Bildung

Viel diskutiert: Comic über den Holocaust im Geschichtsunterricht

Titelblatt des Comics „Die Suche“ © Anne Frank Zentrum
 Die Suche: Ausschnitt vom Titelbild © Eric Heuvel
Die Suche: Ausschnitt vom Titelbild © Eric Heuvel

Der Comic Die Suche erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie, die von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde. Mit großem Erfolg wurde er als Material im Geschichtsunterricht an deutschen Schulen eingesetzt. Seither wird darüber diskutiert, ob man Jugendlichen den Holocaust per Comics vermitteln kann und darf. Bietet dieses Medium - wie andere Kunstformen auch - eine Chance für die Erinnerungskultur oder sind Comics über den Holocaust tabu?

Wie beinahe jeder klassische Comic beginnt Die Suche ganz harmlos. „Jeroen ist unterwegs zu seiner Oma“, steht über der ersten Bildsequenz, die den Jungen mit dem Fahrrad bis an den Kaffeetisch seiner Großmutter führt. „Super, dass ich mitdarf“, freut sich Jeroen. Denn Esther, eine alte Freundin seiner Oma, ist zu Besuch und will samt Familie einen Ausflug unternehmen - Jeroen eingeschlossen.

Reise in die Vergangenheit

Damit kommt etwas in Bewegung. Die Idylle kippt. Der Ausflug in der Gegenwart wird zu einer Reise in die Vergangenheit. In Rückblenden erzählt Esther die Geschichte ihrer jüdischen Familie während der NS-Zeit. 1938 waren die Hechts mit ihrer Tochter Esther nach Holland geflohen. Nach dem Einmarsch der Nazis 1940 wurden sie nach Auschwitz deportiert und ermordet. Esther konnte fliehen. Die Suche schildert den Selbstfindungsprozess der Hauptfigur und berichtet vom Leben und Sterben im KZ Auschwitz-Birkenau.

Mit ihrer sogenannten „Graphic Novel“ aus dem Jahr 2007 haben es die Niederländer Eric Heuvel und Ruud van der Rol zur Berühmtheit unter den aktuellen Comics gebracht. Das liegt nicht nur am drastischen Inhalt, dem klaren realistischen Stil und einer rasant komponierten Bilderfolge, die an die Alben von Albert Uderzo oder Hergé erinnert.

Erfolgreiches Pilotprojekt

Unterricht mit dem Comic „Die Suche“ © Anne Frank Zentrum
"Die Suche" im Unterricht
© Anne Frank Zentrum
Das fiktive Comic-Drama ist zugleich zum Testfall in Deutschland geworden: Weil nach neuesten Studien - die wohl umfassendste Auswertung stammt von der Universität Oldenburg - mehr als 20 Prozent der deutschen Schüler vom Holocaust nichts oder nur wenig wissen, wurde der Band 2008 mit Unterstützung des Anne-Frank-Zentrums in Berlin und Amsterdam im Geschichtsunterricht erprobt. Rund 1.400 Schülerinnen und Schüler aus den Klassen 9 bis 13 nahmen in Berlin und Nordrhein-Westfalen an dem Pilotprojekt teil, das die NS-Zeit und den Holocaust mit Hilfe des Mediums Comic thematisiert.

Natürlich war Die Suche aufgrund der Darstellungsform bei den Jugendlichen ein Erfolg. „Der Comic ist wegen seiner bekannten Form und sequenziellen Erzählstruktur fast konkurrenzlos. Er weckt die Neugierde. Inhalte, die darüber transportiert werden, funktionieren bei Jugendlichen sehr gut“, urteilt Thomas Grumke, der das Projekt für das Innenministerium in Nordrhein-Westfalen bewertete. Die Suche bilde ein probates Mittel, dem Erinnerungsverlust im Zusammenhang mit dem Holocaust vorzubeugen.

Tabubruch oder Chance?

Darüber hinaus hat Die Suche die Debatte wiederbelebt, ob das Grauen des Holocausts in der Kunst überhaupt darstellbar, ja ob die Darstellung erlaubt sei. „Holocaust im Comic - Tabubruch oder Chance?“, fragte etwa ein Symposion im Oktober 2008, um die Grenzen und Optionen ästhetischer und pädagogischer Arbeit mit Graphic Novels neu auszuloten.

Die Frage, ob man den Wahnsinn des Holocausts künstlerisch visualisieren kann und darf, ist vielfach beantwortet worden: mit ja - und nein. In Schindlers Liste (USA, 1993) von Steven Spielberg beispielsweise gelingt der Versuch, da der Film sowohl Bilder für den Holocaust findet als auch sich selbst Schranken setzt. Einen Blick in die Gaskammer gibt es nicht.
„Die Bilder für das Unvorstellbare überlässt der Film der Vorstellung des Zuschauers“, wie Jens Birkmeyer, Germanist und Medienwissenschaftler an der Universität Münster, es ausdrückt.

Comic-Literatur und Holocaust

Dass neben dem Film oder der Bildenden Kunst zusehends auch Comics die Nazizeit, Verfolgung und Judenvernichtung aufgreifen, ist für Künstler evident. Comics steigern die vielfältigen - auch kommerziellen- Möglichkeiten, ein Thema ästhetisch zu reflektieren.

Art Spiegelmans Comic-Parabel Maus (1986) gilt als Vorbild und Meilenstein für die künstlerische und inhaltliche Beschäftigung der Comic-Literatur mit dem Thema Holocaust. Digne M. Marcovicz Projekt Massel (2006) oder Heuvels/van der Rols Die Suche folgen diesen Spuren, einem jungen Publikum sowohl mit erzählenden als auch sprung-, sequenz- und collagehaften Strukturen sowie poppiger Sprache („Bum!“, „Wraff, wraff“ oder „Schluck!“) Geschichte nahe zu bringen. „Einen Tabubruch, wie man noch bis in die 1980er-Jahre meinte, begeht der Comic schon lange nicht mehr, wenn er sich mit dem Holocaust beschäftigt“, meint darum die Berliner Publizistin Jutta Harms.

Auf der Ebene der populären Kultur angekommen

Titelblatt des Comics „Die Suche“ © Anne Frank Zentrum
Titelblatt "Die Suche"
© Anne Frank Zentrum
Für Jens Birkmeyer spielt der Charakter von Comics in dem Zusammenhang keine Rolle. „Es kann nicht um die Frage gehen, ob ein Comic den Holocaust richtig darstellt. Den Holocaust kann man niemals richtig oder falsch darstellen.“ Vielmehr gehe es darum diese spezifische Erzählform zu akzeptieren. „Der Comic hat nicht allein ein Bilderverbot durchbrochen, sondern erreicht, dass die Erinnerungskultur auf der Ebene der populären Kultur angekommen ist.“ Damit habe sich das Spektrum künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Holocaust erweitert.


Die Suche reflektiert dies alles. Sie ist eine gut gemachte Bildergeschichte und besitzt einen hohen pädagogischen und künstlerischen Wert. Sie nähert sich dem Horror, aber vermag ähnlich wie bei Spielberg die Balance zu halten, wenn es um die Vernichtung geht. Ein voyeuristischer Blick fehlt. Zum Text „Sie waren auf dem Weg nach Auschwitz, einem Vernichtungslager im besetzten Polen. Erst nach dem Krieg wurde deutlich, was in Osteuropa geschehen war.“ bleibt das Bild schwarz. Wir können es uns denken.
Text: Rolf Lautenschläger
ist Kunsthistoriker, Journalist und Redakteur für Kulturpolitik bei der Tageszeitung „taz“.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2008
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