Stadt der Zukunft

Rückkehr der Utopien

Ausstellungslogo Utopia Matters © Deutsche Guggenheim
Ausstellungslogo Utopia Matters © Deutsche Guggenheim
Ausstellungslogo „Utopia Matters“ © Deutsche Guggenheim


Utopia matters lautet, ein wenig trotzig, der Titel einer Ausstellung, die vom 23. Januar bis zum 11. April 2010 in den Räumen der Deutschen Guggenheim in Berlin zu sehen war und im Anschluss in Venedig gastiert. Anhand von neun Kunstströmungen – Les Primitifs, Nazzarenern, Präraffaeliten, William Morris und Arts and Crafts, Cornish Art Colony, Neoimpressionismus, De Stijl, Bauhaus und russischem Konstruktivismus – wird der Entwicklung utopischer Ideen in der modernen Kunsttheorie und -praxis nachgespürt. Die Ausstellung selbst ist ein Beleg dafür, dass Utopien, nach Jahrzehnten beredten Schweigens, gegenwärtig wieder nachgefragt werden und in den öffentlichen Diskurs zurückgekehrt sind.

Der Ausstellungstitel lässt aufhorchen, wird mit ihm doch einer These widersprochen, die bis vor kurzem allgemeine Zustimmung fand: dass der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums auch das „Ende des utopischen Zeitalters“ (Joachim Fest) eingeläutet habe. Als alternativlos galten den meisten seither Kapitalismus und Neoliberalismus, Individualismus und Pragmatismus, als Kinderei und Zeitverschwendung Utopien und utopisches Denken. Die zahlreichen globalen Krisen der Gegenwart, allen voran Klima-, Ressourcen-, Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, dürften der Grund sein, weshalb Alternativen und Utopien heute wieder Konjunktur haben, das Utopische als Horizont des Möglichen wieder ernst genommen wird.

Eine verführerische Idee


Titelholzschnitt des Romans Utopia von Thomas Morus
Titelholzschnitt des Romans
Utopia von Thomas Morus

Spätestens seit Thomas Morus und seinem 1516 erschienenen Buch „Vom besten Staatszustand und von der unbekannten Insel Utopia“ gehört der Gegenentwurf einer besseren Gesellschaft, die nicht drögem Realismus, sondern Vernunft und Phantasie gleichermaßen verpflichtete Suche nach der Welt von morgen, zu den anerkannten Stilmitteln literarischer Gegenwartskritik. Aus der weit entfernten, unerreichbaren Insel wurde in den folgenden Jahrhunderten eine verführerische Idee und ein eigenes, von sämtlichen Kunstgattungen, insbesondere Malerei, Architektur und Film, vielfach bespieltes und gespiegeltes Genre.

Ebenfalls seit Morus, gewiss jedoch seit Karl Marx (1818–1883) ist auch die Kritik der Utopie ein fester Bestandteil des utopischen Diskurses. Marx warf – durchaus im Einklang mit dem gemeinen Alltagsverstand – seinen Vorgängern, den von ihm und Friedrich Engels so bezeichneten Utopischen Sozialisten (Babeuf, Fourier, Blanqui, Saint-Simon, Weitling und anderen), vor, dass sie lediglich Wunschbilder entwürfen, von den tatsächlichen Machtverhältnissen jedoch abstrahierten und daher nicht imstande seien, die von ihnen gewünschten Veränderungen herbeizuführen; dazu bedürfe es solider Kenntnisse und wissenschaftlicher Theorien, eben eines Wissenschaftlichen Sozialismus.

Generationen von Marxisten haben es Marx nachgetan und die Utopie als kleinbürgerlichen Idealismus, ja Romantizismus diffamiert, sich selbst und den anderen ein rigoroses Bilder- und Denkverbot auferlegt. Zu einer gewissen Rehabilitierung der Utopie fand der Marxismus erst in der Person eines Außenseiters: Der deutsche Philosoph Ernst Bloch (1885–1977) hat das Utopische als Ausdruck menschlicher Hoffnungen und unverzichtbares Korrektiv einer verkrusteten, einseitig das Ökonomische protegierenden Weltanschauung wiederentdeckt, als „Konkrete Utopie“ diesmal, die, tastend und experimentierend, im Gegenwärtigen die Wurzeln des Künftigen freilegt und derart den Weg bereitet für eine konsequent „utopische“ Praxis.

Wiederkehr des Verdrängten


Eine solche Praxis steht heute ebenso aus, wie sie es damals tat. Was allein vernünftig wäre – die Gegenwart im Lichte des Künftigen (und nicht nur des ökonomisch Rentablen) zu beurteilen und die eigenen Entscheidungen, beziehungsweise Handlungen daran zu orientieren –, ist politisch nicht durchsetzbar. Angesichts von kurzfristigen Wahlzyklen, Legislaturperioden und Absatzinteressen muss das langfristig Wünschenswerte auf der Strecke bleiben. Die Zukunft hat keine Lobby, nicht in den politischen und ökonomischen Systemen der Gegenwart! Bis vor kurzem mochte man sie sich noch nicht einmal vorstellen.

Das wenigstens hat sich geändert. Weil sich die Verhältnisse geändert haben. Weil, nach Jahren des Pragmatismus und eines obszönen „Weiter so wie bisher“, angesichts der zahllosen Verheerungen und Verwerfungen, die eine entfesselte Ökonomie angerichtet hat, allenthalben die Einsicht in die Notwendigkeit grundlegender Reformen, Kurskorrekturen und Weichenstellungen gewachsen ist, nicht zuletzt die Einsicht in die Unverzichtbarkeit eines Denkens, das die Zukunft als künftige Gegenwart ernst nimmt, um sie nicht zu verspielen. Das Verdrängte kehrt zurück – freilich nicht als totalisierender Zukunftsentwurf einer kommunistischen Sozialgemeinschaft, auch nicht als biotechnokratische Version des „Neuen Menschen“, sondern, bescheidener, als kleine Erzählung mit visionärem Ausblicks- und kreativem Anregungspotenzial, nicht als literarische Phantasmagorie, sondern als konkrete Utopie und unverzichtbare Ressource im globalen Ringen um eine lebenswerte Zukunft.

Mikro-Utopien


An die Stelle der Sozialutopien von einst, die auf gesellschaftliche Erneuerung im XXL-Maßstab – und oft genug auch auf Unfreiheit und politischen Zentralismus – setzten, sind heute so genannte Mini- oder Mikro-Utopien getreten. Utopien also, die vor allem den Raum des Machbaren ausloten, die auf konkrete Fragen antworten, Lösungen für konkrete Probleme – Verkehr, Sicherheit, Regierbarkeit, nachhaltiges Wirtschaften, die Nutzung öffentlicher Räume et cetera – präsentieren wollen.

Vom sozialkritischen Gestus der klassischen Utopien haben sich die Mikro-Utopien verabschiedet. Ihnen geht es nicht um die totale Transformation, auch nicht um ein ambitioniertes „human engineering“, sondern darum, wie wir in Zukunft, sprich: in Zeiten des Temperaturanstiegs und des steigenden Meeresspiegels, arbeiten und konsumieren, wie wir uns fortbewegen, in welchen Städten wir leben wollen. Sie schließen an beobachtbare Trends an, greifen bereits existierende Prozesse und Technologien auf und denken sie weiter. Vielfach handelt es sich um partizipative Projekte, die jetzt sofort und im Kleinen etwas verändern wollen, beispielsweise in Gestalt von Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, und dadurch selbst zum Teil der Utopie werden, vergleichbar jenen Künstlerkollektiven aus der Frühzeit des Kapitalismus, an die die Ausstellung erinnern und programmatisch anknüpfen möchte.

Screenshot von der Website utopia.de © www.utopia.de
Screenshot der Website www.utopia.de © www.utopia.de

Das Utopische ist performativ geworden

Das Utopische ist, mit anderen Worten, performativ geworden! Es hat seinen Aggregatzustand verändert und sich aus einer politischen Theorie mit Wahrheitsanspruch in einen Diskurs des Möglichen verwandelt. Heutige Utopien wollen Anregungen und Diskussionsstoff liefern, die Folgen gegenwärtigen Handelns bewusst machen, Ausblicke eröffnen und Auswege skizzieren. Sie lassen alles beim Alten – die sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse – und stellen es zugleich auf den Kopf. Sie entwickeln Konzepte und Technologien für ein anderes Leben, das sensibler mit den zur Verfügung stehenden Rohstoffen umgeht, und formulieren Alternativen, die in stärkerem Einklang mit den Prozessen der Natur stehen, aus Sorge um die Zukunft des Planeten im Allgemeinen und die der Menschheit im Besonderen.

Von einem „Ende des utopischen Zeitalters“, wie es angesichts des Zusammenbruchs der Gesellschaftsordnungen des sowjetischen Typs Anfang der 1990er-Jahre Joachim Fest verkündet hatte, kann jedenfalls keine Rede sein, allenfalls vom Ende der „archistischen, das heißt autoritären Utopien“ (Richard Saage). Das Leitmotiv der klassischen Utopie – die Suche nach und der Entwurf einer besseren Gesellschaft – bleibt aktuell, solange die existierenden Gesellschaften an den mannigfachen Herausforderungen der Gegenwart zu scheitern drohen.
Text: Bernd Mayerhofer
Dozent für politische Theorie und Ideengeschichte an der Hochschule für Politik in München
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2010
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