Zivilgesellschaft und Wohltätigkeit – Erfahrungen aus Taiwan


Ausstellungsstand der Taiwan Alliance for Advancement of Youth Rights and Welfare bei der 6. Asia and Pacific Regional Conference der International Society for Third Sector Research in Taipei 2009, Bildquelle: NCCU
Das verheerende Erdbeben, das 2008 den Kreis Wenchuan in der chinesischen Provinz Sichuan heimsuchte, hat der Welt vor Augen geführt, über was für ein immenses humanitäres Hilfspotenzial zivile Organisationen – oder mit anderen Worten NGOs – verfügen. Ob durch Spendenaktionen, durch den Einsatz freiwilliger Helfer oder beim Wiederaufbau nach der Katastrophe – in allen Bereichen konnten sie ihre aufopferungsvolle Hilfsbereitschaft, durch welche sie den Katastrophenopfern Fürsorge sowie alle möglichen Hilfsgüter zuteilwerden ließen, zeigen. Auch Taiwans private Wohlfahrtsverbände sowie die religiösen Organisationen, darunter die Tzu Chi Foundation, die Dharma Drum Mountain Social Welfare and Charity Foundation oder das christliche World Vision Taiwan, hatten damals alle ihre Kräfte mobilisiert. Diese taiwanischen Organisationen waren zum Großteil schon an der Katastrophenhilfe nach dem sogenannten „921-Erdbeben“ beteiligt gewesen, das am 21. September 1999 Taiwan erschüttert hatte. Sie hatten also ausreichend Erfahrungen, um den Bedürfnissen der Katastrophenopfer in der konkreten Situation gerecht zu werden und ihre Ziele der humanitären Hilfe zu erreichen.
Viele Wissenschaftler sind der Ansicht, dass die chinesischen nicht-staatlichen Organisationen beim Erdbeben von Wenchuan ihr enormes Potenzial gezeigt haben. Sie stünden damit beispielhaft für das Aufkeimen der Zivilgesellschaft in China. Die Erfahrungen aus Taiwan lehren uns, dass schwere Katastrophen es tatsächlich vermögen, die altruistische Natur des Menschen zu wecken. Sie spenden bereitwillig, schließen sich der Schar der Helfer an oder zeigen schlicht ihre Anteilnahme und schenken Trost. Dabei sind private Organisationen und Gruppen bei der Akquirierung und Verwendung wohltätiger Spenden den behördlichen Institutionen stets überlegen, denn zivile Organisationen sind in der Wertschätzung der finanziellen Mittel sowie bei der Beurteilung, ob diese zweckmäßig eingesetzt werden, im Allgemeinen effektiver als die Regierung. Nur ein Beispiel: Nach dem schweren Erdbeben am 21. September 1999 in Taiwan organisierten sich die Bürger in Gruppen. Jedes dieser karitativen Teams war für ein Katastrophengebiet zuständig und begab sich in ein Wohngebiet, um dort sogenannte „Aufbauarbeit an der Basis“ zu leisten. So half man den Katastrophenopfern dabei, die wirtschaftliche Produktion und ihren Alltag wieder aufzunehmen, während die größeren Stiftungen der Kirchen und Unternehmen sich um den Wiederaufbau der Schulen sowie der öffentlichen Infrastruktur kümmerten. Diese verschiedenen Formen des Engagements zeigen in ihrer Gesamtheit, dass die Zivilgesellschaft im Bereich der Wohltätigkeit von einiger Bedeutung ist und manchmal sogar Funktionen des Staates wie etwa Produktion, Transport, die Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen oder die Befriedigung sozialer Bedürfnisse übernimmt.
Natürlich hat Taiwan in seiner zivilgesellschaftlichen Entwicklung rückblickend relativ viele Umwege gemacht. Zwischen 1949 und 1987, in den 38 Jahren, in denen Taiwan unter Kriegsrecht stand, verfügte das taiwanische Volk keineswegs über volle Meinungs- und Vereinigungsfreiheit. Erst nach der Aufhebung des Kriegsrechts zeichneten sich die ersten Konturen der heutigen taiwanischen Zivilgesellschaft ab. Aber nur dem über zehnjährigem Engagement unzähliger namenloser Menschen und ihrem großen organisatorischen Eifer ist es zu verdanken, dass die Zivilgesellschaft schließlich wuchs und gedieh. Zum Wertvollsten gehört hierbei wohl ein „eigenverantwortliches Bürgerbewusstsein“, welches sich allmählich immer mehr ausbreitet. Und auch die „Zivilkultur“, die regelrecht im Volk verwurzelt ist, wird immer reifer, und erlaubt es dem zivilgesellschaftlichen „Selbstbewusstsein“, sich zu emanzipieren , um nicht mehr von anderen Kräften abhängig zu sein.
Prinzipiell lässt sich bei den modernen gesellschaftlichen Organisationen eine Dreiteilung erkennen: Die Regierungsorganisationen repräsentieren den „Primären Sektor“, welcher die Gewalten von Exekutive, Legislative und Judikative innehat; die betrieblichen Organisationen stehen für den „Sekundären Sektor“ und verschreiben sich vor allem den ökonomischen Angelegenheiten; die Nichtregierungs- und Non-Profit-Organisationen (NPO) hingegen fasst man unter dem „Tertiären Sektor“ zusammen. Sie haben eine Mittlerrolle, durch welche sich die Zivilgesellschaft zu Wort meldet, Initiativen einbringt und regulierend eingreift. In Taiwan entwickelte sich die Zivilgesellschaft also mit dem Aufblühen privater Organisationen und bildete den „Tertiären Sektor“ als ein drittes Gewicht neben Regierung und Unternehmen.

Prof. Gu Zhonghua moderiert einen Salon der Lung Ying-tai Cultural Foundation © Lung Ying-tai Cultural Foundation
Am Beispiel von Wohltätigkeit und sozialer Wohlfahrt lässt sich seit einigen Jahren in Taiwan der Trend beobachten, dass immer mehr Spenden aus der Bevölkerung über Organisationen wie etwa United Way an die verschiedenen Notleidenden fließen. United Way leitet die gesammelten Spenden je nach Bedarf an die diversen sozialen Wohlfahrtsinstitutionen beziehungsweise an einzelne Betroffene weiter. Dadurch, dass die Geldmittel über eine Organisation verteilt werden, vermeidet man, dass die Spenden aus der Gesellschaft zu unausgewogen in einzelne Projekte fließen. Außerdem haben viele private Wohlfahrtsverbände wie die Eden Social Welfare Foundation, die Garden of Hope Foundation, die League of Welfare Organizations for the Disabled und die Social Welfare Foundation for Children einen „initiativen“ Charakter, das heißt, sie übernehmen die Rolle eines Sprachrohrs für die Schwachen und entwickeln politischen Einfluss etwa bei Gesetzesvorlagen. Zudem haben diese karitativen und sozialen Wohlfahrtsverbände sich in einem „Bündnis der Selbstregulierung in der Wohlfahrt“ zusammengeschlossen, das sich für mehr Finanztransparenz ausspricht und so zur Vertrauenswürdigkeit des „Tertiären Sektors“ beiträgt.
Über die Entstehung der taiwanischen Zivilgesellschaft können wir abschließend folgendes Resümee ziehen:
Erstens bestehen die externen Voraussetzungen für die Zivilgesellschaft darin, dass die Bürger fundamentale Menschenrechte genießen, einschließlich des Vereinigungsrechts, Versammlungsrechts und des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Nachdem in Taiwan das Kriegsrecht aufgehoben worden war, wurden die pluralistischen Interessen der Gesellschaft durch die diversen NPOs sowie eine „öffentliche Sphäre“ zum Ausdruck gebracht, und es entstand eine Gruppe engagierter „Bürgeraktivisten“.
Zweitens stehen die internen Voraussetzungen der Zivilgesellschaft im Zusammenhang mit der Fähigkeit der Gesellschaft, sich selbst zu organisieren. Die moderne Gesellschaft hat sich mittlerweile zu einer „Gesellschaft von Organisationen“ gewandelt, die von „juristischen Personen“ geleitet wird. Der Gebrauch der bürgerlichen Rechte beschränkt sich allerdings nicht auf das Wählen oder den Schutz einzelner legitimer Interessen, sondern zeigt sich in der Beteiligung an öffentlichen Belangen sowie in der Überwachung öffentlicher politischer Entscheidungen. Die Veränderung der taiwanischen NPOs in Quantität und Qualität lässt ein immer größer werdendes Bedürfnis nach Eigenorganisation und Selbstverwaltung in der Bevölkerung erkennbar werden. Gleichzeitig hat sich damit auch das „soziale Kapital“ der Zivilgesellschaft erhöht.
Drittens: Soll nun die Bürgerkultur weiter verwirklicht und der öffentliche Charakter gesellschaftlicher Organisationen gestärkt werden, muss das Bürgerbewusstsein angefangen bei den Familien und Wohnvierteln, über Schulen, Unternehmen und NPOs, ja sogar bis hinauf in die Regierung, umfassend propagiert werden. Erst wenn sich die Menschen untereinander auf gleicher Augenhöhe, mit Toleranz und Respekt begegnen und die Entscheidungen der Verbände nach demokratischen Verfahren öffentlich diskutiert werden, kann sich auf Dauer eine ordentliche Zivilgesellschaft entwickeln.
Text: Gu Zhonghua (顾忠华)
Professor an der Fakultät für Sozialwissenschaften der National Chengchi University Taiwan (NCCU)
April 2010
Professor an der Fakultät für Sozialwissenschaften der National Chengchi University Taiwan (NCCU)
April 2010









