Narada Foundation: „Seed Funding“ in China


Narada Foundation Schuleinweihung Wenzhou © Narada Foundation
Die Narada Foundation wurde am 11. Mai 2007 mit Genehmigung des Ministeriums für zivile Angelegenheiten als eine Stiftung privater Trägerschaft in Peking gegründet. Das Gründungskapital in Höhe von 100 Millionen Renminbi (ca. 10 Mill. Euro) steuerte die Shanghai Narada Group bei. Die Narada Foundation versteht sich als Förderfonds, der die Rolle eines „Seed Fonds“ übernimmt und somit die Anschubfinanzierung von Projekten leistet. Der Stiftungsauftrag, die Förderung zivilgesellschaftlicher Wohltätigkeit, wird verwirklicht, indem durch finanzielle Unterstützung herausragende gemeinnützige Projekte und Organisationen vorangetrieben und soziale Innovationen aus der Mitte des Volkes angeschoben werden. Die Kernprojekte der Stiftung sind das New Citizen Program, in dem es um den Aufbau von Schulen für Wanderarbeiterkinder geht, der Wiederaufbau nach dem Erdbeben in Sichuan vom 12. Mai 2008 sowie die Unterstützung von NGOs oder NGO-Kooperationen.

Stv. Generalsekretär der Narada
Foundation, Liu Zhouhong (刘洲鸿)
Foundation, Liu Zhouhong (刘洲鸿)
Die meisten öffentlichen und privaten Stiftungen in China arbeiten derzeit als operative Stiftungen und realisieren eigene Projekte aus eigener Kasse. Warum definiert sich die Narada Foundation als eine Förderstiftung?
Die Narada Foundation hat sich dem Auftrag verpflichtet, zivilgesellschaftliche Wohltätigkeit zu unterstützen. Für die meisten chinesischen Grassroots-Organisationen sieht es nicht gerade rosig aus, denn sie sind von Anfang an auf finanzielle Unterstützung aus dem Ausland angewiesen. Wenn man vom Ausland abhängig ist können aber viele Probleme auftreten, beispielsweise kommt es immer wieder zu Konflikten, wenn die Weltanschauung nicht mit der gesellschaftlichen Realität in China übereinstimmt. Als wir auf diese Situation aufmerksam wurden, überlegten wir, ob wir den Organisationen nicht als private Stiftung mit etwas Geld unter die Arme greifen sollten, damit sie ihre fachlichen Stärken entwickeln und so der Gesellschaft besser dienen können. Gleichzeitig wollten wir auch andere öffentliche und private Stiftungen dazu animieren, sich mit ihren Ressourcen für diese nicht-staatlichen Organisationen zu öffnen.
Wie setzt die Narada Foundation ihre Idee des „Seed Funding“ im Projektverlauf um?
Das Konzept des „Seed Funding“ wird in unserem Projekt der New Citizen Schools am deutlichsten. Ziel dieses Projekts ist es zum einen, den Kindern von Wanderarbeitern Zugang zu einer ordentlichen Schulbildung zu verschaffen, zum anderen die Kooperation zwischen privaten Organisationen und Regierung finanziell zu begleiten. Schließlich soll neben den staatlichen Lehranstalten und den speziellen Schulen für die Kinder von Arbeitsmigranten ein dritter Weg ausprobiert werden, der die Bildung von Wanderarbeiterkindern sponsert: durch gemeinnützige und aus der Mitte der Gesellschaft betriebene New Citizen Schools. Um sicherzustellen, dass sich diese Schulen auch nachhaltig entwickeln, umfasst unsere Finanzierung verschiedene Bereiche: Erstens eine von Narada bereitgestellte Anschubfinanzierung in Höhe von zwei Millionen Renminbi (ca. 200.000 Euro). Dieses von uns als „Seed Capital“ bezeichnete Geld wird darauf verwendet, die Ausstattung der Schule zu verbessern und in den ersten zwei Jahren die Betriebskosten sowie die Kosten für wohltätige Projekte zu tragen. Zweitens bemühen wir uns sehr darum, die Unterstützung der Regierung zu bekommen, das umfasst sowohl Hilfe beim Schulgelände als auch die Unterstützung durch politische Maßnahmen. In der New Citizen School in Wenzhou etwa wird ein Drittel der Kosten von der Regierung übernommen, ein weiteres Drittel wird über Spenden aus der Gesellschaft finanziert. Sollte das noch nicht ausreichen, wird für das letzte Drittel den Familien etwas Geld abverlangt. Zu der New Citizen School in Yinchuan haben wir nur zwei Millionen Renminbi beigesteuert, die verschiedenen Regierungsebenen haben über 20 Millionen investiert, dazu unentgeltlich ein Areal von etwa 3,3 Hektar zur Verfügung gestellt und eine ganz neue Schule gebaut.
Mit dem Bau jeder Schule investiert die Narada Stiftung quasi zwei Millionen Renminbi in die Gründung einer Bildungs-NGO, kann kontinuierlich auf Mittel der Regierung und der Gesellschaft zurückzugreifen und ermöglicht den Kindern eine bessere Bildung.
Wie sind die „neuen Bürger“ aus dem New Citizen Program zu verstehen?
Unser New Citizen Program setzt nicht bei der Perspektive bürgerlicher Rechte an, sondern möchte für die Kinder der Wanderarbeiter ein Signal für ihren sozialen Aufstieg setzen. Die Kinder der Arbeitsmigranten sollen besser in die urbane Gesellschaft integriert werden und die Stadtbevölkerung soll diese Kinder besser aufnehmen.
Das New Citizen Program hat sich das Ziel gesetzt, innerhalb von fünf bis zehn Jahren in jede Schule eineinhalb bis zwei Millionen Renminbi zu investieren und 100 solcher gemeinnütziger Schulen privater Trägerschaft zu gründen. Wie kommen Sie bei der Verwirklichung dieser Ziele voran?
Als wir uns dieses Ziel setzten, nahmen wir an, dass es in finanzieller Hinsicht keine Probleme geben würde. Bis heute, drei Jahre später, haben wir aber erst sieben Schulen aufgebaut. Eine in Wenzhou in der Provinz Zhejiang, eine in Yinchuan in Ningxia und drei in Peking. Außerdem zwei Berufsschulen, jeweils eine in Peking und Chengdu. Abgesehen von diesen Schulen wurde noch ein pädagogisches Ausbildungszentrum eingerichtet. Insgesamt haben wir zwischen 16 und 17 Millionen Renminbi investiert.
Warum läuft es mit dem Bau der Schulen soviel langsamer als geplant?
Der Hauptgrund liegt darin, dass wir in der Praxis unsere Zielvorgaben nochmals korrigieren und sie den momentanen gesellschaftlichen Realitäten anpassen mussten. Wir hatten zunächst damit gerechnet, dass wir NGOs beim Betreiben der Schulen finanziell unterstützen würden, nicht jedoch, dass Narada die Schulen selbst führen würde. Obwohl die Anforderungen an die NGOs ziemlich niedrig waren, gibt es momentan in China sehr wenige NGOs, die über die notwendigen Fähigkeiten verfügen. Beispielsweise hatten wir zu Anfang in Peking drei NGOs für drei Schulen gefunden, mussten aber später feststellen, dass keine der NGOs in der Lage war, die Schulen in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Darüber hinaus ist die Politik der Pekinger Stadtregierung in dieser Hinsicht noch relativ rückständig, denn es gibt keine Hilfe beim Kauf von Schulen. Weil die Zuschüsse der Regierung sich noch nicht materialisiert hatten und wir zugleich nicht genügend private Mittel mobilisieren konnten, konnte die Finanzierungslücke bei den Schulen nicht geschlossen werden und Narada musste permanent nachfinanzieren, um die Projekte am Leben zu halten.

Schulbeginn im Narada-Schulprojekt Peking/Daxing, September 2007
© Narada Foundation
© Narada Foundation
Welche regionalen Unterschiede zeigen sich bei diesem Projekt? Warum ist die Situation in Peking nicht so gut wie in Wenzhou und Yinchuan?
Tatsächlich hinkt die Politik in Peking da etwas hinterher. Als Hauptstadt braucht man die Wanderarbeiter zwar einerseits für den Aufbau, andererseits ist der Bevölkerungsdruck sehr hoch, daher möchte man nicht, dass die Kinder der Arbeitsmigranten mit in die Stadt kommen und die Stadt noch mehr belasten. Dieses Dilemma führt dazu, dass nicht genug getan wird, das Bildungsproblem der Wanderarbeiterkinder zu lösen.
2009 war das Organisationskomitee des China Private Foundation Forums zunächst für ein Abkommen zur Selbstkontrolle der Stiftungen eingetreten, doch aus verschiedenen Gründen wurde daraus schließlich nur eine Deklaration zur Selbstkontrolle. Experten zufolge ist die eigene Kontrolle in chinesischen Stiftungen noch relativ wenig ausgeprägt. Wie sehen Sie das?
Sie haben Recht. Die Transparenz und Veröffentlichung von Informationen etwa in puncto der Vermögensverhältnisse, Projektinformationen und Entscheidungen lässt zu wünschen übrig. Das hängt einerseits damit zusammen, dass das Bewusstsein der Selbstkontrolle bei den Stiftungen zu schwach ausgeprägt ist, und andererseits ist auch die Überwachung durch die Medien und das Wissen der Bevölkerung um die eigenen Rechte nicht stark genug. So hat etwa eine Studie zu den Spenden für den Wiederaufbau nach der Erdbebenkatastrophe ergeben, dass nur 4,7 Prozent der Menschen wussten, wofür ihr Geld verwendet wurde. Aber solange kein Druck von Seiten der Spender kommt, haben die Stiftungen keine Motivation, für öffentliche Transparenz zu sorgen. Drittens hat die Regierung keine gesetzlichen Bestimmungen vorgesehen, durch welche die Stiftungen zur Selbstdisziplin verpflichtet würden.
Aus dem Abkommen wurde eine Deklaration, weil die Zeit noch nicht reif und man noch nicht ausreichend vorbereitet war. Manche denken vielleicht, Hauptsache das Geld ist da, und wollen sich keine Gedanken über Verbindlichkeiten machen. Aber wenn man an private Stiftungen einen höheren Maßstab anlegt, steht man in der Pflicht, sich der Öffentlichkeit zu erklären, denn die Spendeneinnahmen sind steuerfrei und so betreffen sie auch einen Teil des öffentlichen Haushalts. Gleichzeitig geht es natürlich auch um die Glaubwürdigkeit dieser Branche.
Wie sieht es derzeit mit dem Verwaltungspersonal für chinesische Stiftungen aus?
Daran herrscht großer Mangel. Besonders an Leuten, die Erfahrung in leitenden Positionen haben und über Fähigkeiten im Management verfügen. Momentan tun sich viele Stiftungen schwer, qualifizierte und professionelle Generalsekretäre oder Verwaltungsangestellte zu finden.
Einzelne Skandale haben dem karitativen Sektor in China großen Schaden zugefügt. Wie schätzen Sie die Entwicklung des chinesischen Wohltätigkeitswesens ein?
Ich persönlich denke, dass es viele Probleme gibt, denen man sich im Laufe eines Entwicklungsprozesses notwendigerweise stellen muss. Das hat mit der Entwicklung der Gesellschaft, der Geschichte und den Gesetzen zu tun, und damit, wie reif die Öffentlichkeit ist. Verglichen mit den USA oder Europa ist die Partizipation der chinesischen Bevölkerung relativ schwach ausgeprägt. Die Schwäche des öffentlichen Engagements ist aber auf ein Manko der Stiftungen zurückzuführen, denn diese ermöglichen es den Menschen nicht, sich auf einfache und unkomplizierte Weise einzubringen.
Die Gesamtsituation des karitativen Sektors muss in China noch besser werden, einschließlich des rechtlichen Umfelds und des öffentlichen Verständnisses. Natürlich ist es dabei am wichtigsten, dass wir uns selbst gut im Griff haben, dass wir uns keine moralischen, wirtschaftlichen oder rechtlichen Fehltritte leisten. Solange wir diesem Anspruch gerecht werden, kann uns nichts aus der Bahn werfen.
Herr Liu, vielen Dank für das Gespräch!
Interview/Text: Zou Yue (邹玥)
Journalistin, Peking
Übersetzung: Julia Buddeberg
Januar 2010
Journalistin, Peking
Übersetzung: Julia Buddeberg
Januar 2010









