„Project Hope“: Von reiner Armenhilfe zur Selbsthilfe

Ausstellungsstand der China Youth Development Foundation
© www.icpress.cn
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Das „Project Hope“ („Projekt Hoffnung“), eine der bekanntesten Hilfsorganisationen in China, blickt inzwischen auf eine Geschichte von rund 20 Jahren zurück. Die Organisation beschäftigte sich bisher in erster Linie damit, in den wenig entwickelten Gegenden Chinas Schulen zu bauen, die Lehrqualität auf dem Land zu verbessern und Schülern aus armen Familien zu einem Schulabschluss zu verhelfen. Vor welchen Herausforderungen steht dieses äußerst anerkannte Hilfsprojekt heute, nachdem neuerdings vermehrt staatliche Mittel in die ländliche Entwicklung und die Schulbildung auf dem Land fließen? Wie reagiert die Organisation auf die veränderten Rahmenbedingungen? Wie sieht der künftige Entwicklungsspielraum aus? Zu diesen Fragen führte die Zeitschrift Lifeweek im Herbst 2009 ein Exklusivinterview mit Herrn Tu Meng (涂猛), dem Generalsekretär der „China Youth Development Foundation“ (CYDF).
Das „Project Hope“ wurde vor dem Hintergrund des Mottos „Flächendeckende Bildung in einem armen Land“ aufgebaut. Wie hat sich die Strategie des Projekts nach der Neugestaltung der staatlichen Bildungspolitik verändert?
Im Jahr 2005 hat die Regierung die Politik der sogenannten „Zwei Ausnahmen und eine Unterstützung“ eingeführt. Bis dahin hatten wir uns lange Zeit dem Problem der Kinder von Bauern gewidmet, die zu arm waren, um zur Schule zu gehen, d.h., wir haben versucht, das Problem der Bildungsgerechtigkeit zu lösen. Durch die Politik der „Zwei Ausnahmen und eine Unterstützung“ ist dieses Problem nun grundsätzlich gelöst. Nach einer entsprechenden Evaluierung der neuen Situation hat sich der Fokus unserer finanziellen Unterstützungstätigkeit verschoben, von der Primär- und Sekundärbildung hin zu Berufs- und Tertiärbildung. Dies schließt z.B. Kinder von Wanderarbeitern ein. Wir betreuen Kinder von Wanderarbeitern in 27 Städten, beinahe 100.000 Personen werden in diesem Rahmen finanziell unterstützt. Seit 2006 gibt es die Aktion „College Dream“ („Traum von der Universität“), in deren Mittelpunkt bedürftige Studenten stehen. Die Zahl der Leistungsempfänger übersteigt 100.000. Hinzu kommen Auszubildende und Schüler der oberen Mittelstufe, für die wir erste Pilotprojekte gestartet haben. Auch hier wird der Finanzierungsumfang allmählich vergrößert. Ich persönlich denke, dass drei Säulen für die langfristige Lösung der Bildungsprobleme in China unabdingbar sind: Erstens, die Regierung, die vor allem öffentliche Mittel bereitstellt. Zweitens, die Wirtschaft, bzw. der Markt in Form von Krediten, d.h. Probleme werden durch wirtschaftliche Maßnahmen gelöst. Und drittens, die Gesellschaft.
Im Jahr 2002 wurden der CYDF regelwidrige Investitionen vorgeworfen. War das Ihre größte Krise?

Generalsekretär der CYDF Tu
Meng (涂猛), Foto: Huang Yu (黄宇)
Meng (涂猛), Foto: Huang Yu (黄宇)
Wenn man heute vom Zeitalter der Institutionalisierung des Wohltätigkeitssektors spricht, welche äußeren Beschränkungen sind Ihnen dadurch auferlegt worden?
Das moderne chinesische Wohlfahrtssystem wurde 1999 durch das „Wohltätigkeits- und Spendengesetz“ begründet. Ihm folgten das vom Finanzministerium herausgegebene „Buchhaltungssystem für Non-Profit-Organizations (NPOs) und Non-Government-Organizations (NGOs)“ und die vom Staatsrat verabschiedeten „Verwaltungsvorschriften für Stiftungen“. Insbesondere die „Verwaltungsvorschriften für Stiftungen“ haben die Fragen der Verwaltungsstruktur der Stiftungen im Kern gelöst. Durch dieses System wird klar geregelt, dass der Aufsichtsrat das Entscheidungsorgan und das Sekretariat das ausführende Organ ist. Für die Rechte und Pflichten des Aufsichtsrats, der Ratsmitglieder, des Sekretariats und des Generalsekretärs gibt es klare Bestimmungen.
Was für einen Einfluss haben diese vielfältigen Mechanismen gegenseitiger Kontrolle auf die CYDF?
Die CYDF in ihrer heutigen Form wird sich noch weiter entwickeln. So wie das Umfeld Fortschritte macht, so entwickelt sich auch die Organisation weiter. Im zehnten Jahr des „Project Hope“ gab es eine Evaluierung. Jetzt, im 20. Jahr, gab es wieder eine Evaluierung, das Vertrauen der Bevölkerung ist im Vergleich zum vorigen Mal deutlich gestiegen. Die gegenwärtige Lage unterscheidet sich sehr von der damaligen, damals hatten wir eine einzigartige Position. Viele Jahre lang waren unsere Spendeneinnahmen höher als die aller anderen Stiftungen zusammen. Obwohl es heute viele gute Stiftungen und auch viele gute Programme gibt, haben sich viele unserer Indikatoren in den letzten zehn Jahren trotzdem verbessert. Man kann also feststellen, dass sich die Organisationen auch im Zeitalter der Institutionalisierung weiter entwickeln.
Vor kurzem hat eine Delegation von sogenannten „Perfect Love“-Botschaftern des „Project Hope“ Malaysia besucht. Ist dies ein Anzeichen für die Internationalisierung des „Project Hope“? In welcher Art und Weise wollen Sie sich in der Zukunft internationalisieren?
„Project Hope“ hat von Anfang an auch im Ausland Spenden gesammelt, so gesehen ist der Grad der Internationalisierung beim „Project Hope“ recht hoch. Heute stellt sich jedoch die Frage, ob wir auch unsere finanziellen Unterstützungsleistungen auf die internationale Ebene ausweiten sollten. Da bin ich derzeit noch sehr vorsichtig. Das „Project Hope“ wird gegenwärtig und zukünftig noch für recht lange Zeit die Spenden vorwiegend in China verwenden, weil der Bedarf in China die eigenen Mittel bei weitem übersteigt. Wenn man sich einmal den Zustand der Dörfer vor Augen führt, dann ist die Diskrepanz zwischen Stadt und Land riesig. Deshalb steht die internationale Vergabe unserer finanziellen Mittel derzeit noch nicht auf der Agenda. Doch wenn China international weiter an Bedeutung gewinnt, müssen auch die zivilen Wohltätigkeitsorganisationen entsprechende Pflichten schultern, dann steht allen chinesischen Wohltätigkeitsorganisationen eine Internationalisierung ihrer Arbeit bevor. Die Spenden für die Bücherei einer chinesischsprachigen Schule in Malaysia waren eine Ausnahme, eine kleine Andeutung zukünftiger Entwicklungen.
Die neuen Zielsetzungen des „Project Hope“ orientieren sich noch stärker am Spendenempfänger, möchten noch größeren Einfluss ausüben und eine noch höhere Qualität der Dienstleistungen erzielen. Können Sie diese drei Ziele „des noch mehr“ genauer erläutern?
Bei diesen drei Zielen handelt es sich um die strategische Ebene, es geht darum, für welches Modell der Unterstützung wir uns entscheiden, und zwar das Modell moderner Wohltätigkeit, das Entwicklungsmodell. Die traditionelle Art der Wohltätigkeit besteht z.B. in der Verteilung von Wollkleidung, wenn es im Winter kalt ist. Im sogenannten Entwicklungsmodell sind die Spendengeber nicht „Gott“. Wenn jemand Schwierigkeiten hat, dann hilft man ihm, aber letztendlich soll er sich selbst helfen, seine Schwierigkeiten selbst überwinden können und sich so weiterzuentwickeln. Gemäß dem Wertesystem der modernen Wohltätigkeit soll eben nicht lediglich temporäre und aktuelle Nothilfe geleistet werden. Ich erkläre das an einem konkreten Programm von uns, der finanziellen Unterstützung von Universitätsstudenten: Sie bekommen als Grundlage ein Stipendium, doch darüber hinaus ist es ein Programm, das Arbeitspraxis und Studium verbindet. Der Stipendiat erhält eine Beschäftigung in einem Unternehmen und bezieht so nicht nur ein Einkommen, sondern wird auch auf den harten Arbeitsalltag vorbereitet und hat eine Chance, zu lernen, wie die Gesellschaft funktioniert. Unserer Einschätzung nach können sich diese jungen Leute nach dem Schulabschluss leichter in der Gesellschaft zurechtfinden als junge Leute, die ein rein finanzielles Stipendium erhalten.
Ein dritter Aspekt ist die Praxis der Wohltätigkeit. Die von uns geförderten Studenten müssen Wohltätigkeitsgruppen bilden. Sie sollen gesellschaftliche Probleme aufdecken und Lösungsansätze vorschlagen. Falls der Vorschlag umgesetzt wird, stellen wir finanzielle Unterstützung bereit und helfen den jungen Leuten während des Studiums, die Probleme mithilfe ihres Ansatzes zu lösen. Unsere Stipendiaten sollen später selbst Menschen helfen und Empathie entwickeln, das heißt die zuvor selbst erfahrene Fürsorge soll weitergegeben werden. Um dieses Modell zu verwirklichen, müssen wir den Bedürftigen noch näher kommen, wir müssen uns Kinder und ihre Bedürfnisse genau anschauen, uns in sie hineinversetzen. Als eine Wohltätigkeitsorganisation können wir uns aber nicht um alles kümmern. Zwar hat das „Project Hope“ bisher mehr als fünf Milliarden RMB gesammelt, aber wenn man das Geld in den großen Topf für Bildung auf dem Land schmeißt, dann ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir können allerdings einen Appell an die Gesellschaft richten, um den Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. So können wir mit unserer Vorgehensweise einige Lösungswege anbieten, dadurch können wir noch konkreteren Einfluss ausüben. Diese drei Ziele des „Noch mehr“ dienen dazu, das Entwicklungsmodell zu verwirklichen, es sind nicht nur fromme Wünsche, sondern das ist unsere Methodik.
Das Interview wurde in der Ausgabe Nr. 46 /2009 von Lifeweek veröffentlicht.
Interview/Text: Yang Lu (杨璐)
Journalistin
Übersetzung: Annalena Scholl
März 2010
Journalistin
Übersetzung: Annalena Scholl
März 2010









