Bildung

Wachsendes Interesse Chinas am EU-Modell

Fan Yongpeng (chinesischer Gastwissenschaftler) und Fabrice Larat, Copyright: MZES
Fan Yongpeng (chinesischer Gastwissenschaftler) und Fabrice Larat, Copyright: MZES
Fan Yongpeng, ein chinesischer Gastwissenschaftler, und Fabrice Larat
Mitte Juni 2007 versammelten sich in Peking chinesische und deutsche Wissenschaftler, um drei Tage lang über die EU zu diskutieren: Europäische Staatenbildung und EU-Integration, die Zukunft der europäischen Wohlfahrtsstaaten, EU-Konfliktbewältigung im Fall der iranischen Atomkrise waren einige ihrer Diskussionspunkte. Warum interessiert sich China für solche Themen? Wo sind die Parallelen zu Europa – angesichts der unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Systeme? "Die Chinesen sind sich bewusst, dass sie viele Probleme haben und in Zukunft haben werden, und für die suchen sie nach Lösungsmöglichkeiten", erklärt Dr. Fabrice Larat, Politikwissenschaftler am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES). Er unterstützt Prof. Dr. Beate Kohler-Koch bei der Kooperation mit den chinesischen Kollegen. Besonders interessiert seien diese am Thema Wohlfahrtsstaat. Nicht ohne Grund, "denn China sieht sich in zehn, 15 Jahren mit einem Heer von Rentnern konfrontiert, das nie in eine Kasse eingezahlt hat." Dafür, ebenso wie für die in einigen Regionen grassierende Arbeitslosigkeit, suche China Modelle und Lösungen und schaue dabei bewusst nach Europa.


Kontakte zu zukünftigen Multiplikatoren

Seit Prof. Dr. Beate Kohler-Koch vor zehn Jahren die Leitung eines EU-Programmes zur Förderung der chinesischen Europastudien übernommen hat, steht das MZES in engem Kontakt mit dem Institut für Europastudien in Peking. Dieses gehört der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS) an. Gefördert wird die Kooperation des MZES und der CASS vom European Studies Centres Programme der EU. Ausgelöst wurde diese Zusammenarbeit 1997 durch ein Kooperationsabkommen im Bereich Hochschulbildung zum Thema europäische Integration zwischen der chinesischen Regierung und der EU.

Das plötzliche Interesse der EU an China war damals eindeutig von der wachsenden Bedeutung Chinas als Handelspartner geprägt. Die Kooperation mit Hochschulen stellt dabei nur ein Steinchen im Mosaik dar, das jedoch hüben wie drüben an Bedeutung zu gewinnen scheint. "Die Zusammenarbeit der Hochschulen ist für die EU ein Mittel, um einen sanften Transformationsprozess in Richtung einer größeren Offenheit in China voranzutreiben", fasst Larat den Ansatz der EU zusammen. Doch selbst wenn die Demokratisierung kein öffentliches Thema in China ist, lohne es sich in die jungen Wissenschaftler zu investieren, "denn sie sind die Zukunft eines Landes, das in 20 Jahren eine noch weitaus bedeutendere Rolle in der Weltpolitik spielen wird als heute." Es sei wichtig, Menschen in China zu haben – und zwar voraussichtlich an entscheidenden Stellen, denn die jungen Wissenschaftler von heute sind die Multiplikatoren von morgen – die wissen, "wie wir Europäer ticken und die vielleicht unsere Werte ein wenig verinnerlicht haben. Es werden Menschen sein, mit denen wir kommunizieren können, weil wir dieselbe wissenschaftliche Sprache sprechen."

Neue Perspektiven der Wissenschaft entdecken

Fabrice Larat betreut in Mannheim chinesische Wissenschaftler, die – wie einer seiner letzten Doktoranden – beispielsweise über den „Zusammenhang zwischen der institutionellen Entwicklung in der EU und der Entstehung einer kollektiven Identität“ forschen. Rund 20 junge Wissenschaftler waren bislang zu Gast am MZES. Sie profitieren enorm, sagt Larat, weil sie mit neuen Lehrmethoden konfrontiert werden und vor allem freien Zugang zur Literatur haben. "Sie lernen eine andere Seite der Wissenschaft kennen – zum Beispiel, dass sich wissenschaftliche Quellen auch widersprechen können, dass es nicht nur eine Wahrheit geben muss."

Der Politologe Liu Zuokui, der seit einem halben Jahr am MZES arbeitet, war überrascht von der "deutschen Art zu forschen". Auch dass die Professoren "offen und ehrlich" die Arbeiten ihrer Studenten kritisieren, sei für ihn neu gewesen und habe ihn anfangs in Verlegenheit gebracht. Was ihn allerdings am meisten erstaunt, ist der hohe Stellenwert, den das empirische Arbeiten in der Forschung einnimmt.

Vermittlung innovativer Unterrichtsmethoden

Fabrice Larats Wege führen mehrmals im Jahr nach China, um an Konferenzen teilzunehmen, Vorträge zu halten und an unterschiedlichen Hochschulen zu unterrichten. Dabei geht es nicht nur um Inhalte, sondern auch um die Vermittlung von innovativen Unterrichtsmethoden. Die deutschen Wissenschaftler treten meist auf fruchtbaren Boden, denn "die Chinesen wollen sich als Wissenschaftler modernisieren und wissen, dass sie von uns eine Menge lernen können." Riecht das nicht ein wenig nach einer Art "Gedankenkolonialismus"? Larat schüttelt den Kopf. Wissenstransfer sei zwar auch eine Frage des politischen Einflusses, "aber die Chinesen sind sehr selbstbewusst und pragmatisch. Sie würden nie ein Modell 1:1 übernehmen. Sie wissen, es gibt verschiedene Modelle, und sie picken sich das heraus, was sie wollen und brauchen."

Liu Zuokui bestätigt dies unbeabsichtigt. Auf die Frage, ob es möglich sei, die von ihm neu entdeckten Methoden in China anzuwenden, antwortet er höflich: "Ich werde es versuchen. Aber Sie wissen, wir haben einen anderen kulturellen und politischen Hintergrund. Es wird schwierig sein."

Europa aus einem anderen Blickwinkel betrachten

Unterdessen sinniert Fabrice Larat in seinem Büro über dieses Land der scheinbar endlosen Widersprüche ("Einerseits Manchesterkapitalismus, andererseits ein kommunistisches Parteimonopol, das nicht mehr zur Entwicklung der Gesellschaft passt.") und sein Projekt: "Wir beschäftigen uns permanent mit uns selbst. Dieses Projekt, der Kontakt zu China hilft uns, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Die chinesischen Wissenschaftler kommen nicht selten mit Fragen, die uns plötzlich einen ganz anderen Blick auf Europa eröffnen. Dinge, die für uns immer selbstverständlich waren, stehen plötzlich in einem anderen Licht da."

Text: Nadja Encke
Freie Journalistin aus Mannheim
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
November 2007
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