Medien: Wahrnehmung und Wirkung

Auch bloß Propaganda?

Links: Kinderarbeit in Indien, Rechts: Landschule in Sichuan © www.icpress.cn
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Die Regierung Chinas wird von den deutschen Medien immer wieder hart angegangen: Wegen ihrer Menschenrechtsverletzungen, fehlender Pressefreiheit im Land, oder jüngst wegen der Zensur, der das Internet in China unterliegt. Über Chinas fast genauso bevölkerungsreiches Nachbarland Indien liest, hört und sieht man wenig Kritisches in den deutschen Medien. Kein Wunder, möchte man meinen, schließlich ist China ja auch eine Diktatur, und Indien eine parlamentarische Demokratie nach westlichem Muster. Da gibt es nicht viel Grundsätzliches zu kritisieren.

Tatsächlich? Die New York Times meldete im letzten Jahr, dass China die Unterernährung bei den unter fünfjährigen Kindern auf 7 Prozent reduziert hat, während die Vergleichszahl in Indien bei unglaublichen 42,5 Prozent liegt. Und diese Zahl nimmt trotz des enormen indischen Wirtschaftswachstums weiter zu. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt laut dem 2009 von der UNO erstellten Human Development Report in China 72,9 Jahre; damit ist sie genauso hoch wie im EU-Staat Estland. In Indien liegt sie bei 63,4 Jahren. Das heißt, ein heutiger Inder lebt durchschnittlich fast zehn Jahre kürzer als ein heutiger Chinese. Bei der Bildung führt China ebenso mit weitem Abstand vor Indien. 93,3 Prozent aller Bewohner Chinas können laut dem UN-Report lesen und schreiben. In Indien sind es lediglich 66 Prozent. Auch das Recht auf Leben ist ein Menschenrecht, ebenso wie das Recht auf Bildung. Doch diese Rechte werden im demokratischen Indien täglich viel stärker verletzt als im undemokratischen China. Wieso aber erfährt man darüber kaum etwas aus den deutschen Medien?

Übrigens: Obwohl Indien eine Demokratie ist, gibt es im Land eine Zensur, vor allem bei religiösen und sexuellen Themen. Salman Rushdies Buch Die satanischen Verse wurde hier sofort nach Erscheinen verboten. Der Film The Pink Mirror, in dem es um Schwule und Transsexuelle geht und der auf internationalen Festivals einige Preise gewann, darf bis heute in Indien nicht gezeigt werden. Und wie in China so sind auch in Indien viele Seiten im Internet blockiert. Aber auch dazu schweigt man in den deutschen Medien. Stattdessen wird über jede Reise des Dalai Lama berichtet, und ausführlich über die Aktivitäten tibetischer Separatisten. Was aber weiß man in Deutschland über, sagen wir mal, die im Osten Indiens kämpfende Befreiungsfront von Assam oder die maoistischen Naxaliten, die innerhalb Indiens immerhin eine Fläche von der Größe Portugals kontrollieren?

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich sollten deutsche Medien auch über Menschenrechtsverletzungen und Zensur in China berichten. Aber sie sollten bei ihrer Berichterstattung die Relationen beachten. Und vielleicht berichtet man auch mal über den einen oder anderen Fortschritt, den die chinesische Gesellschaft macht: Zum Beispiel darüber, dass sich nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen die Zahl der vollstreckten Todesurteile in China in den letzten Jahren um ein Drittel verringert hat. Oder dass sich China auf dem von „Reporter ohne Grenzen“ erhobenen Pressefreiheitsindex in den Jahren von 2002 bis 2009 um mehr als zehn Punkte verbesserte. Über die Demokratieexperimente, die die chinesische Regierung in den Dörfern unternimmt. Oder über die Debatten unter chinesischen Professoren und anderen Intellektuellen, wie sie zum Beispiel Mark Leonard in seinem ausgezeichneten Buch Was denkt China? beschrieben hat. Bleibt es dagegen bei dem momentanen Tenor der Berichterstattung, darf man sich nicht wundern, wenn man von Chinesen immer öfter hört: „Eure angeblich so freien Medien machen doch auch bloß Propaganda.“

Der Beitrag wurde erstmals am 26. Januar 2010 bei WDR 5 in der Sendung Politikum gesendet.


Christian Y. Schmidt, Foto: David Schmidt
 Christian Y. Schmidt, geboren 1956, war viele Jahre Redakteur der Satirezeitschrift Titanic. Bevor es ihn nach China verschlug, schrieb er gemeinsam mit weiteren Autoren die Bücher Genschman (1990) und Die roten Strolche (1994). 1998 erschien Wir sind die Wahnsinnigen, eine Biographie über Joschka Fischer. Seit 2005 lebt er zusammen mit seiner chinesischen Frau in Peking und schreibt als freier Autor u.a. für die FAZ, SZ, Merian, NZZ, Die Zeit und Jungle World. 2008 erschien sein Reisebuch Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai bis Kathmandu bei Rowohlt. 2009 folgte Bliefe von dlüben. Der China-Crashkurs. Allein unter 1,3 Milliarden wurde ins Chinesische übersetzt und ist im Januar 2010 im Verlag Central Compilation & Translation Press erschienen.
Text: Christian Y. Schmidt
Freier Autor, Peking/Berlin
Februar 2010

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