Philanthropie und Zivilgesellschaft

„NGOs“ in der chinesischen Geschichte

Yuelu-Akademie in Changsha, Provinz Hunan © www.icpress.cn
Chinas erste „NGO“: Die „Sieben Weisen vom Bambushain“ (etwa 722-481 v. Chr.), Yangliuqing Folk Painting
Chinas erste „NGO“: Die „Sieben Weisen vom Bambushain“ (etwa 722-481 v. Chr.), Yangliuqing Folk Painting

Die Bildung von Gemeinschaften sowie auch Initiativen gegenseitiger Hilfe und karitative Organisationen aller Art haben in der chinesischen Gesellschaft eine lange Tradition. All diese Organisationsformen werden als „Zusammenschlüsse innerhalb des Volkes“ bezeichnet. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass es in China bereits zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen (722-481 v. Chr.) Gemeinschaften gab, welche über die Grenzen von Blutsverwandtschaft, Familie oder Klan hinausgingen. Die Bildung sozialer Zusammenschlüsse in der chinesischen Geschichte lässt sich in folgende fünf Kategorien einteilen:

1. Politische Zusammenschlüsse

In der ausgehenden Epoche der Frühlings- und Herbstannalen kam es durch das Entstehen einer neuen Gutsherrenschicht zu politischen Bündnissen. Die Bildung von Cliquen in der östlichen Han-Dynastie (25-220 n. Chr.) ist beispielhaft für politisch motivierte Zusammenschlüsse. Diese Cliquen entstanden vor allem aus Bündnissen unter Beamten und Gelehrtenbeamten, darüber hinaus gab es aber auch Parteien von Familienmitgliedern, Prinzen-Parteien, Eunuchen-Parteien oder politische Fraktionen, die durch das Band einer gleichen Schule, einer gemeinsamen Gesinnung oder derselben Heimat geknüpft waren. Bis zur Ming-Zeit (1368-1644 n. Chr.) zeigten sich allmählich erste Konturen moderner Parteien und am Übergang von der Qing- (1644-1911 n. Chr.) zur Republikzeit (1912-1949 n. Chr.) kamen die politischen Parteien zur Blüte. Insbesondere Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden ausgehend von wissenschaftlichen Gesellschaften aller Couleur auch politische Vereinigungen, die auf Reformen und eine chinesische Verfassung hinarbeiteten, darunter die 1895 ins Leben gerufene „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft“ oder die in der Folge gegründete „Gesellschaft zum Schutz der Nation“, die „Studiengesellschaft Kanton “ oder die „Konstitutionelle Gesellschaft“.

2. Kulturell und akademisch orietierte Gemeinschaften

Diese Gruppierungen gelten innerhalb der Zusammenschlüsse chinesischer Tradition als vergleichsweise weit entwickelt. Schon zur Epoche der Frühlings- und Herbstannalen und der Zeit der Streitenden Reiche (480-222 v. Chr.) brachten die in China miteinander wetteifernden „Hundert Schulen“ etliche intellektuelle Gruppierungen hervor. Akademische Vereinigungen im engeren Sinne entstanden aber erst, als sich nach der Wei- und Jin-Zeit (220-265 bzw. 265-316 n. Chr.) alle möglichen Formen von Gelehrtengesellschaften bildeten, wobei die in den Frühlings- und Herbstannalen der Wei erwähnten „Sieben Weisen vom Bambushain“ gemeinhin als die früheste Gruppe von Gelehrten angesehen wird. Zu den wichtigsten Erscheinungsformen der kulturell-akademischen Gemeinschaften zählen unter anderem:

1. Literarische Gruppierungen in Form von Dichterzirkeln oder literarischen Vereinigungen und Gesellschaften. Erstere waren literarische Gruppen, in welchen gebildete Ästheten im Namen der Poesie zusammentrafen, letztere waren insbesondere nach der Einführung der kaiserlichen Beamtenprüfungen in der Song-Dynastie (960-1279 n. Chr.) Gruppen, in denen Gelehrte gemeinsam die Klassiker studierten und über Literatur diskutierten.

2. Akademische Vereinigungen vor allem in Form von Studiengesellschaften. Anfangs bestanden diese aus Gruppierungen, die von bestimmten philosophischen Schulen geprägt waren, wie etwa die konfuzianische Schule oder die Gruppe der Mohisten. Während der Song- und der Yuan-Zeit (1279-1368 n. Chr.) waren Studienakademien, wie etwa die berühmte Yuelu-Akademie, weit verbreitet. In der Ming-Ära entwickelten sich aus den Studiengesellschaften außerdem noch weitere Formen wie Leseclubs, Zirkel zum Studium der klassischen Schriften oder der Geschichte. Nach der Ära des Qing-Kaisers Qianlong (乾隆, 1711-1799) erlahmte die Wissenschaft jedoch und es wurde eine zeitlang ruhig um die Studiengesellschaften. Erst am Ende der Qing-Dynastie schossen, aufgerüttelt durch westliche Ideen, verschiedene neuartige wissenschaftliche Gesellschaften aus dem Boden, darunter etwa die „Ambitionierte Studiengesellschaft“, die „Bildungsgesellschaft“ oder die „Studiengesellschaft des allgemeinen Rechts“. 

Yuelu-Akademie in Changsha, Provinz Hunan © www.icpress.cn
Yuelu-Akademie in Changsha, Provinz Hunan © www.icpress.cn

3. Die breite Palette der Künstlergruppen. In der Song- und Yuan-Dynastie zum Beispiel schlossen sich Theaterleute und Schausteller innerhalb ihres Gewerbes zu „Schreibclubs“ oder verschiedenen „Theatergesellschaften“ zusammen. Unter den Mitgliedern waren sowohl Literatenbeamte adliger Abstammung als auch zahlreiche gescheiterte Literaten. Darüber hinaus gab es auch reine Vergnügungsclubs, zum Beispiel „Rätselgesellschaften“ oder „Teegesellschaften“.

Die Zusammenschlüsse von Gelehrten konnten also ganz unterschiedliche Funktionen erfüllen, sei es, dass sie eine Möglichkeit darstellten, sich über den Alltag in höhere Sphären zu erheben, den Weg für eine Beamtenkarriere ebneten, das Volk missionieren oder auch oppositionelle politische Ambitionen verwirklichen wollten.

3. Gemeinschaften wirtschaftlicher Selbsthilfe

Die ersten frühen Formen wirtschaftlicher Kooperationssysteme bestanden in sogenannten „kollektiven Vereinigungen“ – die im Volksmund in Anlehnung an die chinesische Mythologie (Anm. d. Übers.) auch als pantao, „Pfirsich der Unsterblichkeit“, bezeichnet wurden, und deren Mitglieder sich gegenseitig finanziell unterstützten. Diese „kollektiven Vereinigungen“ kamen in der Sui-Dynastie (581-618 n. Chr.) auf und erreichten in der Tang- (618-907 n. Chr.) und der Song-Zeit ihre volle Ausprägung, wobei sie unterschiedliche Formen entwickelten. Zum Beispiel gab es „Jäte-Gesellschaften“, in denen man die Feldarbeit gemeinsam bewältigte, „Geldgesellschaften“, in denen man sich gegenseitig finanziell aushalf, oder „Gesellschaften der ländlichen Administration“, in denen man sich bei der Übernahme lokaler Ämter und Pflichten abwechselte. Man spricht hier von einem Kollektiv (he), da die Ressourcen der Gemeinschaft einem gemeinsamen Zweck dienen sollten. Das umfasste die Unterstützung bei körperlicher Arbeit, gegenseitige finanzielle Hilfe oder die gemeinsame Übernahme lokaler Pflichten und hatte vielfältige Funktionen, etwa gemeinschaftlich Rücklagen zu bilden, sich gegenseitig abzusichern und Notleidenden zu helfen. Für die Bevölkerung war es ein Weg, sich eigeninitiativ in den Dingen zu organisieren, die nicht alleine bewältigt werden konnten. Eine weitere wichtige Form innerhalb der Organisationen wirtschaftlicher Selbsthilfe waren Zusammenschlüsse von Berufsbranchen. Diese bezogen sich vor allem auf das Modell eines gemeinsam betriebenen Marktes mit verschiedenen Ständen der Handwerker und Handeltreibenden einer Branche und den sich später daraus entwickelnden Innungshallen, Gilden und Handelskammern.

4. Wohltätigkeitsverbände

Im alten China war die umfangreichste karitative Anstrengung zum einen das aus der Staatskasse finanzierte System der „Hungerhilfe-Politik“, zum anderen bestand sie in den Almosen, die die Familie oder die Sippe bereitstellen konnte. Mit der Verbreitung des Buddhismus in China bekamen religiöse Wohlfahrtseinrichtungen durch den buddhistischen Gedanken der „Wohltätigkeit“ starken Aufwind. Allerorts wurden karitative Institutionen wie die „Einrichtungen des reichen Feldes“ zur Unterstützung der Armen oder Krankenhäuser errichtet. Ab dem mingzeitlichen 16. Jahrhundert entstanden „Gesellschaften gemeinsamer Wohlfahrt“ als eine neue Form karitativer Organisationen. Ihre Hauptaufgabe bestand in der Armenhilfe, doch anders als die früheren Spendenorganisationen widmeten sie ihre Hilfe nicht ausschließlich Familienmitgliedern oder Mitgliedern mit einem bestimmten Status. Vielmehr stellten sie sich den weltlichen Problemen, ohne dabei religiöse oder missionarische Ziele zu verfolgen. Zur Zeit der Qing-Dynastie zeigte sich eine noch größere Vielfalt karitativer Einrichtungen. „Karitative Häuser“ wurden zu einer festen Einrichtung, die ein weites karitatives Feld abdeckten und oft sämtliche wohltätige Aufgaben übernahmen.

5. Geheimgesellschaften

Schon vor der Qin-Dynastie (221–207 v. Chr.) hatte es im Volk immer wieder Bestrebungen gegeben, sich zu Geheimbünden zusammenzuschließen. In der Song- und Yuanzeit gab es vereinzelt geheime „Zusammenkünfte“, in der Ming-Dynastie organisierten sich diese allmählich, bis sie in der Qing-Dynastie ihre Blütezeit erlebten. Die Geheimgesellschaften waren einerseits Ausdruck dafür, dass Menschen der unteren sozialen Schichten nach einer Existenzgrundlage suchten oder sich Gehör verschaffen wollten, andererseits wiesen sie im Widerstand gegen die bestehende Herrschaftsordnung einen politischen Beigeschmack sowie auch mafiaähnliche Merkmale auf.

Entwicklungen im 20. Jahrhundert

Die Volksorganisationen des 20. Jahrhunderts entwickelten einige neue Charakteristika. Einerseits setzten sie die Volkstraditionen fort, zum anderen wurden sie auch von westlichen Konzepten und karitativen Modellen beeinflusst. Diese neuartigen sozialen Gruppierungen umfassten:

1.Verbände der chinesischen Revolution wie Studentenverbände, Gewerkschaften, Frauen- und Jugendverbände sowie politisch motivierte Verbände wie die „Gesellschaft zur Rettung des Staates“ oder Hilfsorganisationen, die während des Antijapanischen Widerstandes an der Front im Einsatz waren.

2. Neue Formen von akademischen und kulturellen Verbänden wie „Wissenschaftliche Gesellschaften“, „Forschungsgesellschaften“ oder „Vereine“. Diese resultierten einerseits aus der Verbreitung westlichen Wissens in China und dem geistigen Aufbruch der „Verwestlichungs-Bewegung“ am Ende der Qing-Dynastie, andererseits sind sie auf die „Vierte-Mai-Bewegung“ und die „Neue Kulturbewegung“ zwischen 1920 und 1930 zurückzuführen.

3. Neuartige Berufsorganisationen, welche die traditionellen Handelsgesellschaften und Gilden fortsetzten oder in Folge des aufblühenden nationalen Industrie- und Handelswesens entstanden.

4. Diverse Wohltätigkeitsorganisationen, die von ausländischen Missionaren zur Verbreitung der christlichen Lehre gegründet wurden. Diese hatten auch die Weiterentwicklung der traditionellen Organisationen gegenseitiger Hilfe sowie der karitativen Organisationen zur Folge und mündeten in neue Modelle gemeinnütziger Wohltätigkeit.

5. Geheimbünde und Geheimorganisationen, die in politisch instabilen Zeiten aktiv wurden.

Zieht man einmal die zwei Leitmotive in der Entwicklung der westlichen Zivilgesellschaft, nämlich den Kampf um bürgerliche Rechte und das Gemeinwohl des Volkes, zu einem Vergleich heran, werden zwei Merkmale der chinesischen Volksorganisationen deutlich: Erstens hatten die wirtschaftlichen Hilfs- und Gewinngemeinschaften sowie die kulturellen Interessensvereinigungen im Allgemeinen weder die Einforderung von Rechten im Sinn, noch verhielten sie sich aufrührerisch. Zweitens operierten die Organisationen, welche als Bündnisse unter Beamten und Gelehrtenbeamten oder als Geheimgesellschaften im Volk ein Gegengewicht zum Herrschertum bildeten oder dieses herausforderten, allesamt im Untergrund, sie waren verboten und wurden verfolgt.

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Teil II: Wesenszüge der chinesischen Gesellschaft im Rahmen der ethischen Ordnung (1)

Teil III: Wesenszüge der chinesischen Gesellschaft im Rahmen der ethischen Ordnung (2)

Der gesamte Text wurde 2005 in der Ausgabe Nr. 3 des Journals der Verwaltungshochschule Gansu veröffentlicht.
Text: Jia Xijin (贾西津)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der School of Public Policy and Management der Tsinghua Universität und stellvertretende Leiterin des NGO-Forschungsinstituts der Tsinghua-Universität
Übersetzung: Julia Buddeberg
Januar 2010
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