Bildung

Deutschland-Alumni und ihr Beitrag zu Chinas kultureller Modernisierung

Deutschland-Alumni der Tonji Universität in Shanghai © www.icpress.cn
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Vor den chinesischen Studenten, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland studierten, lag damals ein steiniger Weg. Ahnungslos, welche Schwierigkeiten sie erwarten würden, hatten sie den Ozean überquert, waren meilenweit gereist und betraten ein fremdes Land. Das, was sie geistig aufrecht hielt, war allein das Schicksal ihres Vaterlandes.

Auch wenn sich von der Hundert-Tage-Reform im Jahr 1898 bis zur Vierten-Mai-Bewegung 1919, also von der Ära der chinesischen „Gentlemen“ bis zur Ära der Studenten, die Wertevorstellungen unter den Gelehrten leicht verschoben hatten, herrschte in einem Punkt unveränderte Einigkeit: Man suchte nach einem „neuen“ Weg für China. So wollte Cai Yuanpei (蔡元培, 1868-1949), ab 1917 Rektor der Peking-Universität und 1927 Mitbegründer der Nationalen Musikhochschule Shanghai, „China retten“. Auch Wang Guangqi (王光祈, 1898-1936) betonte, er wolle „ein Vorbild für China sein“ und selbst Chen Yinke (陈寅恪, 1890-1969), der stets „die Unabhängigkeit der Wissenschaften“ hochhielt, interessierte sich, während er sich in diese vertiefte, vielmehr dafür, „die Nation zu retten und den Staat zu ordnen“. „Nachdem mein lang gehegter Wunsch (man fragt sich: welcher?) endlich in Erfüllung gegangen ist, wenden sich meine Gedanken sofort meinem Land und meiner Heimat zu“, bekannte Ji Xianlin (季羡林, 1911-2009), nachdem er seine mündliche Promotionsprüfung abgelegt hatte.

2009 wurde „Zehn Jahre in Deutschland“ in Deutsch veröffentlicht © Georg-August-Universität Göttingen
2009 wurde „Zehn Jahre in Deutschland“
in Deutsch veröffentlicht ©
Georg-August-Universität Göttingen

Unterschiede bestanden jedoch in dem konkreten Weg, den jeder einzelne für sich wählte. Während Leute wie Cai Yuanpei und Ma Junwu (马君武) sich die politische Affinität der traditionellen Gelehrten bewahrt hatten, stand für Zong Baihua (宗白华) und andere eine kulturelle Neubestimmung fest. Für Chen Yinke jedoch musste der Weg zur Rettung der Nation und zur Ordnung des Staates „unbedingt auf dem Fundament einer Bildung des Geistes (der sogenannten Metaphysik) fußen“, und er stellte mit Bedauern fest: „Die chinesischen Auslandsstudenten verstehen nichts von der Forschung, ja sie verabscheuen diese und stören sich nicht an ihrer eigenen Unwissenheit. Das kommt daher, weil sie zum Pragmatismus neigen und ihre alten Angewohnheiten nie geändert haben.“ Vor diesem Hintergrund muss einen der harte Weg des Auslandsstudiums jener Jahre tatsächlich tief bewegen.

Ganz gewiss bildeten die Chinesen, die damals in Deutschland studierten, als Intellektuelle die nationale Elite, denn charakterlich, moralisch und ihren intellektuellen Fähigkeiten nach galten sie als die erste Wahl. Unter jenen, die „wie Wolken“ über den europäischen Kontinent wanderten, waren Fu Sinian (傅斯年), Chen Yinke, Yu Dawei (俞大维), Luo Jialun (罗家伦), Mao Zishui (毛子水), Zhao Yuanren (赵元任), Zong Baihua, Li Huang (李璜), Zeng Qi (曾琦), Huang Guangxi (王光祈), Wei Shizhen (魏时珍) und He Siyuan (何思源). All diese Auslandsstudenten ließen sich in ihrem Leitmotiv unter Zong Baihuas Idee der „Kulturkritiker“ subsumieren, d.h. dass sie „nach einem echten Weg suchten, eine neue Kultur aufzubauen“. Den Gelehrten jener Epoche war gemeinsam, dass sie den Aufbau einer neuen chinesischen Kultur niemals aus den Augen verloren. Zwar verfolgte jeder dieser Studenten in Deutschland sein eigenes, rein akademisches Anliegen und auch die politischen Meinungen gingen weit auseinander, aber weltfremde Bücherwürmer waren sie keineswegs. Ihr Hauptinteresse galt im weitesten Sinne dem großen Feld der Kultur. Obwohl etwa das Forschungsgebiet von Zong Baihua die Philosophie war, beschäftigten ihn dabei doch stets auch die Fragen um den Aufbau der chinesischen Kultur. Dieses Interesse hegte er seit jungen Jahren, und sein in der Folge allmählich Gestalt annehmendes Ideal von einer „kulturellen Staatsgründung“ erwies sich als sehr tolerant und wurde zum Inbegriff für die „kulturelle Wegsuche“ der Auslandsstudenten in Deutschland. Denn im weitesten Sinne umspannte das Ideal der „kulturellen Staatsgründung“ samt und sonders Wissenschaften, Bildung, Literatur, Kunsterziehung sowie Kulturkritik. So fanden auch der Gedanke einer anwendungsorientierten umfassenden Bildung, die Idee einer nationalen Literatur und das akademische Schreiben ihren Platz darin. Haben aber die chinesischen Studenten in Deutschland – auch wenn sie als Einzelne Großartiges geleistet haben und für die chinesische Kulturgeschichte der Moderne von herausragender Bedeutung sein sollten – für die gesamte kulturelle Entwicklungsgeschichte Chinas wirklich einen idealen Weg gefunden? Oder, um es direkter zu formulieren: Wohin hat diese kulturelle Wegsuche geführt? Dieser Frage soll hier nachgegangen werden. Welche der Gedanken und Errungenschaften, die unsere Vorgänger uns hinterlassen haben, sind brauchbar, und welche Schlüsse können Intellektuelle und Wissenschaftler heute daraus für eine sich weiterhin „auf dem Weg befindende“, moderne chinesische Kultur ziehen? Was davon kann weiterentwickelt werden? Wie ich meine, sind dabei folgende Punkte zu bedenken:

1. Einzelkämpfer und geistige Gruppierungen

Wie Intellektuelle im chinesischen Modernisierungsprozess Zeitungen und Magazine nutzten, um Intellektuellenkollektive zu gründen und so Funktion und Einfluss der Intellektuellen verstärkten, ist mittlerweile Gegenstand der Forschung. Auch die chinesischen Studenten in Deutschland haben aus einem ähnlichen Bewusstsein heraus agiert und sich organisiert, wofür die Forschungsgesellschaft für Deutsch-Chinesische Kultur, die 1921 von Auslandsstudenten begründet wurde, ein gutes Beispiel ist. Das Problem lag jedoch darin, dass sich all diese Organisationen irgendwann in Luft auflösten. So war es weniger entscheidend, ob es eine formelle Organisation gab, der springende Punkt lag vielmehr in einer substantiellen Zusammenarbeit. In diesem Punkt war das Gesamtbild der Auslandsstudenten jedoch überwiegend durch Einzelkämpfer bestimmt. Jeder Einzelne von ihnen hatte zwar in der Tat großen Einfluss auf die Kulturgeschichte der chinesischen Moderne, doch in ihrer Gesamtheit konnten sie längst nicht die kollektive Kraft entfalten wie etwa die Studenten in den USA.

2. Politik und Kultur – am Scheideweg oder auf Kommunikationskurs

Das Verhältnis von Kultur und Politik bereitete den chinesischen Gelehrten seit jeher Kopfzerbrechen. Dazu muss man wissen, dass viele Gelehrte der neueren Zeit sich „keineswegs von Anfang an akademischen Studien widmeten, sondern sich so vom Geist der Zeit mitreißen ließen, dass sie eine zeitlang kein Interesse am Studieren hatten, sondern lieber Politik machen wollten“. Beispielhafte Persönlichkeiten hierfür sind etwa Kang Youwei (康有为), Liang Qichao (梁启超), Zhang Taiyan (章太炎), Huang Kan (黄侃) oder Xiong Shili (熊十力). Nachdem das kaiserliche Prüfungssystem abgeschafft worden war und die Schulen aufblühten sowie insbesondere seit der Republikzeit mit Bildung, Forschung, Literatur und Medien ein völlig neues System kultureller Produktion entstanden war, verlor die Formel, nach der man nur durch die Einmischung in die Politik das Ideal von „der Ordnung der Welt und der Rettung der Nation“ erreichen könne, allmählich an Wirkung. Die Entscheidung Zong Baihuas für die Kultur und gegen die Politik spiegelt diese Entwicklung sehr deutlich wider. Aber bestand der einzig gangbare Weg tatsächlich darin, sich von der Politik fern zu halten und die Nähe zur Kultur zu suchen? Letztlich sollte man dies nicht allzu genau gegeneinander aufwiegen. Ob sie nun die Politik oder die Kultur wählten, in ihrem Leitmotiv, einen Weg für China zu suchen, waren sich alle einig: Sie taten es immer in der Sorge um die Gesellschaft und mit Blick auf den Staat. Als eine zentrale Figur der modernen chinesischen Kulturgeschichte ist Hu Shi (胡适) in seinem Schwanken zwischen Politik und Kultur augenfällig. Und vielleicht charakterisiert gerade dies die Gruppe chinesischer Studenten in den USA: Auch wenn sie keine politischen Ämter bekleideten, bewahrten sie doch stets ein Interesse an der Politik. Diese Einstellung, sich aus der Position eines Bürgers mit der Politik zu beschäftigen, schien den Studenten in Deutschland abzugehen. Möglicherweise hängt dies mit dem demokratischen Hintergrund in Amerika und der autokratischen Tradition in Deutschland zusammen. Aber für China, das sich immer mehr der Modernisierung und Demokratie öffnete, bedeutete politisches Desinteresse unter den Gelehrten nichts Gutes.

3. Die Auswertung westlichen Wissens und die chinesische Basis

Nachdem die chinesische Intelligenz in den 1920er Jahren das traditionelle chinesische Gedankengut einer rationalen Überprüfung unterzog, zeichnete sich die Position einer „chinesischen Basis“ (zhongguo benwei) immer deutlicher ab. Für das dehnbare Konzept der „Verbreitung westlichen Wissens gen Osten“ (xixue dongjian) fehlte hingegen nach wie vor ein tieferes Verständnis. Insbesondere wenn es darum ging, das Gedankengut verschiedener Länder zu differenzieren, war man noch lange nicht zu den feineren Nuancen vorgedrungen. Unter den chinesischen Studenten in Deutschland galt die These von einer „chinesischen Kulturbasis“ als unbestritten, denn praktischerweise war diese auf alles, was sie taten, anwendbar. Haben nun die Studenten in Deutschland in der Frage, wie man mit dem Wissen des Westens verfahren sollte, eine eigene Methode entwickelt? Deutschland, das damals in der Hochschulbildung weltweit führend war, verfügte selbstverständlich über akademische Disziplinen im Sinn der westlichen Moderne. Die Übertragung auf chinesische Verhältnisse stellte die Auslandsstudenten jedoch auf eine schwere Probe.

Ein verbreitetes Phänomen unter den Auslandsstudenten jener Zeit war, dass sie „mehr nach dem Doktortitel, denn nach der geistigen Essenz strebten und das Allgemeine der Spezialisierung vorzogen.“ Nichtsdestotrotz konnten sich gerade die Akademiker dieser Epoche nicht der Frage entziehen, wie die Fusion westlicher und chinesischer Kultur sinnvoll zu bewerkstelligen sei. Betrachtet man die zurückliegenden großen Kulturdebatten des modernen China, so haben es die Studenten in Deutschland nicht nur versäumt, als geeinte Kraft aufzutreten, sondern sie blieben auch äußerst blass und konturlos. Sie waren sich zwar im Klaren darüber, dass die chinesische Kultur als Grundlage dienen sollte, aber wie das westliche Wissen diese ergänzen sollte, darüber wurde nicht ausreichend reflektiert. Verglichen mit den Studenten in Amerika hing die Übernahme und Adaption von deutschem Gedankengut in großem Maße vom intuitiven Verständnis und dem persönlichen Engagement Einzelner ab und wurde nur selten von einer höheren Warte der Vernunft betrachtet. Es fehlte insbesondere an tieferen Überlegungen zu den großen Fragen der Verschmelzung west-östlicher Kultur oder des Transfers und der Innovation von Wissen. Ganz zu schweigen von Strategien und Plänen, diese in die Tat umzusetzen. Dabei hätten sich die Auslandsstudenten gerade in diesem Punkt für die Modernisierung Chinas verdient machen können.

Ye Jun © Ye JunYe Jun (叶隽)wurde 1973 in Nanjing geboren. Sein Studium der Literatur an der Universität Nanjing, der Pekinger Fremdsprachenuniversität sowie der Peking-Universität schloss er mit einem Doktortitel ab. Darüber hinaus forschte er an Hochschulen in Deutschland, England und Frankreich. Derzeit ist er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ausländische Literatur der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften in Peking tätig. Seine Monographie umfasst: Die Wandlung des Subjekts, Eine andere westliche Lehre, Die Atmosphäre des Epos und die Unschlüssigkeit der Freiheit – Über die Geistesgeschichte von Schillers Dramen, Germanistische Forschung und das China der Moderne. Als gesammelte Essays erschienen von ihm unter anderem: Kritische Anthologie der deutsch-chinesischen Kulturbeziehungen. Ye Jun wirkte an der Herausgabe von Cai Yuanpei: Über den Sinn der Universität und maßgeblich an Buchreihe deutsch-chinesischer Kultur sowie Buchreihe Geschichte der Auslandsstudien mit.
Text: Ye Jun (叶隽)
Institut für Ausländische Literatur der Chinesischen Akademie für
Sozialwissenschaften
Übersetzung: Julia Buddeberg
Januar 2010

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