Bildung

Kindgerechtes Wissen – neue Museumskonzepte

Kinder im Museum © Deutsches Hygiene-Museum Dresden, Foto: Oliver Killig
Kinder im Museum © Deutsches Hygiene-Museum Dresden, Foto: Oliver Killig
Kinder im Museum © Deutsches Hygiene-Museum Dresden, Foto: Oliver Killig

Die Verwaltung des Stuttgarter Landesmuseums hat ihre Büros geräumt – freiwillig. Denn im dritten Stockwerk soll im Herbst 2010 ein Museum im Museum eröffnet werden: das „Junge Schloss“, das sich speziell an Kinder richtet. Über das Erleben mit allen Sinnen, über eine Eule und ein Gespenst als Vermittler – und über einen Museumsbeirat, dessen Mitglieder nicht älter sind als zwölf Jahre sind, berichtet Tanja Karrer, Museumspädagogin am Stuttgarter Landesmuseum, im Interview.


Frau Karrer, in den allermeisten Ausstellungen darf der Besucher die Exponate betrachten. Will er sie jedoch berühren, löst er sogleich einen ohrenbetäubenden Alarmton aus. Wird das im „Jungen Schloss“ anders sein?

Bei uns wird man die Objekte ganz bestimmt nicht nur in der Vitrine betrachten dürfen. Das Wichtigste überhaupt bei der Kulturvermittlung für Kinder ist ein sinnhafter Zugang zu den Exponaten. Das Berühren spielt dabei eine herausragende Rolle. Sogenannte Hands-on-Stationen, also Mitmach-Stationen, bieten eine tolle Möglichkeit, die unterschiedlichsten Sinne anzusprechen. Dort kann etwa mit Gerüchen gearbeitet werden oder mit Repliken, die angefasst und benutzt werden dürfen – so, wie dies zum Beispiel im Kindermuseum des Deutschen Hygiene-Museums der Fall ist.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Man kann etwa die Steinzeit in Form einer richtigen Höhle darstellen, die mit Fellen, Höhlenmalereien und Faustkeilen ausgestattet ist. Diese Dinge können die Besucher in die Hand nehmen, und sie können zum Beispiel selbst ausprobieren, wie man mit Feuersteinen Leder schneidet. Der kleine Besucher soll dadurch ein Gefühl für das Objekt und seine Funktion bekommen.

Das „Junge Schloss“ richtet sich an Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren. Wie schafft man es, dass sich die Kleinen nicht überfordert fühlen und die Größeren sich nicht langweilen?

Das ist eine große Herausforderung. Zwischen einem Vier- und einem Zwölfjährigen liegen natürlich Welten. Darum werden wir in der Ausstellung unterschiedliche Vermittlungsebenen haben. Die kleineren Kinder muss man viel stärker durch das Visuelle ansprechen, wohingegen die Größeren schon lesen können und somit auch durch Texte zum Entdecken und Ausprobieren aufgefordert werden können. Den Kindern, die noch nicht lesen können, werden zwei Maskottchen Hilfestellungen geben. Ein altes Schlossgespenst und eine kleine, wissbegierige Eule werden ihnen in Form von Comics und Audiostationen die Ausstellung erklären.

Was unterscheidet das Lernen im Museum vom Lernen in der Schule?

Wie die Schulen haben wir einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Doch das Lernen funktioniert bei uns ganz anders. Im Museum haben wir die Objekte im Original und können Geschichte tatsächlich lebendig machen. In der Schule gibt es lediglich Abbildungen im Schulbuch. Wir sind kein Lehrer, der im schlimmsten Fall monologisiert und Noten verteilt. Bei uns geschieht Wissensvermittlung primär spielerisch, freiwillig und durch die eigene Erfahrung.

Piratenausstellung © Landesmuseum Württemberg, H. Zwietasch, P. Frankenstein
Piratenausstellung © Landesmuseum Württemberg, H. Zwietasch, P. Frankenstein

Wir versuchen, mit den Kindern über Geschichte und Kultur in Dialog zu treten, die Kinder in ihrer aktuellen Lebenswelt abzuholen und mit ihnen gemeinsam das gezeigte Thema zu erleben und zu erarbeiten. Darum werden wir auch mit einem Kinderbeirat zusammenarbeiten. Denn wenn wir Erwachsenen uns alleine etwas ausdenken, kann es passieren, dass es die Kinder nicht anspricht. Kinder machen Ausstellungen für Kinder.

Wie setzt sich der Kinderbeirat zusammen?

Der Kinderbeirat besteht aus circa 15 Kindern ab acht Jahren und trifft sich alle zwei Monate. Um Beiratsmitglieder zu gewinnen, präsentieren wir unser Konzept an Stuttgarter Schulen, die uns dann Schüler vorschlagen, die dem Kinderbeirat angehören möchten. Einige der Kinder würden wir auch gerne zu kleinen Museumsfachleuten ausbilden. Vielleicht haben diese dann später Lust, im Kindermuseum selbst Führungen für ihre Altersgenossen anzubieten. Kinder sind die Zielgruppe von heute

Seit einiger Zeit gibt es eine erstaunlich große Nachfrage nach kindgerechten Museen. Wie erklären Sie sich, dass Kinder verstärkt ins Museum kommen?

Tanja Karrer © Landesmuseum Stuttgart
Tanja Karrer
© Landesmuseum Stuttgart
Nicht nur die Nachfrage ist gestiegen, sondern auch das Angebot. Es gibt eine große Veränderung innerhalb der Museumslandschaft: Die Kinder werden nicht länger nur als die Besucher von morgen wahrgenommen, sondern als Zielgruppe von heute ernst genommen. Einige Kinder sind schon immer ins Museum gekommen. Das hat zum Teil mit ihrem familiären und sozialen Hintergrund zu tun. Mit unserer Piratenausstellung, einer Sonderausstellung speziell für Kinder, haben wir im vergangenen Jahr jedoch auch extrem viele Kinder erreicht, die zuvor noch niemals in irgendeinem Museum waren, geschweige denn in unserem. Warum das allerdings so ist, kann ich nicht sagen.

Worauf freuen Sie sich bei Ihrer Arbeit für das „Junge Schloss“ besonders?

Auf die Zusammenarbeit mit der Zielgruppe selbst, mit den Kindern; darauf, zusammen zu überlegen, wie man eine Ausstellung macht und darauf, von den Kindern zu lernen. Die Zeiten, in denen ich alleine am Schreibtisch saß und mir Vermittlungsebenen und Inhalte einer Ausstellung in der Theorie überlegt habe, sind endgültig vorbei.

Dieser Artikel erschien erstmals im November 2009 bei www.goethe.de.
Text/Interview: Verena Hütter
Freie Autorin und Redakteurin, München.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2010
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