SVG Group: Eine Brücke zwischen Philanthropen und Bedürftigen


Von SVG unterstütztes Projekt: Cerecare, eine Schule in Shanghai für Kinder mit Zerebralparese © SVG Group
Grace Chiang (姜韵声) ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin der Social Venture Group (SVG), einer in Shanghai und Hongkong registrierten Beratungsfirma im Wohltätigkeitsbereich. Zusätzlich zu dieser Arbeit sitzt Grace Chiang als China-Expertin in Beratergremien verschiedener Stiftungen. Vor der Mitbegründung von SVG arbeitete Grace Chiang in der Geschäftsentwicklung eines chinesischen Halbleiterherstellers und für eine Investmentbank an der Wall Street. Sie kommt aus den USA und ist Absolventin der University of Pennsylvania.
Grace, Sie haben die Social Venture Group (SVG) mitbegründet – eine in Shanghai ansässige Beratungsfirma, die das Ziel verfolgt, Investitionen im sozialen Bereich zu fördern. Was waren Ihre persönlichen Gründe, diese Firma zu gründen?
Meine Motivation, SVG zusammen mit meinen Kollegen zu gründen, entstand, nachdem wir gesehen hatten, dass eine starke Brücke zwischen den sozialen Bedürfnissen in China und den Mitteln fehlt. Als ich 2003 nach Shanghai zog, arbeitete ich für eine internationale Stiftung für Waisenkinder, die gerade erst ihre Arbeit in China aufgenommen hatte. Dabei konnte ich mit eigenen Augen sehen, wie wichtig solch eine Brücke ist. Auf der einen Seite müssen die Spender sicher sein können, dass ihre Gelder vernünftig verwendet werden. Auf der anderen Seite benötigen die Wohltätigkeitsorganisationen in China Kontakte zu potenten Spendern. Es herrscht ein Mangel an Informationen und an vertrauenswürdigen Beurteilungen durch unabhängige Dritte – genau dafür sind die Dienstleistungen der SVG so wertvoll.
Was genau macht Ihre Firma?
SVG ist eine philanthropische Beratungsfirma, die Stiftungen, Firmen und Familien dabei unterstützt, ihre Spendenbereitschaft in sinnvolle Kanäle zu lenken. Unser Hauptziel ist es, die philanthropisches Engagement in China sowohl qualitativ als auch quantitativ zu fördern. Derzeit beraten wir einige internationale Stiftungen bei ihrer Investitionsstrategie und unterstützen einige Firmen bei ihren „Corporate Social Responsibility“ (CSR) -Strategien in China. Wir helfen auch Einzelpersonen und Familien bei der Suche nach vernünftigen Projekten, die sie durch Geld oder ehrenamtliche Mitarbeit unterstützen können. Vor Weihnachten 2009 haben wir den ersten chinesischen Online-Katalog für Wohltätigkeitsgeschenke mit dem Namen „China Charity Gifts“ gestartet. Auf dieser Webseite können chinesische Spender anstatt eines normalen Geschenks für ihre Freunde und Verwandten ein Wohltätigkeitsgeschenk auswählen. So können sie beispielsweise ein Essen für Waisen spenden oder einen Baum pflanzen.
Sie arbeiten seit 2006 mit SVG – welche Entwicklungen haben Sie seitdem in der Philanthropie in China beobachtet?

Grace Chiang (姜韵声)
© Grace Chiang
© Grace Chiang
Auch die sogenannten Non-Profit-Organisationen (NPO) nehmen in Zahl und Stärke zu. In China hatten NPOs traditionell nicht das gleiche Ansehen oder die soziale Bedeutung wie im Westen. Sie mussten erst langsam das Vertrauen und die Aufmerksamkeit der chinesischen Öffentlichkeit gewinnen. Rechtlich gesehen haben es kleine NPOs in China schwer, sich offiziell registrieren zu lassen. Auch wenn diese Situation noch andauert, so gibt es doch aufmunternde Zeichen aus Peking, dass es jetzt Unterstützung und Förderung für einige dieser Gruppen gibt.
Wie stellt sich denn das soziale Unternehmertum in China dar?
Das Umfeld für Unternehmen mit sozialen Zielen in China ist sehr speziell. Der Hype um soziales Unternehmertum begann 2005, als die chinesische Übersetzung des Buches How to Change the World von David Bornstein erschien. Aufgrund der Einschränkungen bei der Registrierung von Non-Profit-Organisationen geht die Entwicklung in China sehr stark hin zum sozialen Unternehmertum. Wir sind immer noch in der Anfangsphase, daher gibt es bisher erst wenige wirkliche Erfolgsgeschichten, aber etliche soziale Unternehmen sind entstanden und am Laufen. Ihr Fokus liegt beispielsweise auf dem Kunsthandwerk, auf Partnerschaften im ländlichen Bildungssektor oder auf der Umweltberatung. Abgesehen von dem Registrierungsproblem stehen diese sozialen Unternehmen vor den gleichen Herausforderungen wie NPOs, was Finanzierung, Personal und Wachstumspotenzial angeht. 2008 haben wir einen signifikanten Anstieg von Spendern und Förderern gesehen, die an diesem Bereich interessiert sind. Wir haben bislang einigen Kunden dabei geholfen, frühzeitige Chancen in diesem Bereich zu erkennen.
Und wie sieht es mit der Philanthropie bei chinesischen Unternehmen aus?
Die philanthropischen Aktivitäten chinesischer Unternehmen nehmen zu, vor allem seit dem Erdbeben in Sichuan 2008. Nach dem Erdbeben wurden Unternehmer und Firmen in China, die aus der Sicht der Öffentlichkeit nicht genug gegeben hatten, öffentlich missbilligt und bloßgestellt. Bis dahin waren gemeinnützige Spenden niemals ein Hauptkriterium dafür gewesen, wie man in China ein Unternehmen beurteilt. Bemerkenswert ist der Fall von Wang Shi (王石), dem Vorsitzenden von Vanke, Chinas größtem Bauinvestor. Er sagte ursprünglich eine Hilfssumme von 290.000 US-Dollar zu und ermahnte seine Angestellten, nicht übermäßig zu spenden. Der öffentliche Aufschrei folgte prompt und heftig - Wang war gezwungen, seine Anweisungen zurückzunehmen und ließ eine Spendenzusage von 14 Millionen US Dollar folgen. Im Internet zirkulierte eine Liste von multinationalen Unternehmen, die als „Hähne aus Eisen“ oder „Vögel, die nicht einmal eine einzige Feder geben würden“ bezeichnet wurden. Hier fanden sich beispielsweise Unternehmen wie Nokia, Coca-Cola, McDonald‘s und KFC, alles Firmen, die zwar schnell reagiert hatten, aber offensichtlich nicht schnell genug. Es gab also eine überraschende und nachdrückliche öffentliche Reaktion auf humanitäre Bemühungen der Unternehmen. Als Resultat davon sind Unternehmen in China weitaus wachsamer als zuvor, was ihre öffentliche Spendentätigkeit betrifft.
Und die Stiftungen? In der Vergangenheit gab es nur staatliche Stiftungen in China, heutzutage gibt es auch private. Unterscheiden sie sich von ausländischen Stiftungen?
Private Stiftungen in China unterscheiden sich teilweise sehr von Stiftungen in anderen Ländern oder im Westen. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind ganz anders. Beispielsweise ist es privaten Stiftungen in China verboten, Spenden von Privatpersonen zu generieren. Sie bezahlen außerdem Unternehmenssteuern auf ihre Gewinne und müssen jährlich ca. 8-10% ihrer Kapitalausstattung ausgeben. Dennoch sind sie wichtig, da sie eines der wachstumsstärksten Segmente im Non-Profit-Sektor in China darstellen. Ihre Existenz wird die Philanthropie-Landschaft stark beeinflussen.
Vor welchen Herausforderungen stehen NPOs in China?
Es hängt davon ab, über welche Art von NPOs wir sprechen, denn sie stehen alle vor unterschiedlichen Herausforderungen. In China gibt es sogenannte „GONGOs“ (government-owned nonprofit organizations, also regierungseigene NPOs), diese müssen der Öffentlichkeit beweisen, dass sie transparent sind und zur Rechenschaft gezogen werden können. Internationale NPOs stehen vor der Herausforderung, sich den lokalen Verhältnissen in China anzupassen und sich ordentlich behördlich registrieren zu lassen. Basis-Wohlfahrtsorganisationen schlagen sich ebenfalls mit den Hürden der behördlichen Anmeldung herum, sowie mit dem Aufbau ihrer Organisationsstrukturen und ihrer Managementkapazitäten.
Stiftungen und NGOs sind der sogenannte dritte Bereich zwischen Staat und Wirtschaft. Im Westen gehört es zum Selbstverständnis von NGOs und Stiftungen, einen Dialog zwischen den anderen Interessenvertretern zu schaffen, vor allem mit der Regierung. In China sind die Rollen und Beziehungen der verschiedenen Interessenvertreter nicht genau die gleichen. Was sind Ihre Erfahrungen dabei?
In China ist die Regierung der bei weitem größte und stärkste Interessenvertreter. Ein Großteil der sozialen Dienste wird in China traditionell von der Regierung gestellt, und sie ist weiterhin die Schlüsselfigur in diesem Bereich. Die Regierung ist heute aber auch offener gegenüber anderen Stimmen. Der „dritte Bereich“ wird in China immer stark mit der Regierung verbunden sein.
Falls ein Spender Ihnen Geld geben würde, um in China eine Stiftung zu gründen, welche Art von Stiftung würden Sie gründen?
Diese Frage wird mir tatsächlich oft gestellt. Im Moment würde ich persönlich allerdings keine Stiftung gründen, da die rechtlichen und finanziellen Hürden zu hoch sind.
Was ist Ihre Erfolgsphilosophie?
Im Bereich der Philanthropie dreht sich alles um Vertrauensbeziehungen. Gefragt nach meinem Marketingplan würde ich sagen: Baue starke Beziehungen auf. Und: Gehe langsam vor. Als ich gerade nach China gekommen war, dachte ich, dass ich einen Fonds für im sozialen Bereich aktive Unternehmen starten möchte oder einen sozialen Dachfonds. Aber China ist jetzt noch nicht soweit. Ich habe festgestellt, dass es bei weitem wichtiger ist, zunächst die lokale Non-Profit-Landschaft in China verstehen zu lernen und schrittweise vorzugehen.
Vielen Dank für das Interview, Grace!
Interview/Text: Katja Hellkötter
Consultant, Shanghai (Strategische Kooperationsberatung/ Projektentwicklung)
Übersetzung aus dem Englischen: Jan Sprenger
März 2010
Consultant, Shanghai (Strategische Kooperationsberatung/ Projektentwicklung)
Übersetzung aus dem Englischen: Jan Sprenger
März 2010









