Bildung

Die Qualität des Unterrichts kontrolliert niemand

Kristina Riegert, 14, zeigt, was sie schon lesen kann:
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Kristina Riegert, 14, zeigt, was sie schon lesen kann: "Komm bitte nach China."

Sich geistig von Berlin nach Peking zu versetzen, kann ganz schön anstrengend sein. Nachdem Nancy Musev, Chinesisch-Lehrerin am Carl-von Ossietzky-Gymnasium, Postkarten mit Motiven vom Himmelstempel an ihre 14- bis 15-jährigen Schüler verteilt hat, bittet sie, auf die Rückseite eine paar Grußworte auf Chinesisch zu schreiben „Stellt euch vor, ihr seid in Peking und schreibt an eure Eltern in Berlin“, sagt sie. „Die können aber kein Chinesisch“, rufen die Schüler der 8. Klasse am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Berlin-Pankow lachend. Ein paar Minuten herrscht Verwirrung, wer in welcher Sprache wie von welchem Ort aus an wen schreibt. Dann schmücken doch noch ein paar Sätze in ungelenken Schriftzeichen die Postkarten. „Hen hao 很好“, lobt die Chinesisch-Lehrerin. „Sehr gut!“

Auch erzieherische Funktionen

Früher gab die 38-Jährige Chinesisch-Crashkurse für Manager, heute bringt sie Pennälern Töne und Strichfolgen bei. Das sei herausfordernder als die frühere Aufgabe, sagt sie. Schließlich müsse man auch auf Hausaufgaben, Fehlzeiten und Verhalten achten. „Ich habe nun auch erzieherische Funktionen.“ Über Referendariat und Staatsexamen wie ihre Kollegen am Gymnasium verfügt sie jedoch nicht. „Zum Glück habe ich Methodik und Didaktik in meinen anderen Studienfächern gelernt: Germanistische Linguistik und Deutsch als Fremdsprache.“

Unterschiedliche Lernkulturen

Derzeit erlebt keine Fremdsprache in Deutschland eine derartig stark steigende Nachfrage wie Chinesisch. Im Schuljahr 2007/08 hatten bundesweit rund 5000 Gymnasiasten Chinesisch als drittes Wahlpflichtfach belegt, dazu kommen noch einmal einige tausend Schüler in Chinesisch-AGs. Berlin führt diesen Trend an. Allein an zehn Gymnasien lernen 597 Mädchen und Jungen die Fremdsprache im Wahlpflichtfach. 2008 ist Chinesisch in der Hauptstadt sogar erstmals Abiturprüfungsfach.

Trotz des Booms ist es nicht möglich, in Deutschland Chinesisch auf Lehramt zu studieren. Die Lehrer sind in der Regel Muttersprachler oder Sinologen ohne ausreichende pädagogische Qualifikation. „Das geht gelegentlich schief“, sagt Andreas Guder, Vorsitzender des Fachverbandes Chinesisch und Dozent an der Freien Universität Berlin. Beispielsweise ließen sich mit traditionellem Frontalunterricht wie in China üblich deutsche Kinder nur schwer für die Schönheit der Schriftzeichen begeistern. „Die Lernkulturen in Deutschland und China sind zu unterschiedlich“, sagt er.

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Nancy Musev mit ihren Chinesisch-Schülern der achten Klasse am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium


An den Hochschulen in Köln und München ist es nun zwar möglich, Chinesisch freiwillig als drittes Schulfach zu belegen, quasi nebenbei. „Doch das ist kein Ersatz für einen regulären Lehramtsstudiengang Chinesisch“, sagt Guder. „Die Bundesländer sind zwar stolz darauf, Chinesisch als Schulfach anzubieten, jedoch findet sich in den Schulbehörden meist noch niemand, der fachlich in der Lage wäre, die Inhalte zu überprüfen.“ Auch der Berliner Schulsenat räumt diese Schwierigkeiten ein. „Es ist noch nicht abschließend abgestimmt, wie wir zu Fachseminarleitern für Chinesisch kommen können“, sagt ein Sprecher. „Dieses Problem und seine Lösung sind derzeit noch in der rechtlichen Prüfung.“

Angst vor Verflachung des Faches

Der Fachverband Chinesisch bemüht sich um bundesweit weitgehend einheitliche Rahmenlehrpläne, Prüfungskriterien und um die Einführung eines Lehramtsstudiengangs. Dafür müsste die Sinologie mit der Pädagogik eng kooperieren. Doch viele Professoren fürchten dann eine Verflachung der philologischen Tradition des Faches. Die Chinesisch-Lehrer an den Schulen wünschen sich allerdings eine Gleichstellung mit ihren Kollegen. „Was die Fortbildung betrifft, ist jeder total auf sich selbst gestellt“, sagt Wu Jiang 乌疆, Lehrerin an der Humboldt-Oberschule in Berlin-Tegel. Weil sie selbst das Bedürfnis hatte, sich pädagogische Methodik anzueignen, hatte sie ein Jahr lang ein Seminar für Englisch-Lehrer besucht. „Das hat mir sehr viel geholfen.“

Die resolute Wu Jiang hat in Berlin viele Lanzen für Chinesisch als Schulfach gebrochen. Engagierten Einzelkämpfern wie ihr ist es zu verdanken, dass heute in keinem anderen Bundesland Chinesisch als Fremdsprache beliebter ist als in Berlin. Umso wichtiger sei es, dass nun verbindliche Qualitätsnormen für den Unterricht gelten, sagt Wu Jiang. 1998 begann die Mutter zweier Jungen, Chinesisch in einer Arbeitsgemeinschaft an der Viktor-Gollancz-Grundschule in Berlin-Frohnau zu lehren. Später stellte auch die Humboldt-Oberschule sie an. Heute unterrichtet die 44-Jährige dort 240 Schüler. Für Berlin und Brandenburg hat sie die Rahmenlehrpläne von der 7. bis 13. Klasse mit ausgearbeitet.

Nicht vergleichbar mit Englisch

Ein Problem war, den Behörden klar zu machen, dass Chinesisch nicht mit Englisch oder Französisch vergleichbar sei. „Nach fünf Jahren Chinesisch-Unterricht sollten die Schüler ein Referat halten und einen 15-seitigen Aufsatz schreiben können“, sagt sie. „Doch das können ja nicht mal Sinologen nach abgeschlossenem Studium.“ Der Fachverband Chinesisch geht davon aus, dass Deutsche etwa doppelt so lange lernen müssen, um sich in Chinesisch so gut auszudrücken wie in einer so genannten affinen Fremdsprache, Englisch oder Französisch. Nun heißt es im „Rahmenlehrplan Chinesisch, Sekundarstufe II“: Nach fünf Jahren Unterricht müssen1000 Schriftzeichen und verschiedene Dialekte erkannt werden, landeskundliches Wissen soll vorhanden sein.

Die ganze Familie lernt mit

Davon sind die Achtklässler am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium noch weit entfernt. Vor einem Jahr haben sie angefangen, in das fremde Sprachsystem einzutauchen. Stolz sind sie auf jedes Schriftzeichen, das sie kennen. Es macht sie zu etwas Besonderem. „Chinesisch als Fach im Zeugnis sieht cool aus“, sagt Jan Klonowski. „Das kann nicht jeder. Das ist wie eine Geheimsprache.“ Caroline Duschek erzählt: „Wenn Besuch da ist, sagt meine Mutter immer: Zeig doch mal dein Chinesisch!“ Nils Schumann sagt, dass seine Eltern ihn neulich im China-Restaurant aufforderten, das Essen auf Chinesisch zu bestellen.

Ob sie in fünf Jahren 1000, 500 oder nur 300 Schriftzeichen beherrschen, kümmert die Schüler kaum. Vielleicht sollten auch die Behörden darauf weniger Wert legen. Denn eines ist klar: Wenn ein Schüler Chinesisch lernt, lernt dazu auch noch mindestens eine ganze Familie eine fremde Kultur besser kennen. China rückt in die Mitte der deutschen Gesellschaft und manche Deutsche rücken in die Mitte Chinas. „Nach dem Abi will ich mein freiwilliges soziales Jahr in China machen“, sagt Nils.


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Text: Kirstin Wenk
Journalistin, Berlin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
August 2008

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