Berichterstattung durch ‚Positionierungsdebatte’ verzerrt


Podiumsdiskussion anlässlich der Vorstellung der Studie, v.l.n.r.: Carola Richter, Prof. Thomas Heberer, Barbara Unmüßig, Guo Ke, Sven Hansen, Foto: Stephan Röhl © Heinrich-Böll-Stiftung
Am 14. Juni 2010 wurde in Berlin von der die Studie Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien vorgestellt. Ein Anlass für die Studie sei die immer wieder hervorgebrachte Unzufriedenheit mit deutschen Medien auf chinesischer Seite gewesen, sagte die Vorsitzende der Stiftung Barbara Unmüßig bei der Vorstellung. Zudem genieße die China-Berichterstattung einen erfreulich hohen Stellenwert in den deutschen Medien, was nicht zuletzt die Zahl von mittlerweile mehr als 30 deutschen Korrespondenten vor Ort zeige, so Unmüßig. „Wir wollten wissen: Korreliert das auch mit Qualitätszuwachs, mit mehr Hintergrundberichterstattung, mit mehr Differenzierung und Pluralismus?“
Herausgekommen ist die bislang umfangreichste Studie zu diesem kontroversen Thema. Neben sechs führenden Printmedien (FAZ, SZ, taz, Focus, SPIEGEL sowie DIE ZEIT) haben die Autoren der Studie, Carola Richter und Sebastian Gebauer, auch die Tagesschau sowie über 25 weitere TV-Formate von ARD und ZDF über das Gesamtjahr 2008 unter die Lupe genommen. Knapp die Hälfte der rund 8.800 erfassten Beiträge mit China-Bezug wurde einer qualitativen Analyse unterzogen. Ergänzend führten die Autoren Interviews mit mehreren China-Korrespondenten und Asien-Redakteuren.
Für das Kulturnetz sprach Markus Wanzeck mit der Autorin der Studie, Carola Richter.
Frau Richter, die nun veröffentlichte Studie zur deutschen China-Berichterstattung ist die bisher umfangreichste Untersuchung zu diesem Thema. Was konnten Sie feststellen?
Es gibt zwei mediale Bilder von China. Einerseits ist da ein fast schon euphorisch zu nennender China-Diskurs, der sich vor allem im Bereich der Wirtschaftsberichterstattung abspielt. Dem gegenüber steht ein eher konfliktorientierter Diskurs, der auf die immer gleichen Themen wie etwa Tibet oder die Menschenrechte fokussiert. Was sich außerdem herauskristallisiert hat, ist eine Verzerrung der Berichterstattung durch ein Phänomen, das wir mit dem Begriff „Positionierungsdebatte“ bezeichnet haben.
Worum dreht sich diese Debatte?

Cover der China-Medienstudie ©
Heinrich-Böll-Stiftung
Heinrich-Böll-Stiftung
Eine ähnliche Einseitigkeit haben Sie – mit umgekehrten, positiven Vorzeichen – bei der Wirtschaftsberichterstattung festgestellt.
Es war die Tendenz erkennbar, euphorische Annahmen deutscher Firmenmitarbeiter oder Weichgezeichnetes aus PR-Meldungen unreflektiert zu übernehmen. Das ist schon erstaunlich, es zeugt von nur bedingt journalistischer Arbeit. Andererseits gab es auch eine Menge Artikel, die ein sehr problematisches China-Bild zeichnen, gerade im Hinblick auf Wirtschaftsspionage und Produktpiraterie. Beiden Blickwinkeln gemein ist die hohe Emotionalität, die durch eine genuin deutsche Perspektive auf China bedingt ist.
Ist die deutsche China-Berichterstattung also nicht nüchtern genug? Sie scheint zwischen berauscht und verkatert zu oszillieren.
So kann man das sagen. Zwischen diesen beiden Polen müsste eigentlich die journalistische Arbeit stattfinden. Es gab zwar auch einige positive Beispiele. So wurden anlässlich der Finanzkrise stärker die Zusammenhänge zwischen inneren chinesischen Entwicklungen und der Bedeutung Chinas für die Weltwirtschaft in den Blick genommen. Aber insgesamt kommt diese tiefergehende, ausgewogene journalistische Arbeit zu kurz.
Die Studie attestiert der deutschen China-Berichterstattung ein eng begrenztes Themenfeld, eine eurozentristische Perspektive sowie eine konfliktlastige Kernagenda. Sind das nicht Vorwürfe, denen sich Auslandsberichterstattung generell ausgesetzt sieht?
Da kommt eine typische Medienlogik zum Tragen, das ist richtig. Aktualität, Prominenz, Konflikte, Unglücke – das interessiert die Menschen doch! So hört man das von Journalisten immer wieder. Aber diese vermeintliche Medien-Binsenweisheit sollte man hinterfragen. Womöglich wollen die Menschen tatsächlich ein Land auch verstehen lernen. Das geht nur über eine vielseitigere Berichterstattung. Wobei China, was die Themenvielfalt angeht, gar nicht schlecht dasteht im Vergleich mit anderen Weltregionen. Das muss man positiv anmerken. Dennoch vermuteten manche chinesischen Beobachter wegen der vielen Negativschlagzeilen des Jahres 2008 eine „Medienverschwörung“ gegen ihr Land.
Von einer Verschwörung kann man sicherlich nicht sprechen. Der teilweise sehr eingeschränkte, fokussierte Themenhaushalt der Medien ist ein Problem. Und eben auch die besagte Positionierungsdebatte. Dennoch ist in allen Medien ein Binnenpluralismus erkennbar: Es treffen verschiedene Meinungen zu China aufeinander und werden im Medium abgebildet. Auch medienübergreifend gibt es diesen Pluralismus. Eine einheitliche Linie ist nicht erkennbar.
Woher rührt dann diese Aufregung? Sogar das Wort von einem „deutsch-chinesischen Medienkrieg“ ist ja seinerzeit gefallen.

Carola Richter, Foto: Stephan Röhl
© Heinrich-Böll-Stiftung
© Heinrich-Böll-Stiftung
Was sich wiederum in ihrer Berichterstattung niedergeschlagen hat?
Zum Teil war das so. Bei den ersten Berichten über die Tibet-Unruhen etwa konnte man das sehen. Den Journalisten war der Zugang nach Tibet verwehrt. Sie wurden mit Informationen abgespeist, die von vornherein unglaubwürdig wirkten. Das hat zu vorurteilsbeladenen Annahmen geführt, die sich in den Berichten widerspiegelten. Das Vorgehen des chinesischen Militärs wurde anfangs überzeichnet. Die Bilder des chinesischen Fernsehens dagegen, die Gewalt von Tibetern gegenüber Han-Chinesen zeigten, nahm man zunächst nicht für voll. Allein der taz- und ZEIT-Korrespondent Georg Blume konnte in dieser Phase differenzierter berichten – er und seine Kollegin Kristin Kupfer waren die einzigen deutschen Journalisten, die noch eine Zeit lang Zugang hatten zu der Region.
Das ist ein wichtiger Punkt: Einen China-Korrespondenten können sich außer den von Ihnen untersuchten Medien nur wenige leisten. Der Politikwissenschaftler Thomas Heberer ist jedoch überzeugt, dass es gerade die weniger privilegierten Regional- und Online-Medien sind, die ein einseitiges, stereotypes Bild Chinas verbreiten.
Die Auswahl des Untersuchungsgegenstandes ist immer eine Möglichkeit, so eine Studie anzugreifen. Es ist aber eine Zeit- und Budgetfrage. Wir haben uns auf die wichtigsten Medien beschränkt, die für die Auslandsberichterstattung in Deutschland meinungsbildend sind. Die setzen auch oft die Agenda für kleinere oder regionale Medien.
Warum haben sie für eine repräsentative Medienanalyse ausgerechnet das Jahr 2008 gewählt – das, wie Kai Hafez in seiner Kommentierung der Studie anmerkt, nicht nur wegen der Olympiade „eine einzige lang anhaltende Ausnahmesituation“ war?
Von der Intensität der Berichterstattung her war 2008 sicherlich nicht vergleichbar mit anderen Jahren. Wir sind aber davon ausgegangen, dass 2008 eine Art Brennglassituation für die China-Berichterstattung war, die bestimmte vorherrschende Diskursmuster, Themen und Stereotype auch klarer fassbar machte als sonst.
China wird wirtschaftlich, weltpolitisch und medial immer präsenter. Ist es eine Frage der Zeit, bis althergebrachte China-Klischees aus den Medien verschwinden?
Was die beschriebenen generellen Mechanismen der Auslandsberichterstattung angeht, bin ich skeptisch. Weder bei der Berichterstattung über den Nahen Osten, noch bei der über Afrika lassen sich wirkliche Wendepunkte erkennen. Bei der Themenauswahl wird immer wieder auf eine oberflächliche Nachrichtenlogik abgestellt. Ich denke jedoch, dass die von uns als „Positionierungsdebatte“ bezeichnete eher angstvolle Bewertung Chinas abnehmen wird. So wie auch die zunächst sehr angstvolle Berichterstattung zu Japan in den 1970ern abgenommen hat. Dies wird zu einem weniger emotionalen Umgang mit China beitragen.
Carola Richter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mediensystemvergleich an der Universität Erfurt. Der Co-Autor der Studie, Sebastian Gebauer, studierte „Wirtschaft und Politik Ostasiens“ in Bochum und Shanghai.
Die Studie „Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien“ (304 Seiten, 2,46 MB) kann hier (http://www.boell.de/publikationen/publikationen-china-berichterstattung-medien-9409.html) als PDF heruntergeladen oder in gedruckter Form bei der Heinrich-Böll-Stiftung angefordert werden:
Heinrich-Böll-Stiftung e.V.
Schumannstr. 8
10117 Berlin
Tel.: (0)30 285340
E-Mail: info@boell.de
Die Studie „Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien“ (304 Seiten, 2,46 MB) kann hier (http://www.boell.de/publikationen/publikationen-china-berichterstattung-medien-9409.html) als PDF heruntergeladen oder in gedruckter Form bei der Heinrich-Böll-Stiftung angefordert werden:
Heinrich-Böll-Stiftung e.V.
Schumannstr. 8
10117 Berlin
Tel.: (0)30 285340
E-Mail: info@boell.de
Text: Markus Wanzeck
Journalist und Alumnus des Austauschprogramms „Medienbotschafter China-Deutschland“,
arbeitet im Berliner Büro des Reporternetzwerks „Textsalon“ (www.text-salon.de).
Juli 2010
Journalist und Alumnus des Austauschprogramms „Medienbotschafter China-Deutschland“,
arbeitet im Berliner Büro des Reporternetzwerks „Textsalon“ (www.text-salon.de).
Juli 2010









