Philanthropie und Zivilgesellschaft

Engagement – der Wille zum Stiften wächst

 Deutscher Stiftungstag Hannover 2009 © Bundesverband Deutscher Stiftungen, Foto: Marc Darchinger
Deutscher Stiftungstag Hannover 2009 © Bundesverband Deutscher Stiftungen, Foto: Marc Darchinger

Wilhelm Krull arbeitet seit 1996 als Generalsekretär der Volkswagen-Stiftung in Hannover – einer der größten deutschen Stiftungen. Im Juni 2008 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen gewählt. Nach seinem Studium der Germanistik, Philosophie, Pädagogik und Politikwissenschaft und einer Zeit als als DAAD-Lektor an der Universität Oxford war Krull beim Wissenschaftsrat und der Max-Planck-Gesellschaft beschäftigt.

Herr Krull, das Stiftungswesen in Deutschland boomt. Ist das Bewusstsein, auf diesem Weg gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, hier besonders ausgeprägt?

Wir hatten in Deutschland einen gewissen Nachholbedarf etwa im Vergleich zu unseren angelsächsischen Nachbarn. Die beiden Stiftungsreformen der vergangenen Jahre haben bei uns aber einen Schub ausgelöst in Richtung zivilgesellschaftliches Engagement. Wir können ganz deutlich feststellen, dass das bürgerschaftliche Engagement sich sehr stark ausgeweitet hat und auch weiter wachsen wird. Was den engeren Bereich der privatrechtlichen Stiftungen angeht, hat Deutschland im internationalen Vergleich den größten Zuwachs in den vergangenen zehn bis 15 Jahren. Neue Formen von Stiftungsarbeit und Stifterwillen haben sich parallel dazu etabliert.

Welche Arten von Stiftungen unterscheidet man in Deutschland?

Wir haben eine breite Palette, angefangen von öffentlich-rechtlichen Stiftungen, die auf Zuwendungen angewiesen sind und nicht aus eigenem Kapital heraus ihre Aufgaben wahrnehmen können. Der klassische Typ einer Stiftung ist der einer privatrechtlichen mit eigenem Kapital, einer eigenständigen Organisation und einem klar definierten Zweck. Dann gibt es drittens den Typ der unternehmensverbundenen Stiftung, bei der die Stiftung indirekt Haupteigentümer des jeweiligen Unternehmens ist. Viertens gibt es die Bürgerstiftungen. Insoweit etwas untypisch, weil sie mit einer hohen Mitgliederzahl von Bürgern, die selbst als Stifter auftreten, eine andere Entscheidungsstruktur haben.

Wie erklären Sie sich, dass es immer mehr Bürgerstiftungen gibt?

Dabei handelt es sich um die Adaptation eines Modells aus dem amerikanischen Kontext. Dort gibt es diese Stiftungen schon viel länger. Für Europa ist das Ganze erst in den 90er-Jahren in Gang gekommen. Nach der Wende in Mittel- und Osteuropa ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit bürgerschaftlichen Engagements in ganz starkem Maße nach Europa getragen und dann auch in Deutschland aufgegriffen worden. Eine Rolle spielte dabei auch der Wunsch, der Gesellschaft das Vermögen im Rahmen gemeinnütziger Projekte zugute kommen zu lassen. Hinzu kam die wachsende Bereitschaft, nicht nur Geld zu spenden, sondern auch Zeit für konkrete Projekte einzusetzen. Diese Idee hat sich sehr stark ausgebreitet, rund 200 Bürgerstiftungen gibt es mittlerweile in Deutschland. Ich glaube, dies wird auch zukünftig ein sehr dynamischer Sektor bleiben, da die Bereitschaft weiter wächst, Vermögen und Zeit in eine solche Stiftung einzubringen. Bürgerstiftungen werden immer wichtiger als Unterstützer für Soziales und Bildung.

Dr. Wilhelm Krull © Volkswagen Stiftung
Dr. Wilhelm Krull © Volkswagen Stiftung

Auf welche Bereiche konzentriert sich die Arbeit von Stiftungen?

Stiftungen sind auf vielen Feldern tätig, überwiegend im lokalen und regionalen Kontext. Verstärkt findet man sie in der Kultur und in den Bereichen Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technik. Hier ist in den vergangenen Jahren ein ganz deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Gerade Privatpersonen haben erkannt, dass ihr Engagement mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft auf diesen Feldern wichtig ist. Eine ganze Reihe von Stiftungen bieten hier Stipendien, Projektmittel oder andere Förderbeträge an. Wenn man ihren Anteil von 16 Prozent am gesamten Stiftungswesen für die wissenschaftsfördernden Stiftungen betrachtet, dann bringen die privatrechtlichen-kapitalbasierten Stiftungen rund eine Milliarde Euro im Jahr an Förderbeträgen auf. Das Gleiche gilt in ähnlicher Größenordung auch für die Kulturförderung.

Welche Motivation treibt Stifter an, solche Summen auszugeben?

Man kann immer wieder feststellen, dass Stifter sich vor allem in Bereichen persönlich einbringen, in denen sie selbst beruflich engagiert waren oder die sie sozial, wissenschaftlich oder kulturell interessieren. Es geht ihnen nicht alleine nur darum, dass ihr Geld sinnvoll verwendet wird, sondern meistens auch darum, sich in ganz bestimmten gesellschaftlichen Bereichen zukunftsorientiert zu engagieren, mitgestalten zu können oder gar selbst Institutionen zu gründen.

Welche gesellschaftspolitische Bedeutung kommt der Arbeit von Stiftungen in Deutschland heute zu?

 Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, Gemälde von Josef Stieler (1828), München, Neue Pinakothek © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Johann Wolfgang von Goethe ©
Presse- und Informationsamt
der Bundesregierung
Das Bewusstsein in der Gesellschaft, dass mehr bürgerschaftliches Engagement nötig ist, wird von immer mehr Menschen geteilt. Gerade in den vergangenen Jahren haben wir gesehen, wie sich der Gedanke des Dichters Goethe „Wer nichts für andere tut, tut nichts für sich“ für das Stiftungswesen positiv auswirkt. Denn immer mehr Menschen fragen sich heute: Wie kann ich das, was ich an Vermögen und Kompetenzen erworben habe, in die Gesellschaft zurückbringen, um dort der nächsten Generation bessere Zukunftschancen zu eröffnen.


Sehen Sie Bereiche, in denen sich für Stifter neue Aufgaben auftun?

Gesellschaftlichen Bedarf gibt es in vielen Bereichen. Ich gehe davon aus, dass wir trotz der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise weiterhin einen Anstieg von Stifter-Engagement erleben werden, und das sowohl bei der Erhöhung des stifterischen Kapitals in vorhandenen Stiftungen als auch bei Neugründungen. Die Unterstützung für Bildung, Wissenschaft und Forschung wird dabei sicher weiter zunehmen und in gewissen Bundesländern wird auch die Kultur- und Kunstförderung davon profitieren. Klar erkennbar ist ebenfalls bereits, dass die neue Stiftergeneration sich sehr viel stärker als aktive und mitgestaltende Akteure begreift, die Impulse geben will und sich nicht nur als bloßer Geldgeber sieht.

Der Artikel erschien erstmalig im Sommer 2009 auf www.magazine-deutschland.de
Interview/Text: Oliver Sefrin
Redakteur, Frankfurt
März 2010
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