Bildung

„Doch sie war immer noch nicht satt!“ – Vorlesestunden für Kinder

Lesementorin übt Lesen mit Grundschülern, Foto: Hendrik Schmidt/lah © picture-alliance/ZB
Lesementorin übt Lesen mit Grundschülern, Foto: Hendrik Schmidt/lah © picture-alliance/ZB
Lesementorin übt Lesen mit Grundschülern, Foto: Hendrik Schmidt/lah © picture-alliance/ZB


Eifrig blättert Jasmin die nächste Seite ihres Bilderbuchs auf. „Am Dienstag fraß sie sich durch zwei grüne Birnen“, liest ihre Oma vor. „Doch sie war immer noch nicht satt!“, setzt Jonas strahlend die Geschichte fort, die die Geschwisterkinder schon unzählige Male gehört haben. Kinder lieben Geschichten und wenn ihnen ein Buch gefällt, können sie es nicht oft genug ansehen.

Das weiß niemand besser als Claudia Presser, die in Mainzer Kindergärten und Grundschulen schon Jahrzehnte vor der Geburt ihres ersten Enkels als „Vorleseoma“ bekannt war. Inzwischen koordiniert die pensionierte Erzieherin eine 60-köpfige Vorleseinitiative in ihrer Stadt und bildet als Referentin Ehrenamtliche zu professionellen Vorlesern aus. Ihre Motivation für das ehrenamtliche Engagement? Vorlesen macht den Kindern und dem Vorleser Spaß. Das gemeinsame Vorlese-Erlebnis stärkt die Beziehungen und die Geschichten regen die Fantasie der Kinder an. Sie lernen zuzuhören, sich zu konzentrieren und werden mit bildungssprachlichen und literarischen Sprachstrukturen vertraut.

„Gutes“ Vorlesen

Das funktioniert am besten, wenn der Vorleser ein altersgerechtes Bilderbuch auswählt, das ihn selbst fasziniert und die Geschichte im Dialog mit den Kindern erarbeitet. Ein guter Vorleser muss die Kinder mit der entsprechenden Gestik und Mimik mitnehmen, ihre Fantasie anregen, das Verständnis sichern, hier und da auch mal vom Text abweichen und spielerisch mit dem Thema des Buchs umgehen können – indem er die Kleinen etwa Lieder singen oder Bilder malen und erklären lässt. Neben der bundesweit agierenden „Stiftung Lesen“, für die auch Claudia Presser engagiert ist, bieten zahlreiche lokale und regionale Initiativen Vorlese-Schulungen für Freiwillige an, die ehrenamtlich in Betreuungseinrichtungen und Schulen vorlesen. Ob Eltern, Großeltern oder ältere Schulkinder den Kleinen in Kindergärten, Schulen oder Bibliotheken vorlesen, ob Bilderbücher, Comics oder Literaturverfilmungen gelesen werden – die Vielfalt der in Deutschland existierenden Vorleseprojekte ist riesig. Zahlreiche Projekte richten sich gezielt an Kinder und Familien mit Migrationshintergrund, da das Vorlesen eine wichtige Hilfe bei der zweisprachigen Entwicklung der Kinder darstellt. 

Mutter und Sohn beim Lesen, Foto: Monika Adamczyk © iStockphoto
Mutter und Sohn beim Lesen, Foto: Monika Adamczyk © iStockphoto

Förderung von Mehrsprachigkeit

„Wenn Kinder zweisprachig aufwachsen, bildet sich der Wortschatz nicht identisch aus. Je nachdem, welche Sprache in welchen Domänen gesprochen wird, muss der Wortschatz ergänzt oder kompensiert werden, der nicht in der Lebenswelt der Kinder vorkommt“, erklärt die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Ursula Neumann. „Bücher bieten dafür einen wichtigen sprachlichen Input“. Neben der deutschen Sprache sollten dabei auch die Kenntnisse in der Herkunftssprache gefördert werden: „Zweisprachige Kinder entwickeln ihre metasprachlichen Fähigkeiten besser, wenn sie in beiden Sprachen gefördert werden. Für den Bildungserfolg ist es besser, an die Voraussetzung der Kinder anzuknüpfen als Teile davon zu vernachlässigen.“ Zudem habe es Rückwirkungen auf das Selbstbild der Kinder, wenn mit einer ihrer Sprachen ein Teil ihrer Persönlichkeit nicht geschätzt werde.

Michaela Schmitt vom „Verband binationaler Familien und Partnerschaften“, der als eine von wenigen Organisationen Vorlesestunden in den Herkunftssprachen Türkisch, Arabisch, Russisch und Französisch anbietet, sieht noch weitere Vorteile bei Vorleseprojekten in den Herkunftssprachen der Kinder: „Wenn Eltern und Großeltern mit Migrationshintergrund zu Vorlesern ausgebildet werden, bietet ihnen das eine außergewöhnliche Möglichkeit, ihre Fähigkeiten einzubringen, um sich gesellschaftlich zu engagieren. Die Familien spüren dadurch, dass sie in öffentlichen Einrichtungen ernst genommen und willkommen geheißen werden. Das stärkt auch die Zusammenarbeit.“
Text: Janna Degener
Freie Journalistin in Köln
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2010
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