Medien: Wahrnehmung und Wirkung

Die Medien und die deutsch-chinesischen Beziehungen

Von links: Sven Hansen, Dr. May-Britt Stumbaum und Ban Wei (班玮)
Von links: Sven Hansen, Dr. May-Britt Stumbaum und Ban Wei (班玮)
Von links: Sven Hansen, Dr. May-Britt Stumbaum und Ban Wei (班玮)

Die deutsch-chinesischen Beziehungen wurden in den letzten Jahren durch die deutsche Berichterstattung getrübt. Vor allem während der Unruhen in Tibet und der Olympiade im Jahr 2008 wurde China in den deutschen Medien heftig kritisiert. Die Ausweisung (fast) aller ausländischen Journalisten aus Tibet und die Pressezensur während der Olympischen Spiele führten zu einem Aufschrei der deutschen Medien, den die chinesische Bevölkerung nicht verstehen konnte. Seitdem ist das Verhältnis angespannt.

Dies waren die wichtigsten Stichworte für die Podiumsdiskussion Die Medien – Fluch oder Segen für die Deutsch-Chinesischen Beziehungen?, die im Rahmen des Abschlusssymposiums des Deutsch-Chinesischen Studentendialogs 2010 am 11. Juni in Berlin stattfand. Es diskutierten Sven Hansen, Asienredakteur der taz und Ban Wei (班玮), Büroleiter von Xinhua, der größten staatlichen Nachrichtenagentur Chinas. Dr. May-Britt Stumbaum, Leiterin des EU-China-Projektes des Stockholm International Peace Research Institute, moderierte die Diskussion.

Deutsch-Chinesischer Studentendialog

Das dreitägige Abschlusssymposium des Deutsch-Chinesischen Studentendialogs fand 2010 bereits zum dritten Mal statt. Der Studentendialog führt potenzielle Entscheidungsträger von morgen zusammen und strebt ein größeres Verständnis der jeweils anderen Kultur an. Die Kenntnis der verschiedenen Sitten, Ängste und Bedürfnisse, so glauben die organisierenden Mitglieder des Studentenforums im Tönissteiner Kreis – einem international ausgerichteten Think Tank deutscher Studierender – führe zu einer besseren interkulturellen Verständigung.

30 deutsche und chinesische Studenten nahmen am diesjährigen Symposium teil, für dessen Teilnahme man sich bewerben musste. Zu den zahlreichen Aktivitäten der mehrtägigen Veranstaltung gehörte unter anderem auch eine Führung durch das ARD-Hauptstadtstudio in Berlin. Darüber hinaus wurden die Gewinner des ebenfalls jährlich stattfindenden Essaywettbewerbs prämiert, der 2010 unter dem Titel „Die Medien – Fluch oder Segen für die deutsch-chinesischen Beziehungen?“ ausgeschrieben worden war. Die Jury, in der unter anderem der Chinawissenschaftler Prof. Dr. Thomas Heberer und der China-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Mark Siemons, aber auch die Designerin Liu Yang (刘扬) saßen, zeigte sich besonders von vier Beiträgen beeindruckt.

Wang Xixi (王曦希) gewann den ersten Preis unter den chinesischen Teilnehmern mit seinem Essay zum Thema Die Bilder der Anderen – einem Abriss der deutsch-chinesischen Beziehungen seit Willy Brandt bis in die Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Medien beider Länder. Der zweite Platz ging an Hang Su (杭苏). In seinem Essay mit dem Titel Auswahlprüfung, Sortierung und Neutralisierung in den chinesischen Medien analysierte er die chinesische Berichterstattung über Deutschland, aufgeteilt nach Print, TV/Radio und Internet. Ein wichtiges Fazit seinerseits: Kunst und Kultur seien viel zu selten ein Thema bei der chinesischen Berichterstattung über Deutschland.

Zwei weitere Preise wurden an Teilnehmer aus Deutschland vergeben: Roman Serdar Mendle überzeugte die Jury mit dem Thema Die Meinungsfreiheit der Chinadissidenten – wie die deutschen Medien die deutsch-chinesischen Beziehungen beeinflussen. Nach Ausführungen zu Beziehungsmodellen auf Mikro- und Makroebene auf Basis des Konstruktivismus führte der Autor verschiedene Beispiele an, um zu zeigen, dass zu positive Berichterstattung über China in Deutschland teilweise sogar „bestraft“, kritische Berichterstattung hingegen kaum hinterfragt werde. Die Berichterstattung deutscher Medien über China habe letztlich einen eindeutig negativen Einfluss, so das Fazit des Autors. Den zweiten Preis gewann Benedikt Crone. Er setzte sich mit dem Thema Wenn alle dasselbe sagen: „Differenzierte“ China-Berichterstattung deutscher Medien auseinander. Sein Beitrag, der auf Kai Hafez‘ Interdependenz-Theorie zum Vergleich globaler Mediensysteme aufbaute, machte als Hauptursache für die derzeitige teils einseitige deutsche Berichterstattung über China unter anderem die minimale personelle Besetzung der Redaktionen vor Ort, mangelhafte Chinakenntnisse der Korrespondenten, die simultane Fütterung der Informationskanäle und die gegenseitige Übernahme der Nachrichten unter Journalisten verantwortlich. Sein Appell: Journalisten sollten den Dialog, nicht den Monolog suchen – und nicht Erwartungen, sondern „die Wahrheit“ sollte die Motivation sein, einen Artikel zu schreiben.

Die Sieger hatten im Rahmen des Symposiums erstmals die Möglichkeit, ihre Thesen und Ergebnisse öffentlich zu diskutieren.

Gegenseitige Wahrnehmung

Auf die Unterschiede zwischen deutscher und chinesischer Berichterstattung wies Xinhua-Deutschlandkorrespondent Ban Wei hin. Die chinesischen Medien berichteten weitgehend positiv über Deutschland und bemühten sich besonders, ihre Leser von den Erfahrungen der Deutschen lernen zu lassen. Deshalb seien weniger Missstände und Probleme ein Thema, sondern eher Menschen- und Bürgerrechte oder Umweltschutz. Deutschland habe Vorbildfunktion besessen, doch die negative Berichterstattung im Vorfeld der Olympiade habe zu Unverständnis in China geführt. Deutsche Zeitungsartikel und Fernsehbeiträge seien mit Vorurteilen besetzt und sehr emotional gewesen, kritisierte Ban. Auch durch das Internet nähmen die Chinesen Deutschland nun viel nuancierter und damit auch mit seinen Problemen wahr. Die Lage bessere sich derzeit jedoch allmählich wieder, so sein Eindruck. Besonders die Berichte zur Expo 2010 in Shanghai seien viel ausgeglichener und analytischer.

Die Stimmung gegenüber China sei von einem ständigen Auf und Ab geprägt, sagte Asienredakteur Sven Hansen. So hätten beispielsweise die 68er eine unkritische Haltung gehabt, gegen die auch die Medien nicht angekommen seien: „Da hat eine Übereuphorisierung stattgefunden, für die man sich schämen muss“. Generell hätten die Medien aber überhaupt nicht die Aufgabe, Fluch oder Segen zu sein. Ihr Ziel sei die Informationsvermittlung und nicht, einen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten, betonte Hansen. Darüber hinaus werde das Chinabild auch von Politik, Wissenschaft und Kultur bestimmt. Medien seien keinesfalls so mächtig, wie immer behauptet werde. Auch die negative Berichterstattung habe nichts mit so genanntem „China-Bashing“ zu tun. Natürlich gelte der Maßstab „bad news are good news“, aber trotzdem wollten die Medien die gesamte Bandbreite Chinas abbilden und einen differenzierten Blick auf Politik, Kultur und Wirtschaft bieten. Oftmals verhindere aber auch die chinesische Regierung eine positivere Berichterstattung. Während der Unruhen in Tibet habe sich neben einem Journalisten des Economist nur noch ein Korrespondent der taz in der Region befunden, der viel ausgewogener berichtet habe als die Journalisten, die sich nur auf die Aussagen der Exil-Tibetaner gestützt hätten. „Dabei sein“ sei für eine ausgeglichene Berichterstattung sehr wichtig.

Entwicklung der Pressefreiheit

Schließlich waren sich beide Journalisten einig, dass sich die Pressefreiheit in China zum Positiven entwickele. Man könne von einer Kommerzialisierung der Medien sprechen. Das Internet böte den Chinesen heute die Möglichkeit, sich eine umfassendere Meinung als je zuvor zu bilden, sagte Ban. Auch der Umgang der Behörden mit ausländischen Journalisten sei heute viel offener und freier. Der chinesische Staatsapparat habe mittlerweile erkannt, so Sven Hansen, dass allein die Medien entschieden, was sie schrieben. Im Ausland hätten die chinesischen Medien mittlerweile sogar ein ganz anderes „Standing“ als die deutschen. Bei Bushs letztem Besuch in China habe die amerikanische Regierung selbst bei Xinhua angerufen und ein Interview mit dem amerikanischen Präsidenten angeboten, berichtete Ban Wei.
Text: Jasmin Sandhaus
Freie Journalistin, Berlin
Juni 2010
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