eine Wohnung in der Nähe der Schule; oder man kombiniert Leistungsklassen mit einem Spezialtraining in einer Online-Förderschule, um noch mehr Punkte herauszuholen... Wir Eltern wissen wirklich nicht mehr ein noch aus. Mit fortschreitender gesellschaftlicher Entwicklung sollte die Chance auf einen höheren Schulbesuch und die Auswahl an Schulen eigentlich eher größer statt kleiner werden, der Druck auf die Kinder sollte eigentlich ab- und nicht zunehmen. Aber weshalb stehen die Kinder dann noch mehr unter Strom als früher, und warum befinden sich Eltern in ständiger Sorge? Das Kind ist kaum auf der Welt, da sind die Eltern schon permanent auf der Jagd nach den aktuellsten Erziehungstipps und unterziehen sich einer andauernden Gehirnwäsche durch diverse Experten und Theorien, immer bereit dazu, für „Konzepte“ oder „Kurse“, die sofortige Resultate versprechen, den Geldbeutel zu zücken. Nach dem Eintritt in das Schulsystem sitzen wir beim Pauken, beim Üben und bei den Prüfungen an der Seite unserer Kinder und reihen uns mit ihnen in die lange Reihe der Konkurrenten ein. Haben wir, während wir über die unausgereifte Bildungspolitik der Regierung, den moralischen Niedergang der Lehrer und das Scheitern der Lehrplanreform jammern, eigentlich einmal darüber nachgedacht, ob wir wirklich nur Opfer oder nicht auch selbst Teil dieser Missstände sind?

Stau vor dem Schultor, Foto: Yang Yang © ImagineChina
Stau vor dem Schultor, Foto: Yang Yang © ImagineChina


Jedem ist bekannt, dass sich die Eltern mit der hochinfektiösen „kollektiven Krankheit der Erziehungssorge“ angesteckt haben, doch wie kam es dazu? Wie haben wir uns infiziert, wann haben wir uns in diese Armada der Angstneurotiker eingereiht und durch welche Faktoren wird diese Erkrankung eigentlich ausgelöst?

In der Psychologie gilt unverhältnismäßige Angst als eine „innere Beunruhigung ohne offensichtliche und objektive Veranlassung, beziehungsweise als grundlose Panik. Die durch die Erwartung einer negativen Situation verursachte nervöse Grundstimmung drückt sich in dauernder nervlicher Anspannung oder plötzlichen Angstattacken aus und wird häufig von Störungen der vegetativen Nervenfunktionen begleitet“. Während man sich ängstigt, kommen einem die irrationalsten Gedanken in den Sinn, und gerade diese Hirngespinste tragen zur nervösen Anspannung und anormalen physischen Reaktionen bei. Man könnte auch sagen, dass es eine unangemessene Einstellung ist, welche das Wesen der Angst bestimmt.

Woher nun kommt diese unangemessene Einstellung der Eltern konkret bei der Kindererziehung? Ein Einzelkind bedeutet zunächst, dass wir keinerlei Risiken eingehen können, bei dem „Einen“ muss alles hundertprozentig klappen. Viele Eltern, die ihr zweites oder drittes Kind bekommen, entdecken, dass sie sich schon beim zweiten Kind viel vernünftiger verhalten als beim Erstgeborenen. Es gelingt ihnen, überzogene Erwartungen herunter zu schrauben, und sie können in Konfliktsituationen mit den Kindern effektiver und kontrollierter agieren. Doch wäre es auch unangebracht, die Erziehungsängste samt und sonders auf die Ein-Kind-Politik zurückzuführen. Die übertriebene Sorge der Eltern hat offensichtlich diverse innere und äußere Ursachen.

Die wichtigsten Gründe sind dabei wohl die fehlende Zuversicht und die Unsicherheiten, die wir in unserem eigenen Leben spüren. Indem wir uns für unsere Kinder ein ebenso unsicheres und vertrauensunwürdiges gesellschaftliches Umfeld vorstellen, übertragen wir auf sie den Druck der Erwachsenenwelt. Weil wir allen Grund dazu haben, anzunehmen, dass unsere Kinder zukünftig mit einer gesellschaftlichen Situation konfrontiert sein werden, die noch komplizierter, schwieriger und bedrohlicher sein wird als heute, halten wir die Kinder dazu an, sich nicht nur mit Wissen zu wappnen, sondern vor allem bei zwischenmenschlichen Beziehungen auf der Hut zu sein. „Lass dir nichts gefallen“, „Konzentrier dich auf dich selbst“ und „Mach keine unnötigen Umwege“ lauten heute die unumstößlichen Gesetze der Kindererziehung. „Mit möglichst einfachen Mitteln zum Erfolg“ heißt die Überlebensstrategie, der sich viele Menschen verschrieben haben, wobei wichtige Werte wie Menschenwürde und Gerechtigkeit, Freundlichkeit und Mitmenschlichkeit wegen der überwältigenden Herausforderung des Überlebens hinten angestellt werden können.

Außerdem ist durch die Entwicklung der Kommerzkultur alles, was ungewiss war, nun auch noch fragwürdig geworden. Jede Wahrheit entpuppt sich hinter ihrer Marketingfassade als so wackelig, als würde jede Werbung immer wieder den einen Satz wiederholen: „Vertraue mir, und warte, sobald du den Betrug entdeckt hast, auf den nächsten Schwindel“. Diesem Ruf können wir ohne eine Urteilsbasis und vertrauenswürdige Kontrollorgane nur leichtgläubig und blind folgen. Die Institutionen aber, die eigentlich eine Überwachungsfunktion übernehmen sollten, verschließen ihre Augen vor den abgefeimten Lügen oder haben sogar ihre Hände mit im Spiel. So bleibt uns angesichts unserer Ohnmacht nur die Angst.

Weiter zu
Sind die Ängste chinesischer Eltern angemessen? (Teil II)
Text: Sun Lili (孙莉莉)
Kinderpsychologin; beschäftigt sich in der Abteilung für elektronische Bilderbücher von Grimm Press Taiwan in Peking mit kindlichem Leseverhalten und betreut das gemeinsame Lesen von Eltern und Kindern in Guru-Bärs Reading-Corner
Übersetzung: Julia Buddeberg
Juli 2010

    Zeichensalat?

    Chinesische Namen werden in der deutschen Sprachversion dieser Webseite auch in chinesischen Zeichen wiedergegeben. Wenn Sie in ihrem Browser keinen chinesischen Zeichensatz installiert haben, werden statt chinesischer Zeichen Kästchen, Fragezeichen oder andere Symbole angezeigt

    Lernen, Lehren, Leben - Hochschuldossier

    Studenten im Hörsaal © Colourbox
    Die Kooperationen zwischen deutschen und chinesischen Hochschulen werden immer enger – auch in Bereichen wie Architektur, Kunst, Literatur und Musik. Wir stellen einige dieser Initiativen vor, tun einen Blick in die Geschichte und lassen Studenten mehrerer Generationen von ihren Erfahrungen erzählen.

    AFS-Schüler Blog

    Shanghai Pudong Skyline
    Von September 2008 bis Sommer 2009 berichtete Verena Wiedemann aus Shanghai und Zhou Yue (周悦) aus Mainz.