Philanthropie und Zivilgesellschaft

Die Shao Foundation: Evolution statt Revolution

„CROSSTALK“: Diskussionsreihe der Shao Foundation© Shao Foundation
„CROSSTALK“: Diskussionsreihe der Shao Foundation© Shao Foundation
„CROSSTALK“: Diskussionsreihe der Shao Foundation© Shao Foundation

Die 2008 gegründete Shao Foundation mit Sitz in Peking ist eine der wenigen chinesischen Stiftungen, die sich vor allem im Kulturbereich engagiert. Ihr Gründer Shao Zhong (邵忠) ist Verleger und Vorstandsvorsitzender der Modern Media Group, unter deren Dach u.a. die Zeitschriften Modern Weekly, Life Magazine und The Outlook Magazine erscheinen.

Der Direktor der Shao Foundation, Ou Ning (欧宁), wurde 1969 in der Provinz Guangdong geboren. Als Künstler und Kurator hat sich Ou Ning in so unterschiedlichen Bereichen wie Musik, Film, Literatur, Kunst und Design einen Namen gemacht. Im Januar 2010 empfing er das Deutsch-Chinesische Kulturnetz zu einem Gespräch über Ziele und Aktivitäten der Shao-Foundation.

Herr Ou, wie wurde die Shao Foundation gegründet?

Meine Zusammenarbeit mit Herrn Shao Zhong begann im Jahr 2000 mit einer Sonderbeilage in der Modern Weekly. 2008 zog seine Pekinger Firma in den Bürokomplex Zhongguo Hongjie und ich sollte ihm hier eine Galerie einrichten. Ich war aber der Meinung, in Peking gäbe es bereits genügend Ausstellungsräume und schlug deshalb vor, eine Stiftung zu gründen. Auf diese Art braucht man sich nämlich nicht auf einen Ort zu beschränken, eine Stiftung ist flexibler und kann – solange sie über entsprechende Mittel verfügt – an unterschiedlichen Orten agieren. Herr Shao war von diesem Vorschlag sehr angetan und ließ die Shao Foundation sofort beim Amt für zivile Angelegenheiten in Guangdong registrieren. Die Behörden dort waren sehr kooperativ und die Formalitäten gingen schnell und reibungslos über die Bühne. Im September 2008 haben wir mit unserer Arbeit begonnen.

Was für Projekte will die Stiftung hauptsächlich fördern?

Meiner Meinung nach wird in China der unabhängige Film zu wenig gefördert, vor allem der Dokumentarfilm. Außerdem chinesische Literatur, nicht die Trendliteratur oder was auf der Bestsellerliste steht, sondern anspruchsvollere Literatur. Für diese Bereiche wollen wir intellektuelle Gesprächsrunden veranstalten. Deshalb haben wir das Konzept CROSSTALK entwickelt, bei dem wir Personen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammenbringen und sie diskutieren lassen. Außerdem möchte ich mit der Stiftung einige Veranstaltungen zur zeitgenössischen Kunst jenseits des Mainstreams organisieren.

Herr Shao stellt sich vor allem vor, dass die Stiftung ein Versuchslabor sein soll und dass aus den hier stattfindenden Diskussionen neue Erkenntnisse und Ideen gewonnen werden, die dann in die von ihm herausgegebenen Magazine einfließen. Außerdem hat er die Idee, der Gesellschaft etwas zurückgeben zu wollen. Natürlich stimmen meine Interessen nicht immer mit seinen überein, aber ich bemühe mich, meine Vorhaben mit seinen Vorstellungen in Einklang zu bringen.

Welche Mission bzw. welche Ziele verfolgt die Shao Foundation?

Unsere Mission ist der Aufbau der Gesellschaft und die Produktion und Verbreitung von Wissen. Aufbau der Gesellschaft bedeutet auch die Veränderung der Gesellschaft, und da ich mich in den letzten Jahren sehr mit der Situation auf dem Land beschäftigt habe, haben wir zu einer CROSSTALK-Diskussion zum Beispiel den Leiter der Kulturorganisation Lijiang Studio, Jay Brown, eingeladen, der im Dorf Lashihai bei Lijiang in der ProvinzYunnan einige Kulturprojekte gemacht hat, damit er über seine Erfahrungen berichtet. Es gab auch einen CROSSTALK zur politischen Partizipation junger Menschen. Dies alles gehört für mich zu dem Bestreben, dass Kultur sich in die Gesellschaft einmischt.

Ou Ning, Foto: Christopher DeWolf
Ou Ning, Foto: Christopher DeWolf

Im letzten Jahr war ich viel auf dem Land unterwegs und habe festgestellt, dass es im Süden der Provinz Anhui viele Möglichkeiten gibt, Kulturarbeit zu machen. Es gibt schon sehr gute Vorbilder: In den 1930er Jahren engagierte sich James Yen (Yan Yangchu, 晏阳初) im Kreis Ding in der Provinz Hebei für die Volksbildung. 2003 gründete Wen Tiejun (温铁军) von der Volksuniversität in Peking eben dort das James Yen Rural Reconstruction Institute, in dem er höchstpersönlich dort bis 2007 Bauern Wissen vermittelte. Als ich kürzlich dort war, war ich sehr überrascht über den großen Erfolg seiner Arbeit. Die Bauern können über Fragen wie ökologischen Anbau oder die von den Wanderarbeitern in den Dörfern zurückgelassen Kinder diskutieren, sie haben schnell gelernt, Mikroblogs zu nutzen und konnten sich mit mir sogar über „Multikulturalismus“ unterhalten.

Bei der letzten „Shenzhen & Hong Kong Bi-City Biennale of Urbanism and Architecture“ 2009/2010 habe ich ein Symposium über die Situation auf dem Land organisiert. Mit diesem Thema möchte ich mich auch in diesem Jahr gern weiter beschäftigen. Was den Kulturbereich betrifft, werden wir weiterhin Ausstellungen und Diskussionen organisieren. Diese Diskussionen und auch alle von uns veranstalteten CROSSTALKS werden in den von der Modern Media Group herausgegebenen Magazinen veröffentlicht.

Man kann also sagen, dass die Shao-Stiftung und die Modern Media Group nicht unabhängig voneinander sind, während in Deutschland eine Stiftung normalerweise ganz klar getrennt von dem Unternehmen agiert, das sie gründet?

Im chinesischen System ist das relativ frei und ich finde die Art und Weise wie wir es machen eigentlich sehr gut. Zu einer Diskussionsveranstaltung kommen doch höchstens einige hundert Leute; will man, dass noch mehr Leute von dieser Veranstaltung erfahren, dann muss man das über die Medien verbreiten. Deshalb stecken wir normalerweise viel Energie in unseren Internetauftritt, stellen immer die Dokumentationen der Diskussionen ins Internet und veröffentlichen sie zugleich in den Magazinen der Modern Media Group, damit sich auch die Leute, die nicht zu der Veranstaltung kommen konnten, über die Inhalte der Diskussionen informieren können.

Und wie werden die Mittel der Stiftung verplant?

Die finanziellen Mittel stammen von Privatleuten, für die konkrete Verwendung gibt es keine Regeln. In China gibt es private Stiftungen noch nicht lange, ich habe das auch noch nie gemacht, deshalb läuft es bei den Finanzen und im operativen Geschäft eher noch wie in einem Unternehmen. Es gibt keinen Etat für das gesamte Jahr, allerdings gibt es jedes Jahr eine Gesamtplanung, z.B. hatte ich für 2008 eine sehr genaue Planung aufgestellt und für das ganze Jahr ungefähr 20 Projekte geplant, doch die Wirtschaftskrise 2008 ging auch an der Media Group nicht spurlos vorüber, so dass von den ursprünglich geplanten 20 Projekten lediglich sieben oder acht realisiert wurden.

In diesem Jahr wollen wir wieder mehr Veranstaltungen durchführen. Ein Projekt, das wir auf jeden Fall machen wollen, ist die Ausstellung Get it Louder. Das ist eine Ausstellung speziell für junge Architekten, Designer, Künstler, Regisseure und Musiker, die sich noch keinen Namen gemacht haben. Diese jungen Leute haben wegen der immer stärkeren Kommerzialisierung der Kultur nur sehr wenig Spielraum. Diese Ausstellung, die ich 2005 zum ersten Mal kuratiert habe, spricht sehr viele junge Leuten an, das Feedback ist auch nicht schlecht, sehr viele Firmen sind bereit sie zu sponsern.

CROSSTALK findet zum großen Teil in Peking statt, haben Sie schon einmal daran gedacht, diese Veranstaltung auch in anderen Städten zu veranstalten?

Ich habe vor kurzem in Shenzhen einen Dialog-Marathon organisiert, der von Rem Koolhaas und Hans Ulrich Obrist moderiert wurde. Viele meinten, wenn man diesen Marathon in Peking durchführte, wäre das bestimmt ein großer Erfolg, aber ich finde, dass er dann eine andere Bedeutung bekäme. Gerade weil in Shenzhen und Hongkong solche Podiumsdiskussionen selten sind, sind sie umso nötiger.

2007 haben wir in Dalian und in Chengdu „HOMESHOWS“ organisiert, das bedeutet, du zeigst deine Dinge in deiner Wohnung, du kannst Vorträge, Konzerte oder Ausstellungen machen, alles ohne irgendwelche Kosten, deine Wohnung wird zum öffentlichem Raum. Ich stelle immer wieder fest, dass das Schlüsselwort in einer Zivilgesellschaft „Unabhängigkeit“ ist, welche Möglichkeiten hat man, wenn man über geringe Ressourcen verfügt, der eigenen Stimme Ausdruck zu verleihen,? Twittern ist auch so eine Möglichkeit, die eigene Meinung außerhalb offizieller Medien oder großer Medienkonzerne zu äußern, man kann es direkt im Internet tun. Eine Zivilgesellschaft aufzubauen geht nur schrittweise, dafür braucht es das Engagement vieler Menschen. Ich finde, in einer Zeit wie dieser ist es unmöglich, die Gesellschaft durch eine Revolution zu verändern, denn der Preis, den man für eine Revolution zahlen muss, ist einfach zu hoch, vor allem in China, wo die Bevölkerung so groß ist, wenn hier plötzlich ein großer, heftiger Aufstand ausbrechen oder eine einschneidende Umverteilung in der Gesellschaft stattfinden würde, käme es mit Sicherheit zu Unruhen. Deshalb bin ich der Meinung, wenn man die Gesellschaft verändern will, muss man das nach und nach und mit dem Einsatz jedes Einzelnen machen, denn eine Evolution ist wirkungsvoller als eine Revolution.

Viele unserer Events richten sich vor allem an junge Leute. Die Post-1980er-Generation interessiert sich nicht so sehr für gesellschaftliche Fragen, und wenn sie sich dafür interessiert, dann aus pragmatischen Erwägungen, z.B. findet mancher, dass die Kommunistische Partei heute sehr stark ist, und möchte ihr beitreten - das geschieht aus Pragmatismus und nicht aus Idealismus.

Können sich Künstler selbst bei der Shao Foundation um Unterstützung für unabhängige Projekte bewerben?

Wir sind zwar eine Stiftung, aber ich möchte betonen, dass wir eine Organisation sind und keine Geldverteilungsstelle. Ich sehe das so, dass die Shao Foundation viele Ressourcen, einschließlich Sponsorengelder, Wissen und Medien bündelt, um unterschiedlichste Vorhaben durchzuführen und die Gesellschaft zu verändern.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ou Ning!
Interview/Text: Maja Linnemann, Zheng Hong
Chefredakteurin, Redakteurin des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes
Übersetzung: Andrea Schwedler
April 2010
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